Ausgabe 
28.11.1901
 
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gegeben haben; denn andernfalls hätte Dralon keinen Anlaß z-u der Gesetzesbestimmung gehabt, daß, wer einen Gegen- tand von mehr als 10 Drachmen Wert aus einer Schule entwende, mit dem Tode bestraft werden solle. lieber die int allgemeinen übliche Schulzeit erfahren wir aber näheres aus einer Verordnung Solons, welcher bestimmt, daß vor Sonnenaufgang keine Schule von dem Lehrer geöffnet, und über Sonnenuntergang offen gehalten werden dürfe. Die griechische Familie scheint ftch also ihres Nach­wuchses schon in frühester Morgenstunde entledigt zu haben, um ihn erst mit sinkender Sonne wieder in ihren Schoß aufzunehmen, ein Verfahren, welches vielleicht den Beifall mancher überreich mit Kindern gesegneten Mutter finden wird, aber eigentlich doch kein Zeichen für eine besonders Vertiefung des damaligen Familienlebens ist.

Wir dürfen uns nun aber keineswegs vorstellen, daß diese zahlreich vorhandenen Schulen staatliche Anstalten waren. Der Staat begnügte sich vielmehr nur mit einer Art Oberaufsicht, und gab für den elementaren Volks-Unter­richt meistens nicht einmal die nötigen Räumlichkeiten her. Unter dem Peristyl eines Tempels oder an irgend einem anderen Orte, wo man wenigstens ein Schatten spendendes Dach über dem Kopfe hatte, hockte, wie es heute noch in den türkischen Medressen der Fall ist, der Lehrer oder Grammatodidaskalos, der monatlich sein Schul­geld gezahlt erhielt, mit seinen Schülern ans der Eroe, und es ist ein tragikomisches Bild, wenn wir uns Setne Majestät Dionysius, nachdem man ihn in Syrakus vom Thron gejagt hatte, in irgend einer Straße von Kortnth in dieser Lage als Jugendlehrer vorstellen.

Auch der Inhalt des Unterrichts war Privatsache, und regelte sich nicht nach! staatlichen Erlassen, sondern nach der Gewohnheit, die auch für die Eltern der einzige Grund war, ihre Kinder unterrichten zu lassen, da es einen Schulzwang im heutigen Sinne des Wortes mast gab. In erster Linie unter den Unterrichtsgegenständen standen gymnastische Uebungen, wie ja überhaupt in der grie­chischen Welt das Hauptgewicht auf eine allseitige Aus­bildung der körperlichen Fähigkeiten gelegt wurde. Laufen und Springen mit und ohne Gewichte, Speerwerfen und Diskusschleudern wechselten mit dem Ring- und Faustkampse, oder mit dem Pankration, einer regelrechten Rauferet, bei welcher jedes Mittel erlaubt war, um den Gegner nteder- zuzwingen. Nächstdem maßen die alten Griechen der Tanz­kunst (Orchesis) große Wichtigkeit bei, und die Ohnmachis- anfälle, welche den Leiter des Gymnasiums einer kleinen oberschlesischen Stadt anwandeltcu, als wir Primaner ihn eines Tages um die Erlaubnis baten, die Tanzstunde be­suchen zu dürfen, wären bei einem altathenischen SstM- tchannen eine bare Unmöglichkeit gewesen. Allerdings war auch der Tanz jener Zeit, die Orchesis, kein von den Ge- scblechtern paarweise ausgcführter Walzer oder Francmse, sondern eine Art turnerischer Reigen, wie er auch bet den Festen der Götter, oder vom Chore in der antiken Tragödie ausqe ührt wurde, und nur bei ganz ausnahmsweisen Gelegenheiten wie bei Hochzeiten, oder den Tempelfesten zu Ehren des Apollo und der Artemis war es den zarten Mägdelein verstattet, am Tanze teilzunehmen, wöbet sie jedoch einen streng von den Knahen abgesonderten Reigen sür sich bildeten.

Mehr Interesse als diese ja ziemlich bekannte körper­liche Ausbildung bieten für uns Menschen der Gegenwart die Gegenstände des wissenschaftlichen Unterrichtes, mit welchen um das 7. Lebensjahr des Schülers begonnen wurde. Der kleine A-B-C-Schütze wurde natürlich zuerst ganz wie bei uns im Lesen, Schreiben und Rechtien unter­wiesen. Zur Erleichterung des letzteren dienten Taseln mit kleinen verschiebbaren Klötzchen, welche große Ueyu- lichkeit mit den auch heute vielfach tm Gebrauch be­findlichen Rechenrahmen mit ihren bunten Kugeln haben; im allgemeinen wurde jedoch tm Kopfe gerechnet. Ge­schrieben wurde auf Tafeln, die rnik Wachs überzogen waren und mit einem metalleneii Griffel geritzt wurden, worauf, wenn die Tafel vollgeschrieben war, entweder mit der breiten Fläche des Griffels das Wachs geglättet oder ein neuer Ueberzug hergestellt wurde. Auf diesen Tafeln zoa der Lehrer, wie wir aus eineni vor etwa 20 fahrest gefundenen Wandgemälde sehen, die Linien, schrieb die Buchstaben vor, und führte auch! dte in die schwere Kirnst des Schreibens einzuweihende, kleine Hand. Manche brachten es nie über diese Anfangsgründe hinaus, wie

in zahlreichen Häusern der Stadt M. sprach man schon jetzt von nichts anderem mehr als von der Hochzeit, die m fünf Tagen stattfinden sollte, und von der Polterabendfeier, die ihr nach gutem deutschen Branche voraufgehen wurde.

Für das Vermählungsdiner hatte der Stadtrat den Festsaal des vornehmsten Hotels gemietet, den Polterabend jedoch, zu dem sich voraussichtlich! eine ungleich größere Zahl von Gästen einsinden würde, wollte man in der sehr geräumigen Jgnatius'schen Wohnung begehen, deren griffet Salon schon jetzt durch die Aufstellung einer kleinen Buhne für seine festliche Bestiminung hergerichtet worden war.

(Fortsetzung folgt.)

Antike Schulbuben.

Von Dr. Kurt Rudolf Kreuschner-

(Nachdruck verboten.)

Altmeister Goethe legt dem wackeren nordischen Mephistopheles, der im Begriffe steht, sich mit Faust zur klassischen Walpurgisnacht nach Griechenland zu begeben, Worte der Befriedigung darüber in den Mund, daß er, der es bisher nur mit mittelalterlichen deutschen Hexen auf dem Brocken zu thun gehabt habe, nun auch einmal die Bekanntschaft klassischer, thessalischer Hexen machen könne. Aehnliche Gedanken mögen inauchem, der setne Weisheit aus den Brüsten des modernen Gymiiasiums gesogen hat, wohl auch kommen, wenn er vom Bildungs­wesen im alten Griechenland, oder sagen wir schlankweg vonantiken Schulbuben" hört. Die humanistische Mittel- schule der Gegenwart giebt, obwohl sie die Hälfte aller Unterrichtsstunden für das Studium der klassischen Sprachen in Anspruch nimmt, von deut wirklichen antiken Leben keine anschanlichen Bilder, unb doch ist es für jeden, der mit innerem Grauenmensa" dekliniert, und tote Hieronymus Jobs das barbarischeTypto, typteis" kon­jugiert hat, nicht ohne Interesse, wie es vor zweitausend unb einigen hundert Jahren ans ben damaligen Schulen aus gesehen hat. c , ,, . ,

Haben die Herren Schüler von bamals auch! schon gern ben Unterricht geschwänzt, um sich lieber irgenbwo auf betn blühenden Haag tn fröhlichem Sptele zu tum­meln? Haben sie auch bamals schon bie Karrrkatnren ihrer Lehrer auf bie Wanbtafeln gezeichnet, unb hat auch damals schon ber versteckte Krieg zwischen bem Unter- richtenden und den Zöglingen geherrscht, der wohl nicht eher sein Ende nehmen wirb, als bis ber Nürnberger Trichter erfunben sein wirb, der mühelos in bte harten Schäbel alles hineinbeförbert. was jetzt nur durch den sauren Schweiß von Lehrern unb Lernenben zum Wissenskapital ber toteren gemacht werben kann?

Nun! wegen falscher griechischer Accente brauchten bie Glücklichen sich bamals noch, kein Ungenügend als Zensur in roter Tinte unter ihre Arbeiten schretbcn zu lassen; denn diese Überflüssigsten aller Krähenfüße waren damals noch nicht erfunden. Aber im übrigen hatten dte Schuljungen Altgriechenlands auch tlicht gerade zu lacyen. Der VersUngeschunden wird kein Mensch erzogen", läßt tief blicken, und verrät, daß es nicht immer bte überzeugende Kraft sanften Znrebens, sondern nur al. zu häufig die brutale Logik des Stocks und der Rute war, welche in die zukunftsvolle, hellenische Jugend die Elemente der Bildung legte.

Natürlich sah es mit der Schulbildung in den etu- zelnen Staaten Griechenlands, dessen politische Zerrissen­heit selbst der des alten deutschen Bundes Ehre gemacht hätte, sehr verschieden aus. In Sparta, mit welchem in Vergleich gezogen zu werden, überhaupt für einen heutigen Staat keine Ehre ist, so sehr man auch Einfachheit unb Tüchtigkeit in ein blenbenbes Licht zu stellen glaubt, wenn man vonmobernen Spartanerjünglingen" faselt, stauben die Wissenschaften nie in besonders hohem Ansehen. Selbst bie als Bauern verschrieenen Böotier waren ihnen an Bilbung weft überlegen; benit dort hatte zur Zeit des peleponnesischen Krieges jedes kleine Nest seine Volks­schule, unb aus einer Stelle im siebenten Buche bes Thnkydides erfahren wir, baß selbst kleine Lanbstäbtchen, wie bas bamals von ben Athenern zerstörte Mykalessus, mehrerlei Bilbungsanstalten für ihre Jugenb besaßen.

Die entwickeltsten Schulverhältnisse finben wir natürlich in Athen, bem Brennpunkte ber hellenischen Bilbung. Hier muh es Schulen schon im 8. Jahrhundert vor Christus