Ausgabe 
29.8.1901
 
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1901.

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15/ ie Erfahrung lehrt, daß, so wie gewöhnlich denjenigen am meisten der Schuh drückt, dessen schöner Fuß von jedermann gepriesen wird, viele Menschen gerade durch dasjenige am meisten leiden,

um dessen willen sie am meisten beneidet werden. Eötvös.

(Nachdruck verboten.)

Der Schmetterling.

Novelle von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Er hatte Mühe, Vie Stelle wiederzufinden, tvo er gestern so unsanft aus seinem kurzen Rausch ernüchtert worden war, aber als er sie gesunden, sah er, daß Lilli doch noch pünktlicher gewesen war, als er. Sie lehnte au dem Eingang .der kleinen Felsgrotte, bleich, fröstelnd, und mit feuchten Haaren. Wie ein müdes Lächeln huschte es über ihr Gesicht, als er auf sie zutrat.

Ich wußte es, daß Sie kommen würden", sagte sie,und ic£} danke Ihnen dafür. Aber ich bin nun in Ihren Augen ein schlechtes, tadelnswertes Geschöpf nicht wahr?"

Nein, gewiß nicht, Fräulein von. Rauten! Und Sie dürfen mir glauben, daß ich sehr glücklich wäre, wenn ich Ihnen meine Dienste zur Verfügung stellen, wenn ich. Ihnen irgendwie von Nutzen sein könnte."

O, Sie könnten es wohl, aber ich glaube nicht recht daran, daß Sie den ernsten Willen dazu haben."

Doch", sägte er ernst und feierlichWas mein Gewissen mir gestattet, werde ich unbedenklich, und mit Freuden für Sie thun. Ist es denn ein bestimmter Wunsch, dessen Erfüllung Sie von mir erwarten?"

Ach ich weiß es selber kaum. Ich weiß nur, daß ich sehr unglücklich bin, und voll entsetzlicher Angst. Mein Vater ist an diesem Morgen bei Ihnen gewesen, und es muß etwas sehr Schlimmes zwischen Ihnen und Ihm vor­gefallen sein; dennoch habe ihn noch niemals so gesehen wie heute. Sagen tote mir, was da geschehen ist, oder womit Sie ihn bedroht haben, daß er sich plötzlich so ganz verändern konnte."

Dazu habe ich kein Recht. Sie müssen ihn selbst darum fragen, nicht mich."

Sehen Sie, wie wenig ich von Ihren Versicherungen halten darf. Aber ich habe eine dunkle Vorstellung davon, um was es sich handelt. Es ist diese abscheu­liche Schmuckgeschichte, und ich allein trage die ganze Schuld."

Nein, Sie haben keinen Grund, sich Vorwürfe zu machen. Wenn Sie überhaupt etwas Unrechtes thaten, so thaten Sie es doch, ohne sich dessen bewußt zu, sein."

Es ist sehr freundlich, daß Sie es so ansehen, aber Sie machen mir damit das Herz nicht leichter. Können Sie denn nichts gar nichts thun, um meinem Vater zu helfen? Da Sie ihn in diese verzweifelte Stimmung versetzt haben, besitzen Sie doch sicherlich auch ein Mittel, ihn wieder daraus zu befreien."

Ich fürchtete wohl, daß es gerade das Unmögliche sein würde, das Sie von mir verlangen. Nun werden Sie mir wahrscheinlich nicht glauben, wenn ich! Ihnen schwöre, daß ich ein solches Mittel nicht besitze, und daß ich nicht der Urheber dessen bin, was Sie traurig macht, wie stark auch der Schein dafür sprechen mag. Ich bin nichts als das willenlose Werkzeug einer höheren Macht, deren Gebot'wir uns alle fügen müssen, Sie und Ihr Vater und ich. Ich könnte mein Leben für Sie hingeben, denn das gehört mir; aber ich kann selbst Ihnen zuliebe nichts unterlassen von dem, was Pflicht und Ehre mir zu thun gebieten."

Er horchte auf; denn er glaubte, in seiner Nähe ein Geräusch vernommen zu haben wie von Schritten, die sich rasch entfernten. Und für einen Moment war es ihm auch, als hätte er zwischen den Stämmen, die sich schatten­haft und gespenstig aus dem Nebel hoben, eine dunkle Gestalt dahinhuschen sehen.

Hörten Sie nichts?" fragte er.Sollte sich jemand in unserer Nähe befunden, und uns belauscht haben?"

Lilli schüttelte den Kopf.Nein, hier ist niemand als wir beide." Und dann nach einem kürzen Schweigen fügte sie hinzu:Sie haben mir schlecht dafür gelohnt, Herr Jmberg, daß ich Ihnen das Geheimnis meines Märchenschlosses verriet. Und wenn ich, ein böses Herz hätte, wissen Sie wohl, was ich dann in diesem Augen­blick denken würde?"

Sie würden denken, daß es besser gewesen wäre, mich am Abend unserer ersten Wiederbegegnung in irgend einen Abgrund stürzen zu lassen, statt mich mit eigener Gefahr ans den sicheren Weg zurückzuführen."

Eine leichte Begegnung ihres Kopfes sagte ihm, daß er das Rechte getroffen. Dann stand sie lange stumm und regungslos wie eine Statue, immer an ihm vorbei in den grauen Nebel starrend. Plötzlich aber schlug sie beide Hände vor das Gesicht, und begann heftig zu weinen.

Ach, wenn ich Sie doch hassen könnte", schluchzte sie,recht von Grund meines Herzens hassen! Warurr haben Sie sich in meinen Weg gedrängt, da Sie doch nur die Absicht hatten, mich namenlos elend zu machen?"

Ihr ganzer schlanker Körper wurde vom Uebermaß