Ausgabe 
28.7.1901
 
Einzelbild herunterladen

426

Und aus dem anfänglichen Wunsche, sie zu seinen Füßen zu sehen, ward leise, leise der innige Drang, ihre Vergebung zu erlangen, vor ihr ans den Knien zu liegen und thörichte Worte der Leidenschaft zu stammeln.

Leider aber schien dazu nicht die geringste Gelegenheit herbeikommen zu wollen. Durch den Vorfalk in seinem Zimmer hatte sie, wie es schien, kein Fünkchen von Interesse mehr für ihn. Sie sah an ihm vorüber, wenn er sich blicken ließ, brach sofort ihren Gesang ab, wenn er aus dem Walde zurückkehrte und in der Veranda sichtbar ward, schnitt ihm sogar die Möglichkeit ab, zu grüßen, indem sie absichtlich nach! der anderen Seite sah, wenn er vorüber ging . Er vergalt dies alles durch ein spöttisches Lächeln, das ihm glücklicherweise zu Gebote stand, auch wenn ihm das Herz blutete, und wenn sie sich auch den Anschein gab, als bemerke sie es nicht, so stachelte die Maske dieses ewigen Gleichmutes sie dennoch. Ihre Vergleiche, die sie im stillen zwischen diesem unausstehlichen Menschen und den übrigen Vertretern des stärkeren Geschlechts in bei4 Wald-Pension anstellte, fielen bei ihrer Ehrlichkeit leider alle zu Gunsten Heinz Dörings aus. . Er war elegant, nobel, redegewandt, körperlich geübt und sicher im Auftreten, wußte durch ein geistvolles Wort oftmals einem Streite die Spitze abzu­brechen, oder einen der eigensinnig für ihre ° unreife Meinung sich erhitzenden Jünglinge der verdienten Lächer­lichkeit zu überliefern. Mit heimlichem Groll mußte sie das alles zugeben. Wie schön wäre es gewesen, wenn sie beide sich vertragen hätten! Wie viel reizvoller wären diese köst­lichen Sommertage dann erst geworden! Aber er hatte ja Schuld daran, dieser Barbar! Sie hatte doch nicht an- gesangen! . . .

Fast eine Woche war bei diesem gespannten Zustande ins Land gegangen, ohne daß sich die Lage auch nur im geringsten verschoben hätte. . . -

Nun war es Sonntag geworden. Die Natur steckte wie in einem Feierkleide, so taufrisch prangten die Wiesen, so weihevoll rauschten die Tannen. Im HotelZur Wald­heimat" freilich wußte man heute nicht viel von Sonntags­stille und Festfrieden. Ein Teil des Personals war in das nächste Dorf zum Schützenfeste beurlaubt. Dadurch war die Thätigkeit im Hause doppelt fieberhaft. Unvorhergesehene große Gesellschaften hatten Einkehr gehalten, keine Hand im Hause war müßig, und trotzdem gelang es nicht immer, die Hungrigen und Durstigen alle zn befriedigen.

Heinz Döring, abgestoßen von dem Sonntagstrubel, war in den Wald gepilgert, wo er am dichtesten und heim­lichsten war, und hatte sich den müßigen, aber ach so süßen Träumereien von der Göttin seines Herzens ergeben, die ihn so beharrlich mit Verachtung strafte. Dabei hatte er sich auch sein ganzes Sündenregister wieder vorgehalten, und machte sich immer von neuem wieder Vorwürfe über sein vorschnelles tölpelhaftes Verurteilen jenes aus der fröh­lichen Laune des Zufalls gesungenen Rosenliedes. Wie oft und wie begeistert hatte er selbst es früher gesungen! Was für ein Egoist war er doch gewesen an jenem Nachmittage, daß er es anderen so verargt und vergällt hatte! Und wenn auch das verstimmte Klavier ihn vielleicht beson­ders gereizt hatte, Gisela Walrats prächtige Stimme hätte ihn sofort dafür entschädigen müssen! Aber man ist eben nachher immer klüger, dachte er seufzend. Es ist wie mit den Ratsherren, wenn sie die Treppe zum Ratskeller hinunterwandeln!

Dabei hatte er leise, ohne es zu merken, angefangen, das Roguettesche Lied vor sich hinzusummen. Immer lauter kam es von seinen Lippen, immer feuriger strömten ihm die Worte vom Munde. Er achtete es nicht, daß er langsam wieder in die Nähe des Hotels gelangt war. Schmetternd klang es hinauf, just zu den Fenstern, aus dem sich hälb verwundert, halb entrüstet Fräulein Gisela herausgelehnt hatte:

Noch ist die blühende, goldene Zeit, Noch sind die Tage der Rosen!"

Nun warf er einen Blick hinauf, sehnsüchtig bewegt; er wußte ja, daß sie hier ihr Zimmer hatte. Da klirrten irn gleichen Augenblick heftig die Scheiben und voll Hast und Empörung zog sich das junge Mädchen vom Fenster zurück. Er hatte ihr den Kehrreim offenbar zum Hohne hinauf­

gesungen der abscheuliche Mensch! O, wie sie ihn haßte! Wie sie ihn haßte! . . .

Leider war ihr bei dem heftigen Zuschlägen des Fenster­flügels ein Unglück geschehen. Die Medizinflasche ihrer Tante, aus der diese alle zwei Stunden einzunehmen pflegte und dann allemal die deutlichste Linderung ihrer Gallensteinschmerzen zu verspüren behauptete, war herunter­gefallen und hatte ihren Inhalt bis auf den letzten Tropfen über den Fußboden ergossen. Was würde das für eine Szene geben, wenn die Tante das merkte! Sie sah nach der Uhr. Es blieb ihr noch eine gute Stunde Zeit, Ersatz zu schaffen. Aber die Apotheke war vier Kilometer weit. Zur rechten Zeit könnte der heilsame Trunk unmöglich an Ort und Stelle sein!

Und all dieses Ungemach durch diesen boshaften Men­schen! Es war, um Thränen zu vergießen vor Zorn und Jammer!

Glücklicherweise dachte sie daran, daß davon die Flasche ersts recht nicht vorschriftsmäßig gefüllt werden könne, und so kramte sie denn eilig das Rezept hervor und stieg hinab in die Küche, um sich vom Wirt einen Boten auszubitten.

Aber da kam sie heute bös an. Alle Liebenswürdigkeit nützte nichts.

Wir wissen nicht, wie wir's schaffen sollen, liebstes Fräulein!" ächzte er.Sechzig Personen zum Abendtisch mehr und nur halbes Personal. Ich kann keinen Menschen entbehren, so leid es mir thut!"

Aber der Kutscher hat doch nichts zu thun! So lassen Sie anspannen. Ich bezahle es!"

Der Kutscher ist soeben nach Tannenhof gefahren. Kommt vor zehn nicht zurück!"

Ader dort steht ein Fahrrad! Ihr Hausbursche kann gewiß radeln!"

Der Hausbursche muß mit bedienen!"

Bis dahin kann er längst zurück sein, Papa Sieveking!" Nein, nein, es geht nicht. Außerdem gehört das Rad nicht ihm, mein Fräulein!"

Schwindel!" dachte sie und trat hinaus, es zu be­trachten. Es war ein sehr elegant gebautes Stahlrößlein, auf dem die Entfernung zu der dummen Apotheke ganz sicher in einer Viertelstunde zurückzulegen war.

Wem gehört es denn?" fragte sie, wieder an das Küchenfenster tretend. Da antwortete ihr im Rücken an des Wirtes Statt eine Stimme:Privat-Eigentum, mein Fräulein!"

Sie fuhr herum und- saß in das verlegen lächelnde Antlitz Heinz Dörings, dem diese etwas boshafte Anspielung eigentlich ganz wider Willen entschlüpft war.

Ah so, Verzeihung!" sagte sie schneidend, reichte das Rezept zur Küche herein und gab dem Wirt Auftrag, es wenigstens noch nach der Abendtafel zur Apotheke zu schicken. Tie Flut der Vorwürfe, die ihr von der Tante ob des Unfalls über sie hereinbrechen würden,, mußte sie nun schon über sich ergehen lassen. Erhobenen Hauptes schritt sie davor«.

Heinz biß sich auf die Lippen. Was hatte er wieder angerichtet?

Wie kam denn Fräulein Walrat darauf, sich nach meinem Rade zu erkundigen?" fragte er den Wirt.

Sie wollte gern ein Rezept zur Apotheke besorgt haben und dachte, es gehörte unserem Hausburschen!"

Und wenn ich nun einmal Ihren Hausburschen spielte?" fragte Heinz launig.

Sie wollten doch Ihren Herrn Bruder auf dem Schützenfeste treffen, Herr Baumeister?" fragte der Wirt zurück.

Das allerdings! Aber der kann warten. Schließlich weiß er ja, wo ich bin und kann mich hier auffuchen! Wenn er kommen sollte, sagen Sie ihm nur Bescheid! Und nun her das Rezept!"

Lachend reichte ihm der Wirt das schmale Zettelchen. Eine Minute später flog Heinz schon die Straße nach dem Städtchen hinab, wo er die nächste Apotheke wußte. Gisela konnte ihn erblicken, wie er um die zweite Waldecke bog und dachte dabei:

Wenn er ein bischen netter gewesen wäre. . . und ich auch . . . dann ja dann wäre das ganze Unglück überhaupt nicht geschehen!"