Ausgabe 
28.11.1901
 
Einzelbild herunterladen

682

sah daß es keine Möglichkeit mehr gab, sich den Maschen dieses Netzes zu entwinden, ittib das zärtliche Du, de.sen sich Felicia so unbefangen und natürlich bediente, ent­waffnete auch die letzte trotzige Regung seines rebelliichen Herzens Ter einzige Augenblick, in welchem vielleicht noch eine Aufklärung möglich gewesen wäre, ging ungenutzt vorüber, und seine Antwort auf ihre letzte Frage entschied über seine und ihre Zukunft.

Arm in Arm verließeil sie das Gerichtsgebaude; Ludwig Fanatius, der ihnen in einer kleinen Entfernung folgte, dachte nur an die fünfzehntausend Dollars, die Georg Rubarth ihm zur Beschaffung eener angemessenen. Aus­steuer für Felicia telegraphisch hatte anweisen lassen, und an die verheißungsvollen Schlußworte des an ihn gench- teten Telegramms: ,

Mitgift hundertundfünfzigtausend. Näheres brieflich.

Auch diese hundertundfünfzigtaufeud mußten natürlich Dollars sein. Das war mehr als eine halbe Million Mark. Und es würde sich gewiß einrichten lassen, baß sie durch seine Hände gingen. Mochten sie sich dabei auch um ein Fünftel oder ein Viertel verringern für die Neuver­mählten würde doch immer noch mehr als gemlg üorig bleiben, zunial der gute Georg da drüben ja nicht ewig leben konnte intb Felicia seine einzige Erbin war.

Ludwig Ignatius war in diesem Augenblick nahe daran, den Rendanten für sein Verbrechen zu segnen, denn ohne die von Lindemann begangenen Unterschlagungen wäre die Verbindung seines Sohnes mit der Amerikanerin sicherlich niemals zu stände gekommen, und der Ausblick auf die paradiesischen Gefilde des Reichtums hätten sich nimmer­mehr vor ihm ausgethan.

Zwölftes Kapitel.

Einige mathematisch veranlagte Köpfe aus dem Be­kanntenkreise des Stadtrats hatten mit Hilfe der schön gestochenen Einladungskarten ausgerechnet, daß der Braut­stand des jungen Paares genau sechs Wochen gedauert haben würde. Tas war nach deutschen Gevslna-pch°ric-r allerdings oi«c nnysuoijititct) kurze Zeit, abcc, Fräulein y-eltcia Rubarth war eine Amerikanerin und die Tochter eines wie mau sagte unermeßlich reichen Mannes. Tas würde in den Augen der guten Einwohner von M. noch ganz andere Verstöße gegen Brauch und Herkommen entschuldigt haben, als es diese Beschleunigung ihrer Hoch­zeit war. Und wenn doch hier und da eine spöttische Be­merkung darüber laut wurde, so kam sie sicherlich aus dem Munde einer Person, die man bei den Einladungen übergangen hatte.

Im übrigen war man recht gut auf das Brautpaar zu sprechen, während man die frühere Verlobung des Assessors mit der, Tochter eines subalternen Beamten vielfach ziem­lich unpassend und übereilt gefunden hatte. Felicia hatte sich auf allen ihr zu Ehren veranstalteten Gesellschaften nicht nur die Verehrung der Männer, sondern auch die Gunst der Frauen durch ihre herzbezwingeude Liebens­würdigkeit im Fluge erobert, und selbst die Mütter heirats­fähiger Töchter, in deren Herzen sich nach der Lösung des ersten Verlöbnisses gewisse verstohlene Hoffnungen geregt hatten, vermochten ihr wegen der Vereitelung dieser Hoff­nungen nicht auf die Tauer zu zürnen.

Felicias Schönheit war eben eine Waffe, mit der sie siegen konnte, wo und wie immer sie wollte. Und sie war niemals so schön gewesen als jetzt während ihres kurzen Brautstandes. Die Liebe, in der ihr ganzes Sem aufgegangen zu sein schien, hatte sie gleichsam verklärt. Ihre Augen waren noch leuchtender und feuriger, ihre Züge noch weicher, ihr Lächeln noch süßer und bestrickender geworden. Der Assessor hätte nach dem allgemeinen Urteil ein ausgemachter Thor sein müssen, wenn er sich nicht für den beneidenswertesten aller Sterblichen gehalten hätte. Und daß man ihn immer, selbst an der Seite seiner herr­lichen Braut, nur mit tiefernster, beinahe düsterer Miene sah, erschien den ausmerksameu Beobachtern, an denen es einem Liebespaare ja niemals fehlt, als ein Zeichen geradezu sträflicher Undaukbarkeit dieses vom Glücke so ver­schwenderisch begünstigten jungen Mannes.

An Margarethe Lindemann dachte man längst nicht mehr, und sie gab niemand einen Anlaß, sich mit ihr zu beschäftigen. War man ihrer schon früher nur selten in größeren Gesellschaften oder an öffentlichen Vergnügungs­orten ansichtig geworden, so hatte sie sich jetzt vollends in Dunkel und Verborgenheit zurückgezogen. Diejenigen

ihrer früheren Bekannten aber, die ihr gelegentlich einmal auf der Straße begegneten, machten die Beobachtung, daß sie sich die große Veränderung in ihrem Leben doch einigermaßen zu Herzen zu nehmen scheine, da sie sie viel bleicher und angegriffener aussehend fanden, als es selbst durch die aufopferndste Pflege eines kränklichen Vaters zu erklären gewesen wäre.

Herbert hatte sie nicht wiedergesehen, und er vermied es selbstverständlich, irgend jemand nach ihr zu fragen. Er hatte sich entschlossen, die ihm aufgezwungenen Pflichten gegen Felicia wie ein ehrlicher Mann zu erfüllen, und er erachtete es als die vornehmste dieser Pflichten, daß ihm Margarethe fortan nur noch wie eine Gestorbene sein dürfe. Konnte er auch nicht hindern, daß ihr Bild noch immer zwischen ihm und seiner schönen Verlobten stand, daß er beinahe von ihr träumte, und daß jede Liebkosung Felicias eine Fülle schmerzlicher Erinnerungen in ihm allmählich weckte, statt ihn zu beglücken, so hielt er doch nicht nur seine Worte und seine Handlungen, sondern auch seine Ge­danken und Wünsche in strenger Zucht, hoffend, daß es ihm endlich gelingen werde, auch jenes Bild und jene Er- innemngen aus seiner Seele zu bannen.

Aus freien Stücken und zur nicht geringen Verwunder­ung seiner Vorgesetzten hatte er eine Arbeitslast aus sich genommen, die ihn an den meisten Tagen weit über die üblichen Bureaustunden hinaus beschäftigte und ihm nur wenig Zeit ließ, sich seiner Braut zu widmen. Zu eurem ungestörten Alleinsein der beiden Verlobten kam es auch in diesen karg bemessenen abendlichen Mußestunben bemühe nie, obwohl Felicia dem Drängen des Stadtrats uachge- geben hatte und aus ihrem Pensionat in das ^gnatrus fche Hans übergesiedelt war. Denn entweder hatte der Kam­merer selbst eine Anzahl von Gästen geladen oder es galt, der Einladung irgend einer befreundeten Familie Folge zu leisten, wozu Felicia immer mit Freuden bereit war, da es ihr allem Anscheine nach das innigste Vergnügen be- roitsto, ihr junges Gluck den Augen aller Welt zu, zeigen. Nicht einmal während der Wagenfahrt aber war sie dann mit Herbert allein; denn immer befand sich Hilde inihrer Gesellschaft, und wenn auch Felicias heiße Zärtlichkeit sich durch die Gegenwart ihrer zukünftigen Schwägerin kaum eineu Zwang auferlegen ließ, so beobachtete Herbert doch stets eine Zurückhaltung, die durch seine Rücksicht auf , die Anwesenheit des jungen Mädchens in beit Augen seiner Braut zwar vielleicht nicht hinlänglich gerechtfertigt, aber doch immerhin erklärt wurde.

Ihre Gesangstudien hatte Felicia mit dem Tage ihrer Verlobung abgebrochen, und sie hätte während dieser un­ruhigen Wochen auch wirklich keine Zeit gesunden, ihnen obzuliegen. Denn die Beschaffung einer Aussteuer, wie oie verwöhnte Amerikanerin sie für angemessen hielt, war fttr- wahr keine leichte Aufgabe, und die arme, schwächliche Stadträtin hatte es sehr bald aufgeben müssen, sie bei all den Einkäufen, Besuchen von Schneiderateliers und Kon­ferenzen mit allen möglichen Lieferanten zu begleiten, die nach Felicias Versicherung durchaus unvermeidlich waren. Ter Brautschatz einer Prinzessin hätte kaum prächtiger und verschwenderischer sein können, als es die Unmenge ferner Wäsche und anderer Doilettenartikel war, die man nach und nach im Hänse des Stadtrats ablieferte. Und cs war jedenfalls ein Glück, daß man auf Felicias Wunsch von der Einrichtung einer Wohnung vorläufig noch, Ab­stand nehmen wollte, da die kurzen sechs Wochen , sonst unmöglich für alle Besorgungen ausgereicht haben wurden. Der Verzicht auf ein behagliches eigenes Heim aber er­klärte sich daraus, daß Herbert schon tm Frühling seine Versetzung in eine andere Stadt erwartete, und daß Fe­licia nach der Rückkehr von der auf einen Monat berech­neten Hochzeitsreise lieber eine kurze Zeit in einem Hotel wohnen als jetzt die Ausstattung für eine Wohnung be­schaffen wollte, die sie schon nach wenigen Wochssn mit einer anderen hätte vertauschen müssen. ,

Davon, daß die Versetzung lediglich auf seinen eigenen Wunsch erfolgen würde, hatte der Assessor freilich nichts gesagt. Die Damen des Jgnatins'schen Hauses glaubten, daß es sich um eine von seinem Willen unabhängige Maßregel handle, und der Stadtrat, der als Kenner der Verhältnisse vom Gegenteil überzeugt war, hütete sich sehr wohl, seinen Sohn nach den Gründen zu fragen, die er $ So war die Zeit wie im Fluge dahingeschwunden, und