den Kapriolen, die die „Aurora" uns vielleicht vormachen wird, wohl kaum Notiz nehmen irst."
„Was sagst Du, Dick?" rief der Vater lachend. „Der soll das Stampfen was schaden? Mann, wenn Deine Leute nicht sehr behende sind, dann läuft sie an ihnen vorbei bis auf die Raanock und zeigt ihnen, wie ein Steckbolzen ausgeholt wird."
Ich lächelte, während der Vater mir mit dem Finger drohte, als wäre ich wirklich der See-Wüterich, für den er mich ausgab.
„Wer soll denn hier schlafen?" fragte ich Richard und zeigte auf die der unsrigen zunächstliegende Kammer auf der Backbordseite.
„Der Steuermann, Herr Roger Heron", erwiderte er.
„Führst Du auch einen zweiten Steuermann, Dick?" fragte der Vater.
„Zweiten' Steuermann und Zimmermann in einer Person, wahrscheinlich mehr Zimmermann als Steuermann. Wenn er jedoch ein guter Seemann ist, so ist das jedenfalls noch besser. Er hat seine Kammer hinter der Kombüse. Die anderen beiden Kammern hier achtern habe ich, da ich weiter keine Verwendung dafür habe, für den Steward bestimmt. In der einen kann er schlafen und in der anderen das Geschirr, Messer und Gabeln und so weiter, aufbewahren."
„Das ist eine sehr gute Einrichtung", meinte der Vater, „den Steward hier gleich zur Hand zu haben, umsomehr, als Du Deine Frau an Bord hast."
Dabei untersuchte er das Innere unserer Kammer aufs genaueste und war offenbar von allem, was er sah, sehr befriedigt.
Nachdem wir einige Zeit hier zugebracht hatten, gingen wir wieder an Deck und von da an Land. Aber der Vater konnte sich nur schwer von dem Anblick des schmucken Schiffes losreißen. Dann holte er tief Atem und begann:
„Die Bark geht an. An ihren schönen Anblick kann man sich noch lange erinnern. In den Händen Deines Mannes, Jeß, wird sie Dir ein ebenso sicheres Heim sein, als Du je in dem alten Wohn- und Schlafzimmer gehabt hast. Behandle sie nur nicht schlecht, Dick" (er meinte die Bark). „Wenn sie nun gutwillig vorwärts geht, treibe sie nicht. Es scheint sündhaft, ein solches Schiff mit Kohlen zu beladen. Laß sie jedenfalls nicht mehr einnehmen, als sie tragen kann. Bei schönem Wetter wird sie prachtvoll auf dem Wasser aussehen, wie ein Schmetterling im Sommer. Wenn ich mir von allen Schiffen, die das Jahr über aus diesem Strom gelegen haben und meinetwegen noch in den Docks von Sunderland dazu, eins aussuchen sollte, ich könnte kein besseres finden, als dieses kleine Seeheim, auf dem Deine Frau ihre erste Reise mit Dir machen soll, mein Sohn."
(Fortsetzung folgt.)
Englands Königin in ihren Jugcndtagen.
Ein Gedenkblatt an die verewigte Monarchin.
Von Paul Adolf Schumacher.
(Nachdruck verboten.)
Im patriarchalischen Alter von nahezu 82 Jahren ist Königin Viktoria von England nach einer Regierung von fast 64 Jahren auf ihrem Schloß Osborne aus dem Leben geschieden. Wir müssew weit zurückblättern in den Annalen der Geschichte, um auf Monarchen zu stoßen, denen eine ähnlich lange Regierungsdauer beschieden war, und nur der französische Sonnenkönig Ludwig XIV., der bereits als fünfjähriges Kind im Jahre 1643 auf den Thron kam, konnte, als .er am 1. September 1715 starb, auf eine noch längere Regierungszeit, nämlich auf eine solche von 72 Jahren zurückblicken, während sein ebenfalls als Knabe auf den Thron gelangter Nachfolger es zu einer Regierung von 59 jähriger Dauer brachte. In der deutschen Geschichte sehen wir uns vergebens nach Beispielen von so lang dauernder Regierung um; von den langlebigen habsburgischen Kaisern am Ausgang des Mittelalters brachte es Friedrich III. zu einer 53 jährigen Regierung, während Karl V. 35 Jahre, Maria Theresia 40 Jahre regierten, und der jetzige Inhaber des habsburgischen Thrones im 53. Jahre seiner Regierung steht. Die Hohenstaufen Friedrich Barbarossa und Friedrich II. brachten es nur zu einer Regierungszeit von 38 bezw. 40 Jahren, und unter den
hohenzollernschen Fürsten stehen der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm mit 48 und Friedrich der Große mit 46 Jahren an der Spitze.
In der englischen Geschichte freilich gehören Regierungen von langer Dauer nicht zu den Seltenheiten.
Elisabeth, die große Widersacherin von Maria Stuart, zierte 45 Jahre hindurch den Thron, und der Großvater der jetzt Verblichenen, König Georg III., brachte es auf 60 Regierungsjahre.
Während selbst der giftigste politische Neid es der jetzt Heimgegangenen Königlichen Frau nicht abstreiteu kann, daß sie sich dieser hohen Gunst des Schicksals sowohl als Frau wie als Monarchin stets würdig erwiesen hat, kann man das Gleiche von ihren Vorgängern nicht sagen: denn die verhängnisvolle Hand des Schicksals schien tzu Anfang des 19. Jahrhunderts schwer auf dem in England regierenden Welfenstamme zu lasten. Georg III., der schon im Jahre 1765 vorübergehende Spuren des Wahnsinns gezeigt hatte, war seit 1810 gänzlich der geistigen Umnachtung verfallen, und um die Nachfolge war es schlecht bestellt; denn sein ältester Sohn, der nachmalige König Georg IV., der durch die Scheidung von seiner Gemahlin Karoline, einer geborenen Prinzessin von Braunschweig, so ungeheures Aufsehen erregte, besaß nur eine einzige Tochter, die schon 1817 kinderlos starb. Nachdem Georgs III. zweiter Sohn, der Herzog von Jork ebenfalls zeitig kinderlos verstorben, war der nächste Agnat sein dritter Sohn, Herzog von Clarence, der nachmalige König Wilhelm IV., der ebenfalls kinderlos war. Nächst.diesem war der nächste Thronanwärter Georg III. vierter Sohn, der Herzog Eduard von Kent.
Prinz Eduard, ein ebenso vorzüglicher Soldat wie wdnig geschickter Haushalter mit der immerhin nicht übermäßig reichlichen Apanage eines nachgeborenen englischen Prinzen, lebte seit 1816 aus Sparsamkeitsrücksichten auf dem Kontinent, und hatte sich mit Marie Louise Viktoria, der Tochter des Herzogs von Sachsen-Koburg-Saalfeld vermählt, die in erster Ehe mit dem tÄbprinzen von Leiningen verheiratet gewesen war. Das junge. Paar verlebte die Flitterwochen unter den allerbescheidensten Verhältnissen in Amorbach: im Odenwald, übersiedelte jedoch nach einigen Monaten nach London, wo es im Kensingtonpalast Wohnung nahm. Hier ward ihnen am 24. Mai 1819 eine Tochter geboren, Viktoria Alexandrina, die jetzt verstorbene Königin von England und Kaiserin von Indien.
Das Eheglück ihrer 'Eltern fand ein jähes und vorzeitiges Ende durch den schon am 23. Januar 1820 erfolgten Tod des Herzogs. Bei der Kinderlosigkeit des voraussichtlichen Thronerben, des schon genannten Herzogs von Clarence, war die damals erst acht Monate alte Prinzessin in die nächste Nähe des Thrones gelangt, und wurde als vermutliche Erbin der Königskrone dementsprechend erzogen. Die Witwe blieb mit ihrem Töchterlein in dem unscheinbaren, aus rotem Stein aufgeführten Gebäude wohnen, welches im Westen der Themsestadt hinter den Kensington-Gardens, einem Parke von landschaftlich! hervorragenden Reizen liegt, wo nachmals im Jahre 1851 die erste Weltausstellung abgehalteu wurde. Wenn man von den kürzeren Aufenthalten in Claremont absieht, verbrachte hier die Prinzessin ihre ganze Jugend bis zu dem Augenblicke, wo sie durch den Tod Wilhelms IV. an die Spitze eines der mächtigsten Reiche der Erde berufen wurde.
Ohne Geschwister, verlebte Prinzeß Viktoria ihre Kinderjahre in tiefster Zurückgezogenheit; ihre einzige Gesellschaft, in der sie ihrem kindlichen Sinn freie Bahn zur Bethätigung kaffen durfte, waren ihre Puppen, von denen sie eine ganz besonders große Zahl in den mannigfaltigsten Kostümen besaß. Auf dieser Puppensammlung, welche später nach Schloß Windsor gebracht wurde, wo sie sich noch jetzt befindet, sollen die Augen der jugendlichen Monarchin ost unter Thränen der Wehmut geruht haben. Ms Erzieherin der Prinzessin waltete zwar offiziell die Herzogin von Northumberland, doch behielt die sorgende Mutter, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, ihr einziges Kind in geistiger und körperlicher Hinsicht auf daN gewissenhafteste zu betreuen, die oberste Leitung in den Händen. Sie empfand es jedoch schmerzlich, daß die Prinzeß als dereinstige Thronerbin noch mit anderen Dingen, die dem:


