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Josef Joachim.
Ein Festblatt zu seinem siebzigsten Geburtstag. (28. Juni.) Von Tr. E r i cy Urban.
-> (Nachdruck verboten.)
Am 28. Juni vollendet ein Mann sein siebzigstes Lebensjahr, der weit über die Grenzen seines engeren Berufes hinaus gelaunt und verehrt ist. Es ist Josef Joachim — „der Geiger", wenn man nur seines Wesens einen kleinen Teil erfassen will, „der große Künstler und edle Mensch", wenn man ihn als ein Ganzes nimmt. Wirklich hätte auch sein Geigenspiel — so vollendet es an sich sein mag — allein nicht ausgereicht, ihm die einzigartige Stellung zu verschaffen, die er jetzt in der musikalischen Welt einnimmt und unaufhörlich behauptet. Man bedenke, daß fast ein halbes Jahrhundert vorübergegangen ist, ohne seinen Ruhm auch nur int geringsten zu beeinträchtigen. Und was hat sich alles in diesen fünszig Jahren ereignet! Welche netten Richtungen, Meinungen und Parteien sind da nicht atifgetaucht, wen hat man nicht begeistert erhoben, um ihn im nächsten Augenblick wieder gewaltsam herabzustürzen! Joachims Name strahlt noch so rein und stark wie vor fünfzig Jahren, die Zeit hat ihm nichts anhaben können. Solch eiserne Standhaftigkeit ist nun aber nicht die Sache des Virtuosen, der unter allen Sterblichen der Allersterblichste zu sein pflegt. Nicht als genialer Geigenvirtuose also hat sich Joachim solange aus seinem Platz behauptet. Tie Dauer seines festgegründeten Rufes rührt vielmehr daher, daß hinter dem Virtuosen eine ganze Persönlichkeit stand, die nach allen ©eiten hin harmonisch ausgebildet und entwickelt war, die sich nicht hartnäckig in das Gewoge einer Partei warf und sich von ihr emportragen ließ, die vielmehr selbst „Eine" war und nur eine Partei kannte, der auch alle Besten immer anzugehören pflegen, nämlich die Partei der guten und reinen Kunst. So kam es, daß er die Parteien, die oft nur Trübungen dieser guten und reinen Kunst waren, siegreich überdauerte und heute an seinem Ehrentage mit Stolz darauf Hinweisen kann, daß man ihm überall nur mit Ehrerbietung und äußerster Hochachtung begegnet. Was bei vielen Menschen zu einer hohlen Phrase geworden ist, trifft bei Joachim buchstäblich zu: er hat nie einen Feind gehabt. Selbst damals nicht, als er seine denkwürdige Absage an die Männer der neudeutschen Kunst erließ. So mußte er handeln, Kraft seiner ganzen Natur und inneren Entwickelung. Nicht Lob hätte er sich durch eine leichte Preisaufgabe seiner Ueberzeugung erworben, die er in langer Arbeit mühsam sich erkämpft. Es wäre gleichbedeutend mit dem Verrat an sich selbst gewesen, wenn es ihm auch für den Augenblick vielleicht manche hartes Wort erspart und statt lebhafter Angriffe schmeich^ lerische Huldigung eingetragen hätte.
Joachim ist mit den besten Männern seiner Zeit ausgewachsen, der Verkehr mit ihnen hat ihn gefestigt und geadelt. Er war der Freund Mendelssohns und Liszts, geschätzt von Wagner. Geliebt aber recht von Herzen wurde er von Schumann uitd Brahms. Mit ihnen fand er sich in der uneigennützigsten, hohen und r.>"en Ausübung der Kunst zusammen, deren stärkste Pfeile die drei Freunde waren. An Schumann lernten Brahms unö' Joachim die edle Form schätzen, den feinen Takt und den inneren Ausgleich Sie wurden Menschen von wahrhaft klassischer Haltung. Nun lese man aber auch in Schumanns Briefen nach, mtt welcher Liebe und Sorge er die beiden jungen Freunde umgab, wie er sie hegte, als hätte er das Gefühl, in diesen Jünglingen, „diesen zwei genialen Burschen" wie er sie nannte — weiterzuleben. Merkwürdig ist es, daß Schumann sich hinsichtlich der tondichterischen Begabung Joachims ebenso irrte, wie er bei Brahms mit entern glänzenden, vorahnenden Blick richtig das Gelrie erspähte. Schumanns mannhaftes Eintreten für Brahms zu einer Zeit als dieser Meister nur in den engsten Kr-vi-'n bekannt war, ist in aller Gedächtnis. Soweit ging er nun allerdings bei Joachim nicht. Daß er Brahms und iwachtm im' stillen aber für gleichwertige Talente hielt, ja sogar Joachim noch über Brahms stellte, wird aus fernen Brrefen klar. Ta erkundigt Schumann sich nach den neuen Kompositionen Joachims, da giebt er gute Ratschläge, wie er balo weiter in das Publikum bringen sollte, und selbst in den letzten trüben Zeiten seittes Aufenthaltes in Andernach ist
es gerade Joachim, dessen Schicksal ihn am meisten beschäftigt. Nun, Joachim ist wohl über jene Meinung Schumanns, die ihm eilten Platz neben oder über Brahms ein» räumte, längst hinweg. Er denkt jetzt sehr ruhig über seine Werke, von denen die Ouvertüren zu „Hamlet" und „Heinrich IV." noch die wertvollsten sind. Immerhin hat sich unter dem bestimmenden Einfluß Robert Schumanns auch diese Seite seines Wesens harmonisch ausgebildet und gestaltet. Und wenn ihm auch die lauten Erfolge, die seit jener Prophezeiung Brahms zu Teil wurden, ausblieben, so hat er doch das Bewußtsein, nach jeder Richtung Hindus Schöne und Große erstrebt zu haben.
Joachims Leben ist — entsprechend seiner ganzen Art — in ruhigen Bahnen verlausen. Ohne sonderliche Aufregungen und Erschütterungen. Schlimme Erfahrungen sind Joachim erspart geblieben. Kein Freund hat ihn betrogen, kein Bruder ihm genommen, was ihm heilig war. In seinem Streben gab es keine toten Punkte, kein Ausruheu oder gar Nachlassen. Es ist, als habe das Geschick für ihn ein Besonderes gehabt, daß es ihm eine überschwengliche Fülle der Gaben streute und auch die Menschen als Hüter und Leiter bescherte; deren künstlerische und sittliche Vornehmheit sie zu einem Priesteramt bestellte. Am 17. März 1839 spielte Joachim, der „kleine Pepi", in einem Konzert des Adelskasinos öffentlich Pechatstheks „Variationen über Schuberts Trauerwalzer" und gemeinsam mit seinem Lehrer Serwaezynski ein Doppelkonzert von Eck. Von diesem Augenblick an hat der „kleine Pepi" nicht aufgehört, die Welt zu beschäftigen, sie zu Zeugen seiner reisenden Kunst zu machen. Die erste Folge jenes Konzertes war, daß er Zutritt zu den Vereinigungen der vornehmen Gesellschaft erlangte, in denen die Kammermusik mit vorzüglichem Eifer gepflegt wurde. „Kammermusik" — ein bedeutungsvolles Wort für Joachim! Mit dem Namen „Beethoven" zusammen bildet es den vornehmsten Gehalt dessen, was wir unter der Einheit „Joachim" verstehen. Und das Wort „Beethoven" klingt nun schwer und verheißungsvoll an sein Ohr, als ihn Fanny Figdor, eine nahe Verwandte der Joachims, zu sich nacEji Wien nimmt, um ihm den Unterricht verschaffen zu können, der eines solchen Talentes würdig ist. In der Folge genoß Joachim den Unterricht Georg Hellmesbergers fern, der ihm keine sonderlich ruhmreiche Zukunft versprach und Joseph Böhms, an den ihn der große Ernst gewiesen hatte. Dann ist er viel herumgezogen. Er kam nach Leipzig, wo er zu Mendelssohn in kurze, aber herzliche Beziehungen trat, nach Weimar, in dem damals Liszt wie ein König thronte, und nadj Hannover, das ihm eine Gattin in der Person der ausgezeichneten Künstlerin Amalie Weiß gab. Voll entfaltet hat er feine Gaben erst, seitdem er der Königlichen Hochschule in Berlin vorsteht. Eine stattliche Anzahl von Schülern und Schülerinnen, die unterdessen längst an eigenen Erscheinungen sich entwickelt haben, sind unter seinem Direktorat ans der Anstalt hervorgegangen, die Damen Betty Schwabe, Soldat-Röger, Gabriele Wietrowek, die Herren Gregoro- witsch Halir, Holländer, Hubay und Petri, um nur die klangvollsten Namen zu nennen.
Als Solist ist Joachim in der letzten Zeit weniger hervorgetreten. Daß seine Kunst darum eine Einbuße erlitten haben sollte, ist ein voreiliger Schluß, den der Meister noch an seinem Künstlerjubiläum in der Philharmonie glänzend widerlegte, den er noch täglich zu Schanden macht, sobald es ihm nur behugt, zum Bogen zu greifen. Eine vorbildliche Leistung ist der Vortrag des Beethovenschen Konzertes. Unerreicht ist hier das Einswerden des Künstlers mit dem Werk, das Vermögen, sich innig und rastlos in eine Schöpfung zu versenken. Otto Humprecht hat diesen Gedanken einmal sehr hübsch so ausgedrückt, daß er während des Beethovenschen Konzertes Beethoven selbst zu erblicken vermeinte und erst am Schluß zu seinem Erstaunen Joachim auf dem Podium bemerkte. Es ist kaum anzunehmeu, daß jemand Joachim hierin übertreffen wird, wenn auch mancher schon heute über eine reißendere Technik, einen süßeren Ton verfügt. Wie sehr wir schon geneigt sind, diese Auffassung des Beethovenschen Konzertes als klassisch und für Joachim typisch zu betrachten, geht daraus hervor, daß es als höchstes Lob gilt, wenn einer Joachim nahe gekommen ist, wenn man in feinem Vortrag Aehulichtesten mit dem Joachims entdeckt. Freilich' pflegt dann sofort


