Nr. 171.
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ic beste Art, sich an jemand zu rächen, ist die, cs ihm nicht gleich zu thnn. Marc Aurel.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Als Herbert mit den Seinigen daheim angekommen war, machte er Miene, sich sofort zurückzuziehen, um allen peinlichen Fragen ‘unb noch viel peinlicheren Freudenäußerungen zu entgehen, die er ruhig hätte hinnehmen müssen, da er ja den Irrtum nicht aufklären durfte, bevor er mit Felicia gesprochen. Aber wenn es ihm auch gelang, sich rasch von Mutter und Schwester loszumachen, so konnte er doch nicht verhindern, daß sein Vater ihn gegen alle Gewohnheit bis an die Schwelle feines Zimmers begleitete, offenbar in der Absicht, ihm noch irgend eine vertrauliche Mitteilung zu machen.
Und diese Mitteilung kam in der That, nachdem einige scherzhafte Worte sie passend eingeleitet hatten. Ludwig Ignatius war ein zu feiner Menschenkenner, und er kannte namentlich seinen Sohn viel zu genau, als daß er nicht einen guten Teil von alledem hätte erraten sollen, was während der letzten halben Stunde in Herberts Seele vorgegangen war. "Roch fühlte er sich des Erfolges keineswegs gewiß, und er meinte jedenfalls kein Mittel unversucht lassen zu dürfen, das ihn sichern konnte. Deshalb erzählte er dem Assessor lächelnd, ivie er schon vor einigen Wochen wider seinen Willen Felicias so ängstlich gehütetes Herzensgeheimnis belauscht habe, wenn er dabei auch insofern von der Wahrheit abwich, als er die Scene mit dem Bilde auf einen Zeitpunkt verlegte, als Herberts erstes Verlöbnis bereits aufgehoben gewesen war.
„Natürlich darfst Du sie niemals ahnen lassen, daß sie damals beobachtet worden ist", fügte er hinzu. „Ich würde ja auch unter anderen Umständen nicht die Indiskretion begangen haben, es auszuplaudern. Aber ich meine, es muß Dir Freude machen, zu hören, eine wie leidenschaftliche Zuneigung sie für Dich seit langer Zeit im Herzen getragen hat."
Er hatte sich in der Wirkung des angewandten Mittels nicht betrogen. Wenn Herbert bis dahin noch immer hatte glauben können, daß Felicia vorhin unter Einflüssen gehandelt habe, die mehr -eine Geburt des Augenblicks als die Aeußerung ihres wirklichen Seelenzustandes gewesen waren, so mußte ihn die Erzählung seines Vaters wohl überzeugen, daß er sich da in einem Irrtum befunden hatte. Die Gewißheit, daß sie ihn wirklich liebte und daß
ihre Liebe von jener tiefen, leidenschaftlichen Art war, die zugleich den ganzen Lebensinhalt und das ganze Lebensglück eines Weibes ausmacht, mußte ivie ent eindringlicher Appell an seine Ritterlichkeit auf ihn wirken. Die Antwort auf die Frage, ob er überhaupt itoch ein Recht habe, sie aus der durch die Umstände nnb nicht zum wenigsten durch ihtt selbst verursachten Täuschung zu reißen, schien ihm jetzt itoch tausendmal schwieriger als zuvor, und die schlaflos zuge- brachten Stunden dieser Nacht reichten nicht hin, ihn zu. ci«em s-rstsn unb befreienden Entschlüsse gelangen zu lassen.
Der nächste Tag, der seine Mitwirkung vet frii.fi, zeitig beginnenden und ivider Erwarten bis zum Abend ausgedehnten, sehr ermüdenden Gerichtsverhandlung notwendig machte, war vielleicht der peinvollste seines ganzen Lebens. Mehr von dem ungelösten Widerstreit in seinem Innern als von der beruflichen Anstrengung zu Tode erschöpft, verließ er nach endlich aufgehobener Sitzung den Saal. Ter Korridor war mit Menschen gefüllt; aber der Assessor blickte weder nach rechts noch nach links, während er ihn durchschritt; da hörte er sich von einer wohlbekannten Stimme bei seinem Namen angerufen, und auf- schauend gewahrte er die stattliche Gestalt seines Vaters, der die von Glück und Heiterkeit geradezu strahlende Felicia am Arme führte.
„Das heiße ich eine angenehme Ueberraschung, nicht wahr, mein Junge? — Zwei Stunden lang hat Dein liebes Bräutchen bei uns auf Deine Heimkehr gewartet. Dann ließ cs ihr keine Ruhe mehr, und ich mußte sic. hierher, führen, in die Höhle des Löwen. Denn sie hat eine Neuigkeit für Dich, die Dir, wie ich denke, nicht übel gefallen wird."
Es ivar für Herbert ganz unmöglich, Felicia hier inmitten der vielen Menschen anders als durch einen Händedruck zu begrüßen, und sie konnte in dent Unterbleiben jeder Liebkosung deshalb nichts Auffälliges finden.
Lächelnd überreichte sie ihm, ohne ein Wort zu sprechen, eilt bereit gehaltenes Telegramm, und. der Assessor las:
„„Gebe von Herzen meinen Segen, bin innig erfreut über glückliche Fügung. Tausend Glückwünsche Dir und meinem lieben Sohne, Deinem Verlobten. Habe wegen alles Uebrigen gleichzeitig an Ludwig Ignatius gekabelt. Bitte .Hochzeit möglichst zu beschleunigen, und hoffe, Euch vor meinem Ende noch einmal in Boston zu sehen. Erwarte näheres brieflich. Georg Rubarth.""
„Es ist die Antwort auf eine telegraphische Mitteilung, die ich meinem Vater in der Frühe des heutigen Tages machte", sagte Felicia erklärend, da Herbert auffallend lange in das Blatt starrte. „Denn wenn ich auch volljährig und die unumschränkte Herrin meiner Handlungen bin, hielt ich es doch für schicklich, mich seiner Einwilligung zu versichern. Es ist Dir doch recht, daß ich's gcthan habe — nicht wahr?"
Ta ergab sich Herbert Ignatius in sein Geschick. Er


