Ausgabe 
29.8.1901
 
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der Aufregung wie vom Fieber geschüttelt. Ratlos stand Rudolf neben ihr; 6ernt was hätte er jetzt noch! sagen können, sie zu trösten!

Sie erwartete wohl auch keinen Trost mehr von ihm; denn mit wachsender Leidenschaftlichkeit stieß sie in einzelnen, abgerissenen Worten hervor:Sie haben Mich belogen, als Sie mir sagten, daß Sie immer an miet; dächten, und daß Sie Sehnsucht danach hätten, mich wieder zu sehen! Ich war eine Thörin, daß ich es Ihnen glaubte. Ach, wenn ich es doch nur damals geahnt hätte wenn ich es geahnt hätte--"

Sie drehte sich mit einem Mal wieder nach ihni um, und er blickte bestürzt in ihr zuckendes, von Thränen überströmtes Gesicht.

Soll ich Ihnen sagen, was ich gethan hätte, wenn ich an jenem Abend so klug gewesen wäre wie jetzt? Ich hätte Sie nicht elend umkommen lassen tote ein ver­irrtes Wild, aber unter der überhängenden Wand, da wo wir Sani) in Hand auf dem schmalen Steg am Ab­grunde hingingen, da hätte ich mich mit Ihnen in die Tiefe gestürzt!"

In ihren Augen stand es geschrieben, daß es ihre wirkliche Ueberzeugung war, was sie da aussprach. Jedoch auch noch etwas anderes war darin zu lesen, etwas, das Rudolf in einen Taumel des Entzückens versetzt haben würde, wenn er es früher in ihnen ent­deckt hätte. Jetzt aber war es zu spät zu - spät nicht nur um des unabwendbaren Verhängnisses willen, das sich seit gestern zwischen sie und ihn gedrängt, sondern zu spät vor allem, weil er mit einem gewissen Erschrecken urplötzlich inne wurde, daß dieses Verhängnis die lodernden Flammen seiner Leidenschaft erstickt hatte bis auf das letzte Fünkchen.

Die Schönheit dieses reizenden Geschöpfes, nach dem er sicherlich jetzt nur noch, hätte die Hand auszustrecken brauchen, um es in seinen Armen zu halten, konnte wohl das schmerzliche Mitleid noch vertiefen, das er für sie empfand, aber sie bedeutete ihm jetzt keine stockende Ver­suchung mehr tote früher. Ihm selbst erschien diese ihm plötzlich zur Erkenntnis gekommene innere Wandlung rätselhaft und befremdlich, aber sie toar eine Thatsache, die er sich nicht länger verheimlichen konnte.

Nun?" fuhr Lilli mit einem harten Auf­lachen fort, nachdem sie ein paar Sekunden lang auf seine Erwiderung gewartet hatte.Ist es das. nach­trägliche Entsetzen über die Gefahr, in der Sie sich da beinahe befunden hätten, was Sie so stumm macht? Oder haben Sie mir wirklich nichts gar nichts mehr zu sagen?"

Doch, Fräulein von Ranten, ich möchte Ihnen noch manches sagen, aber ich möchte es nicht thun, ehe Sie sich beruhigt haben. In Ihrer gegenwärtigen Stimmung würden Sie wahrscheinlich doch jedem meiner Worte eine falsche Deutung geben, und würden für Gleichgiltigkeit aber Herzlosigkeit nehmen, was--"

Sie hatte nach dem unverhüllten Geständnis, das sie ihm soeben mit Augen und Mund gemacht, etwas ganz anderes erwarten müssen, und die demütigende Erkenntnis, daß sie sich getäuscht habe, ließ sie zusammen­zucken, tote unter einem Peitschenhieb.

Nein, ich will nichts hören", fiel sie ihm wild in die Rede,nichts nichts nichts! Gehen Sie lassen Sie mich allein! Ich hasse Sie es ist mir unerträglich. Sie zu sehen."

Er versuchte umsonst, sie zu beschwichtigen, und als er darauf beharrte, daß sie jetzt mit ihm in das Thal hinuntergütge, lief sie plötzlich davon. Im nächsten Augen­blick schon hatte der Nebel sie verschlungen, und Rudolf wußte nicht einmal, welche Richtung er einschlagen müsse, um sie zu verfolgen. Er suchte wohl noch eine Zeit lang nach ihr, und rief.wiederholt ihren Namen, aber er wußte von vornherein, daß es ein aussichtsloses Beginnen sei. Ohne Zweifel hatte sie den festen Willen, sich nicht von ihm finden zu lassen.

So blieb ihm denn zuletzt nichts anderes übrig, als sich auf den Heimweg zu machen, von bitterer Reue erfüllt, daß er seiner ersten Absicht untren geworden war und ihrer Aufforderung überhaupt Folge geleistet hatte. Der Abstieg war noch mühseliger, als das Heraufklettern,

und fast überall, wo er den Fuß auf das nackte Gestein setzte, toar er in Gefahr, auszugleiten. Aber er getoatm doch nach und ttach eine gewisse Sicherheit, und kam glücklick) bis an das Marterl über dem schroffen Absturz der Adlerwand.

Da löste sich unmittelbar hinter ihm eine dunkle Menschengestalt, die Gestalt eines großen, hageren Mannes, aus dem bergenden Schub eines Felsenvorsprunges, hinter dem sie sich so lange verborgen gehalten hatte. Lautlos, mit unhörbaren Schritten, glitt der Mann auf Rudolf zu, und plötzlich der Ahnungslose befand sich, eben hart an dem Geländer, das den schmalen Steig nach der Seite des furchtbaren Abgrundes hin schützte warf er sich mit der ganzen Kraft seines Körpers gegen den jungen Rechtsanwalt.

Rudolf stieß einen Schrei der Ueberraschung und des Schreckens aus, und fuhr mit einer blitzschnellen, halb in­stinktiven Bewegung nach seinem hinterlistigen Angreifer herum. Es gelang ihm auch wirklich, ihn zu packen, aber der Wucht des unerwarteten Anpralls hatte der junge Mann doch nicht widerstehen können. Sie taumelten beide schwer und heftig gegen das Geländer.

Und die beiden kreuzweise übereinander genagelten Stämmchen, aus denen es bestand, setzten ihnen keinen rettenden Widerstand entgegen. Ob es der langsam zer­störende Einfluß der Elemente, oder ob es eine ver­brecherische Hand gewesen war, die ihre Befestigung ge­lockert hatte jedenfalls gaben sie dem Stoße sofort nach> und stürzten zugleich mit den beiden, sich jetzt im Fallen eng umklammernden Menschenkörpern hinab in die schauerliche Tiefe.

Elftes Kapitel.

Atemlos, geisterbleich, und mit angstentstelltem Gesicht toar Lilli von Rauten gegen neun Uhr in dem Hause er­schienen, wo Rudolf Irnberg wohnte. Als man ihr auf ihre hastige Frage sagte, der Rechtsanwalt sei um sechs Uhr fortgegangen, und bis jetzt nicht zurückgekehrt, hielt sie der Wirtin, mit der sie spracht einen Männ'erhut ent­gegen, den sie bis dahin hinter ihrem Rücken ver­borgen hatte.

Kennen Sie das?" fragte sie mit ganz tonloser Stimme.

Die Frau betrachtete die Kopfbedeckung von allen Seiten, dann meinte sie:Ja, wenn mich nicht alles täuscht, ist es Herrn Irnbergs Hut. Um Gottes willen, Fräulein, wie kommen Sie zu dem? Meinem Logier­herrn ist doch, nicht etwa ein Unglück zugestoßen?"

Lilli lehnte sich gegen beit Thürpfosten. Sie zitterte am ganzen Leibe.Wenn dies sein Hut ist, so ist er von der Adlerwand abgestürzt. Ich sand ihn oben neben dem niedergebrochenen Schutzgeländer."

Die Vermieterin toar eine entschlossene Fran, und ihr Entsetzen hinderte sie nicht, sofort alles zu thun, was sie auf eine solche Mitteilung hin für geboten hielt.

Binnen kürzester Frist toar das halbe Dors alarmiert. Eine Anzahl von Männern, die mit allem Erforderlichen ausgerüstet waren, begab sich? schleunigst in die nur für geübte Kletterer zugängliche Schlucht, ans der sich beinahe senkrecht die Adlerwand erhob. Lilli selbst toar nicht mehr im stände gewesen, sich ihnen anzuschließen; denn ihre Kräfte hatten nur eben noch ausgereicht, die Schreckens­kunde hinabzubringen. Sie hatte eines der Mädchen um ein Glas Wasser gebeten, aber noch ehe sie es an die Lippen gesetzt, toar sie umgesunken, und man hatte die Ohnmächtige zunächst auf ein Sofa gebettet.

Sie toar noch nicht aus ihrer tiefen Bewußtlosigkeit erwacht, als die Kunde kam, man habe den ab gestürzten Stadtherrn gefunden, aber nicht ihn allein, sondern noch einen zweiten, und sie hätten sich so fest umklammert gehalten, daß es nur mit Mühe gelungen sei, sie von­einander zu trennen.

Auf Tragbahren brachte man beide in den Gasthof, wo sogleich mehrere Aerzte zur Stelle waren. Sie brauchten Rauten, der fast bis zur Unkenntlichkeit zer­schmettert und entstellt toar, nicht erst zu untersuchen, um festzustellen, daß er auf der Stelle tot gewesen sein müsse. An Rudolf Irnberg aber entdeckten sie zur größten Ueber­raschung noch schwache Lebenszeichen. Die Hoffnungen.