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„Denk ein bischen nach, Jessie, nnd Du kannst Dir selbst antworten. Hier starb die Mutter und unser kleines Baby. Hier bist Du geboren, mein Mädel, und hier hast Du Dein ganzes Leben bis jetzt zugebracht. Denke Dir, wenn ich nach Hause komme und hier allein in diesem Zimmer sitze, und nichts höre, als das Ticken der Uhr und das Geräusch der Asche, die aus dem Kamine fällt, glaubst Du, daß ich das ertragen könnte, mit der Vergangenheit so klar und deutlich vor den Augen? Nein, wenn Ihr fort seid, dann gehe ich auch."
Am folgenden Tage, dein Sonntag, gingen wir alle drei zur Kirche. Nach dem Gottesdienst wanderte ich mit Richard auf den Kirchhof von Elswick, um das Grab unseres Babys zu besuchen. Jener große Friedhof ist jetzt ziemlich gefüllt; Grabsteine stehen dicht neben einander unter dem Schatten der Bäume. Der Abhang, von dessen Gipfel man die Höhen von Durham erblickt, während im Thale der Tyne sein Silberband nach Blaydon und Newburn und dem, in der Geschichte Englands als Geburtsort von Georg Stephenson unsterblichen Wylam entlang windet, ist heute wellenförmig mit unzähligen Grabhügeln bedeckt. Damals war er noch größtenteils Gartenland, und nur hier und da erhob sich ein Rosenhügel oder ein weißes Steindenkmal im Gebüsch und deutete auf die Bestimmung des Ortes hin.
Die Ruhestätte unseres Lieblings bezeichnete ein kleines Kreuz, auf dem der schöne Spruch stand: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht."
Der Tag war bitter kält, der Nordostwind heulte durch das Tynethal, und der Sonnenschein blitzte zuweilen über die Hügel hin und verschwand wieder, wenn die am Himmel, dahinjagenden dunkeln Wolken das Tagesgestirn bedeckten.
Mein Mann stand eine Zeitlang schweigend- an dem. kleinen Grabe. Der winzige Hügel, unser Name, sowie das. ; Mter des Kindes aus dem Kreuz — „fünf Monate und acht ; Tage" — machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Dann nahm er den §ut ab, kniete nieder und betete.
Ein Herz von Stein würde gerührt worden fein bei. - dem Anblick des Seemannes, der mit im Winde flatternden . Haaren und gefalteten Händen, die Augen auf das Heine- Kreuz gerichtet, hier an der Ruhestätte seines Kirrdes betete, . das er nie gesehen, das er zwar liebte, aber sich nur als' verklärten Geist vorstellen konnte.
Niemals war ich so tief durchdrungen von dem wunder- . baren Geheimnis des Todes, als in jener Stunde. '
. ; Zwölftes Kapitel.
Die „Aurora.
Die Träume meiner Kindheit sollten in Erfüllung gehen. Ich war nicht nur die Frau eines Seemannes, sondern sollte auch mit ihm auf einem Schiffe wohnen und jene bodenlose Tiefe befahren, die mich, solange ich denken kann, stets mächtig angezogen hatte. Ich sollte jene fremden Länder erblicken, die wundervollen blauen Gewässer, den azurfarbenen Himmel, alles Dinge, die mich bis in meine Träume verfolgt hatten, und die mir zu einer anderen Welt zu gehören schienen.
Mein Vater sah meiner Abreise mit viel größerer Fassung entgegen, als ich erwartet hatte, nachdem er sich einmal entschlossen, daß ich reisen sollte. Er bemühte sich, Richard das Kommando der „Aurora" zu verschaffen, und da er die Reeder kannte, oud} wohl mitbeteiligt war, erreichte er seinen Zweck leicht und schnell. Vierzehn Tage nach seiner Rückkehr wurde meinem Manne das Kommando der neuen Bark übertragen.
Der Tag der Abreise war auf den 1. Februar festgesetzt, „ein kalter Monat in der Nordsee und im Kanal", meinte Richard, „sind wir aber erst Har vom Landsend, dann kommen wir auch mit jeder Stunde dichter an die Sonne heran."
So hatte ich Zeit im Ueberfluß, alle Vorbereitungen für die Reise zu treffen. Uebrigens sollte diese länger dauern, als ich vermutet hatte. Nachdem wir unsere Ladung in Sierra Leone gelöscht hatten, sollten wir entweder mit Fracht oder in Ballast — das weiß ich nicht mehr genau, man kann in zwanzig Jahren auch noch wichtigere Dinge vergessen — nach Kapstadt gehen. Dort sollten wir irgend eine Ladung einnehmen und dann die Heimreise antreten.
Die vielen Einkäufe und Besorgungen für die Reise lenkten meine Gedanken von dem Verlust ab, den wir er
litten hatten. Auch an die nahe Trennung von dem lieben Vater konnte ich vor lauter Geschäften nicht denken. Der Vater erteilte mir gute Ratschläge in Betreff meiner Ausrüstung und besorgte eine Menge Sachen, die er nach seinen Erfahrungen für notwendig erklärte, von denen aber Richard keine Ahnung hatte.
Eine Woche vor der Abfahrt ging ich mit meinem Manne an Bord der „Aurora", um mir das Schiff nnd hauptsäch- lich die Kajüte zu besehen. Sie lag an einer Kohlenschütte, einer sehr wenig malerischen Erfindung, und so war mein erster Eindruck, als Richard mir das Schiff zeigte, kein besonders günstiger.
Sobald ich jedoch an Bord kam, wurde ich anderer Ansicht. Hier konnte ich den ganzen Rumpf des Schiffes übersehen und, wenn ich meine Blicke nach oben richtete, die ganze schöne, kunstvolle Zusammensetzung von Rundhölzern und Takelung überblicken, während von den hohen, zum Himmel ragenden Masten das schrille Geräusch des schneidenden Windes wiederhallte, der pfeifend und sausend durch das verwickelte Taugewirr blies.
Die Bark war ein funkelnagelneues Schiff, zwar nur klein — soviel ich mich erinnerte, hatte sie etwa vierhundert Registertons —, aber von so schöner Gestalt, wie nur jemals eine vom Stapel gelaufen ist. Sie war schwarz gemalt und der ganzen Länge nach von einem weißen Streifen umgürtet, der wie ein silbernes Band schimmerte; das Heck war mit vergoldeten Bildhauerarbeiten verziert, der neue Kupferbeschlag glänzte wie mattes Gold. Das Gallion bildete eine Frauengestalt mit einem Stern auf dem Haupte und einer Fackel in der rechten Hand. Die Schönheit dieser Gestalt wurde noch erhöht durch die elegante Wellenlinie des Vordersteven und die stattliche Länge des weit über die Figur hinausragenden Bugspriets und Klüverbaums. Es machte den Eindruck, als ob irgend ein Riese der in die Ferne blickenden Fackelträgerin mit einem kolossalen Speer den Weg wiese.
„Komm hierher, Jessie", sagte Richard und führte mich an das Steuerrad, „so kannst Du sie am besten sehen." Dabei sah er mich- an, um zu entdecken, wie ich über sein neues Schiff dächte. Ich erblickte ein so schönes Ebenmaß in den Größenverhältnissen, eine solche Verbindung von Stärke und Zierlichkeit bei den Schanzverkleidungen, Spieren, Deckeinrichtungen und dergleichen, daß ich bewundernd ausrief:
„O, Richard, gerade so ein Heines Seeheim, wie ich es immer geträumt habe! Was für ein herrlicher Anblick wird es erst sein, wenn wir mit vollen Segeln unter einem blauen Himmel dahingleiten."
Der Vater, der die Bark bis jetzt noch nicht gesehen hatte, war entzückt von ihr. Er bemerkte Dinge, die ein Landbewohner nimmermehr beachtet haben würde und begleitete seine Besichtigung fortwährend mit beifälligen Worten. Natürlich achtete ich auf alles, was der Vater sagte, sehr genau. Das Schiff sah bedeutend länger aus, als es in Wirklichkeit war, da es ein ganz glattes Deck ohne Aufbauten hatte. Ueberall blitzte es von gefirnißtem Teakholz und blankgeputzten Messingbeschlägen. Rahmen und Gestell des Kajütenoberlichts bestand ebenso wie die Kajüts- kapp aus dunklem, poliertem Mahagoni. Steuerrad und Krahnbalkeu waren mit reichem Schnitzwerk verziert. Dies alles würde ich ohne den Vater nicht bemerkt haben, der es der Reihe nach aufzählte, als ob er es aus einem Kataloge abläse, während er herumwanderte.
Die Kajüte war ein Heiner, viereckiger Raum, von fünf Kammern umgeben, deren eine ziemlich groß war. Diese nahm nämlich die ganze Breite des Schiffes unter dem Steuerrad ein und stand außerdem durch eine Thür mit - einer kleinen Kammer an der Steuerbord- oder rechten Seite des Schiffes in Verbindung. In der großen Kammer sollten wir wohnen und die kleinere daneben als eine Art Ankleidezimmer benutzen.
„Es sind zwei Unannehmlichkeiten dabei", meinte Richard. „Erstens fühlt man das Stampfen hier fast ebenso stark wie vorn unter der Back, und zweitens hat man fort- i während das Geklirr der Ruderketten und das Knarren des Ruders mit anzuhören. An das Geräusch gewöhnt man sich aber bald, und was das Stampfen'betrifft, so bist Du ja , fchon ein so tüchtiger kleiner Seemann, Jeß, daß Du von all


