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Nach einer Weile wurde zur Abendtafel geläutet. Gisela hörte es mit heimlichem Mißbehagen. Stand ihr doch gleich nach dem Schlüsse derselben der unangenehme Augenblick bevor, wo sie der alten, leicht verdrießlichen Erbtante, von deren Wohlwollen das Schicksal ihrer ganzen Familie abhing, gestehen mußte, was mit ihrer Arznei geschehen sei! Sie beschloß, die Tante recht lange bei Tische zu sesseln und sie auch nachher zu bewegen, unten zu bleiben, damit die Frist bis zur Entsendung des Hausburschen möglichst verkürzt werde. Wenn sie nachher sagen konnte, er sei schon unterwegs nach der Apotheke, so wurde der Unwille der alten Quälerin dadurch vielleicht im Keime erstickt. So bot sie denn nach der Abendtafel alle ihre Liebenswürdigkeit auf, die Tante unten zu behalten. Die prächtige Aussicht, das schöne Wetter, die angenehme Gesellschaft, die Bereitwilligkeit, ihr ihr Lieblingslied „Behüt' Dich Gott", das ihr sonst zu süßlich war, zu singen, vermochten im Verein schließlich die Greisin zum Bleiben zu bestimmen.
(Schluß folgt.)
Geschickte Viehzucht.
Humoreske von A. D o u r l i a c.
(Nachdruck verboten.)
Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von A. Heim.
„Ja, lieber Vater, die große Medaille und 10 000 Fr. für ein paar einfache Ochsen! 'Du hattest Recht, die Viehzucht hat etwas für sich! Der erste Schritt zum Reichtum ist gemacht, und sowie die Ausstellung geschlossen, und ich meine „Tiere" dem Käufer übergeben habe, komme ich für einige Wochen in die Heimat, um Dir von meinen Mühen, meinen Erfolgen zu erzählen, und Dich um Verzeihung zu bitten."
„Meine Verzeihung!" rief der Vater Brunoh, und schnäuzte sich vor lauter Rührung kräftig in das grobe buntgewürfelte Taschentuch, „die hat er zehnmal verdient, da er auf sein nichtsnutziges Handwerk verzichtet hat! 10 000 Francs! Mit seinen Schmierereien würde er die nicht verdient haben, tote, Herr Pastor? Hatt' ich nicht recht, nicht auf Ihren Rat zu hören, und dem Jungen seinen Willen durchgehen zu lassen? Wenn ich damals nicht ganz energisch meinen Willen als Vater durchgesetzt hätte, könnte der Junge jetzt Hungerpfoten saugen, statt zwei Ochsen auf der Ausstellung prämiiert zu haben. Steht's nicht so in der Zeitung?"
„Jawohl", antwortete der Pfarrer mit schlauem Lächeln, „steht hier: „Große Medaille: Roger Brunoh. Ein Paar Ochsen, Nr. 650."
,Na, wissen Sie, für mich ist das blos schwarz auf weiß . . . macht mir aber doch Vergnügen, daß mein Name dasteht!" sagte der alte Bauer, und sah voller Achtung auf die Druckschrift . . . „Meiner Treu, thut mir doch leid, daß ich /licht lesen kann . . ."
„Ja, es ist auch schade; denn Ihr Junge wird sehr gelobt; die Leute vergleichen ihn mit Rosa Bonheur! . . ."
„. . . - Rosa Bonheur!" murmelte der Bauer, als er nach Hause ging, „wird wohl irgend eine Gutsbesitzersfrau sein, die sich mit Viehzucht abgiebt."---
Von Kindheit hatte Roger Brunoh Neigung zum „Farbenklecksen", wie sein Vater es nannte, gezeigt. . . - und dabei ein Talent verraten, wie es vielleicht unter hundert Fällen einmal vorkommt.
Die Hausmauern, seine Schulhefte, alles war ihm für seine Malereien recht, und der Lehrer und der Pfarrer, denen das Talent des Knaben nicht entgangen, rieten dem Bauern, seinen Sohn auf die Kuustakademie zu schicken . . . . Der schickte ihn auch auf eine Akademie, aber nicht auf die der schönen Künste, sondern auf die landwirtschaftliche Hochschule, damit er seine Flausen vergesse.
Leider aber konnte Roger diesem Fach gar keinen Geschmack abgewinnen, und selbst die gelehrtesten Vorträge über Rübenbau und Viehzucht ließen ihn kalt, dagegen aber interessierte ihn der Bau der Pflanzen und die Gliederkunde der Tiere angelegentlichst.
Als er die Schule dnrchgeinacht hatte, konnte er sich denn auch nicht entschließen, in die Heimat zurückzukehren und trotz der Bitten und Drohungen des Vaters teilte er ihm als festen Entschluß: mit, Maler werden zu wollen.
Der Alte nahm das sehr übel, schickte kein Geld mehr, und die Freunde beschied er mit den Worten:
„Ist ein schlechter Mensch, der auf Abwege geraten ist!"
Ganz im geheimen that es ihm vielleicht manchmal leid, so unerbittlich gewesen zu sein, und nicht anders gehandelt zu haben, und oft tauchte der Gedanke auf, daß „der Kleine" vielleicht mal hungrig zu Bett gehen möge.
Aber er blieb eigensinnig, und sagte sich:
>,Es geschieht zu seinem besten . . ."
Und jetzt beglückwünschte er sich, so und nicht anders gehandelt zu haben; denn nun war Roger doch vernünftig geworden!
Ja, wahr und wahrhaftig, seine Heimkehr sollte ordentlich gefeiert werden! Wie ein verlorener Sohn, der ins Vaterhaus zurückkehrt!
Und schließlich, warum sollte der Vater denn so lange warten?
Vater bleibt doch Vater . . .
Er konnte sich ja gleich bei der Gelegenheit die beiden Ochsen ansehen, auf die war er sehr neugierig. 10 000 Francs, das lohnte schon die Reise!
. . . Und eines Morgens sah der Portier des Hauses in der „Rue des Martyrs", wo Roger wohnte, einen alten Bauern in blauem Leinenkittel mit schwieligen Händen unschlüssig in der Hausthür stehen.
„Habt Ihr hier einen Viehzüchter in Eurem Haus, Männchen?" fragte Vater Brunoh.
„Einen Viehzüchter", antwortete der Zerberus des Hauses, und riß die Augen weit auf. . . „was?"
„Na, einen, der Vieh züchtet, zum Kuckuck! So Kälber, Hammel. . . Ochsen . . ."
„Wo sollte er die denn hinthun, wenn's nicht zweibeinige sind? . . . doch wohl nicht auf meine Treppe . . . denke ich mir . . ."
„Ns, das frage ich mich auch: schon", brummte der Wte und kraute sich den Kopf. . . „seht Euch doch: mal hier den Zettel an, ist das nicht Eure Hausnummer?" '
„Herr Roger Brunoh ... Ah! Zu Herrn Brunoh wollen Sie. Na, Männchen, das konnten Sie doch auch: gleich« sagen. Ganz oben, die Thür links."
Und während der Vater pustend die 119 Stufen hinaufstieg, die ihn zum Atelier des Sohnes führen sollten, machte der Portier seine Logenthür zu, und meinte für sich:
„Was faselt denn der von Viehzucht?"
Als es an die Thür klopfte, rief Roger, der vor seiner Staffelei saß, ruhig „herein!"
Beim Anblick seines Vaters schrie er aber überrascht auf, sprang fröhlich in die Höhe, und bewegter als er es wahr haben wollte, schloß er den Alten in seine Arme.
Nach den ersten Begrüßungen sah der alte Bauer sich mißtrauisch um.
Ueberall Paletten, Pinsel, Studien und Skizzen.
„Malst Du denn immer noch?"
„Ja, wenn ich mal Zeit habe. . . willst Du meine Entwürfe sehen?"
„Ach, was liegt mir denn an den Klecksereien! Die Hauptsache sind Deine Ochsen! Sie sind doch wohl nicht etwa krank?"
„Nein, oh nein, da kannst Du ganz ruhig sein", antwortete Roger lachend.
„Kann ich sie nicht mal sehen?" fragte der Bauer immer noch mit leisem Mißtrauen.
„Aber selbstverständlich! Ich wollte es Dir gerade Vorschlägen."
Eine Stunde später trat Vater Brunoh am Arme des Sohnes über die Schwelle des „Palais de l'Jndustrie".
„Hier riecht es kräftig nach Stall! sagte der Alte und holte tief Atem — die Pferdeausstellung war gerade gewesen —.
Als Vater Brunoh aber nur Bilder und wieder Bilder bemerkte, da zog sich sein Gesicht in verächtliche Falten.
„Ist 'ne komische Idee, hier die Malereien aufzuhängen !"
Als sic in die große Rotunde kamen, führte Roger den Vater vor ein Bild, in dessen Rahmen in mächtigen Lettern stand: „Große goldene Medaille."
„Verzeih' mir meine Heimlichkeit, Vater", sägte er:


