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Angriff gegen den großmächtigen Truthahn unternommen hatte, auf mich zugerannt kam.
„Komm nur mit", sagte er mit altkluger Miene, indem er mich vertraulich bei. der Hand faßte. „Ich weiß, schon, daß Tu Olaf heißt, wie der fromme König, der Norwegen eroberte und bekehrte."
„Du bist ja ein kleiner Gelehrter", erwiderte ich lachend. „Wer hat Dir denn das alles gesagt?"
„Vom König Olaf habe ich in der Geschichte gelesen", sagte er ernsthaft. „Von Dir hat uns aber Guuhilda erzählt. Sie kam schon heute morgen zu uns, und ich hörte, wie sie der Mutter sagte, Du ivärest ein braver, lieber Mensch und wolltest den ganzen Sommer bei ihnen im Leuchtturm wohnen. Jetzt aber schnell, die Eltern warten!"
Ich überließ mich widerstandslos seiner Führung, und bald war ich mit der Familie so vertraut, als hätte ich! sie alle mein Lebtag gekannt. Die Bemerkung des vorwitzigen Jungen, nebenbei des verzogenen Lieblings der drei älteren Schwestern und ihrer Freundin Guuhilda, hatte mich in die beste Laune versetzt. Ich bot alles auf, um einen günstigen Eindruck hervorzubringen, sprach begeistert von der Schönheit der Gegend, von dem Glück, wieder in der alten Heimat zu sein.
Die guten Pfarrersleute nickten mir lächelnd zu, und auch Guuhilda schien mit Genugthuung das Lob zu hören, welches ich ihrer geliebten Insel spendete. Mir wurde ganz wann ums Herz beim Anblick dieser offenen, vergnügten Gesichter. Wie lauge war es her, seit ich Meuscheu gesehen hatte, die wirklich mit ihrem Los in dieser Welt zufrieden waren. Hier auf der entlegenen Insel schien der Weltschmerz, dieser Fluch unseres Jahrhunderts, ein unbekannter Gast. Thätig und aufopfernd, mit offenem Sinn und Herzen für ihre Umgebung und Gottes schöne Natur, kümmerten sich die Glücklichen wenig um die Außenwelt und freuten sich dankbar des Guten, das sie jetzt genossen im Gegensatz zu früheren Jahren, die reich an Mühfal und Kümmernis mancher Art gewesen sein mochten.
Ehe Pastor Ström hierher versetzt ivurde, hatte er eine Pfarre auf den Losoteninfeln im hohen Norden bekleidet.
„Ta können Sie sich schon denken, wie behaglich es uns hier vorkam", sagte die Pastorin, während die freundlichen, blauen Augen vergnügt über Haus und Garten hinglitten. „Ihre Eltern, lieber Doktor, hatten auch alles im besten Stande hinterlassen. Anders war es oben in dem Pfarrhause, wo wir als junge Eheleute hinkamen."
„Weißt Tu noch, Mütterchen", unterbrach sie der Pastor in seiner bedächtigen Weise, „wie entsetzt Tu warst, als ich damals den ersten Morgen plötzlich neben Dir in der Küche erschien?"
„Mußte da nicht jeder einen Schrecken kriegen?" rief die lebhafte Dame eifrig. „Denken Sie sich nur, ich stehe in der Küche, wenn ein solches dumpfes Loch überhaupt -diesen Namen verdient — ich war gerade dabei, die Ausstattung auszupacken, und weinen mußte ich, wenn ich daran dachte, wie sauber all die Sachen waren, und wie traurig und öde alles in dem verfallenen Hause! Selbst die blanken Kochtöpfe und der kupferne Kessel hatten hier das Leuchten und Glitzern verlernt. Da höre ich plötzlich ein Gekrache und Gepolter — und vor mir liegt mein guter- Mann —"
„Ja, auf den Knien lag der Vater", sagte lachend der Pastor. „Ich wollte meinerseits in dem einzigen, heizbaren Zimmer des. oberen Stockwerks ein wenig aufräumen. Na, schön war es da nicht. Die kleinen Hornscheiben waren blind und imatt, und ließen weder Luft noch Licht ein; denn die Fenster waren fast alle festgenagelt, und die Wände hatten als Zierde alte Zeitungen, die obendrein schmutzig und zerrissen waren. Am schliminsten war es aber mit dem Fußboden bestellt; die Bretter waren so morsch, daß man ganz leise auftreten mußte, wollte man nicht eine unfreiwillige Lustfahrt antreten."
„Und doch wohnten Sie volle acht Jahre dort oben?" fragte ich teilnehmend.
„Es waren aber trotz alledem schöne Zeiten", seufzte die Pastorin, indem sie sich die hübsche Haube mit den lila Bändern zurechtschob.
„Anfangs hielt es zwar schwer, sich an die Einsamkeit und all die Entbehrungen zu gewöhnen. Vor allem ist
es ein wunderbares Gefühl, tvenn schon Mitte November die Sonne der Finsternis weichen muß, und während zweier langer Monate Tag und Nacht kaum zu unterscheiden ist. Wenn man jung ist und einander von Herzen gern hat, geht aber alles und —"
„Na, na, Mütterchen, sprichst ja, als ob Du schon eine alte Frau wärest", meinte der Pastor lächelnd. „Kannst Tich allenfalls noch sehen lassen. So hübsch wie Du warst; als Tu mit mir in die Einöde zogest, ist doch keins der Mädchen, haben Dir auch die Angst und Sorge, wenn. ich draußen auf der See war oder auf meinen langen Reifen in dem ansgedehnten Kirchspiele, die Haare vor der Zeit gebleicht. Nehmt Ihr Euch an der Mutter ein Beispiel, Ihr Mädchen. Seht, wie stramm. und gerade sie noch! scht!"
„Zu meiner Zeit kannte die Jngend auch das Anlehnen nicht", sagte die Pastorin und warf einen strengen Blick auf ihre Jüngste, welche nachlässig das blonde Köpfchen gegen das mit Hopfen bewachsene Geländer der Treppe schmiegte.
Wieder erklang das leise, silberhelle Lachen, nnb die mir schon wohlbekannten, Braunett Augen glitten von der Mutter zu beit beiben Schwestern hinüber,' bie sich wie auf Kommando in die Höhe richteten.
Daß die beiden Aeltesten, Deborah und Abigael, Zwillinge waren, sah man auf einen Blick, schwieriger war die Ausgabe, ihr Alter zu bestimmen. Sie gehörten eben zu jenen sanften, blonden Wesen ohne Charakter und Originalität, die mit dreißig sich genau so benehmen und fühlen, wie mit achtzehn, und an denen die Zeit scheinbar spurlos vorübergleitet.
Ich sehe sie noch vor mir: klein und rund wie der Vater, die aschfarbenen Haare glatt heruntergekämmt und hinten in einen dicken Zopf geflochten, mit kleinen, wasserblauen Augen, die Freund und Feind, Sonnenschein und Regen gleich freundlich und verlegen anblickten. Immer, so oft ich sie später sah, trugen sie blau und weiß gestreifte Kattunkleiber, dazu große, graue Schürzen, und eine Häkelarbeit guckte aus der Tasche hervor.
Deborah und Abigael ließen keine Minute die Hände im Schoß ruhen. In'die Unterhaltung mischten sie sich nur wenig und lauschten mit tiefer Andacht, wenn Vater und Mutter sprachen. Mich sahen sie aber gar nicht au und erröteten tief, wenn ich ein höfliches Wort an sie richtete.
Tie jüngste, Hannah, schien noch ein halbes Kind, obgleich ich später erfuhr, daß sie nur wenig jünger als Guuhilda sei. Sie war schlank und zierlich' wie die Mutter, trug sich aber nicht so gerade, was sie kleiner und unbedeutender erscheinen ließ. Lange Zöpfe hingen ihr frei zu beiden Seiten des frischen Gesichtchens herunter und funkelten wie Gold im Sonnenschein. Sie hielt die ganze Zeit Gunhildas Hand und sprach und kicherte leise in einem fort. r ,
Während die beiden älteren in der Küche verschwanden, gab die Kleine Guuhilda das Geleit durch den Garten. Daß ich meinen Besuch bis zum Abend ausdehnte, war so selbstverständlich, baß ich nur einige schwache Einwendungen versuchte. Gunhildas Fortgehen verdroß mich aber mehr, als ich mir es eingestehen wollte. Interessierte sie denn der Gast ihres Hauses so gar nicht, konnte sie seinetwegen die häuslichen Geschäfte, bie, wie sie sagte, ihre Anwesenheit im Leuchtturm erforberten, nicht auf ein anbermal verschieben? Es war vielleicht nur ein Vorwanb. Wer konnte wissen, wozu sie die Abwesenheit des Pflegevaters benutzte? Und einen Moment lachten mir Sigurd Halls blitzende Augen siegesgewiß und spöttisch entgegen.
Zwischen den Pfarrerstöchtern, die mit ihren rosigen Warben etwas an Borsdorfer Aepsel erinnerten, kam mir das Mädchen in seiner blassen, etwas strengen Schönheit nock, rembartiger vor als gestern. Wieber mußte ich! ihr feines, ruhiges Benehmen bewundern, die freundliche und doch respektvolle Art, wie sie mit der Pastorin verkehrte. Sie war offenbar ein hochgeschätzter Gast im Pfarrhause, unb als sie endlich nach vielen vergeblichen Versuchen, sich schnell zu verabschieden, hinter dem Gartenzaun ver- schwand, war vor allem die Hausfrau ihres Lobes voll.
(Fortsetzung folgt.)


