. (Nachdruck verboten.)
Privat-Eigentum.
Eine luftige Geschichte aus der Sommerfrische. Von Alwin Römer.
(Fortsetzung.)
Sein Schlafbedürfnis war merkwürdigerweise zu Ende. Rasch entschlossen machte er jetzt Toilette und begab sich hinunter auf die Veranda, von wo aus sich ein prächtiger Blick über die nächsten Thäler und Höhen des Gebirges aufthat. Es wurde dort schon zur Wendtafel gedeckt. Außer den dienstbaren Geistern war jedoch niemand anwesend. Gelangweilt setzte sich Heinz an einen Tisch, aus dem eine ziemlich dickleibige Journal-Mappe lag, die merkwürdigerweise mit den neuesten Nummern der periodisch erscheinenden Witz^ und Familien-Blätter gefüllt war, was seine Hochachtung vor diesem Wald-Hotel wieder langsam zum Steigeu brachte.
Schmuuzelnd vertiefte er sich in die letzten „Fliegenden", die er bei seiner Abreise im Kaffee daheim noch nicht zu Gesicht bekommen hatte, und da ihm gerade eine sehr lustige Illustration Oberländers vor Augen kam, konnte er seinem Zwerchfell keinen Zwang mehr anthun. Er fing an, ganz vergnügt aufzulachen. Dabei hatte er nicht bemerkt, daß seine schöne Feindin, die er vor einer Viertelstunde so beleidigt hatte, eingetreten war und ihn beobachtete. Erst als sich der Schatten einer Gestalt auf seinem Hefte bemerkbar machte, sah er auf und ihr direkt in das etwas verzogene Antlitz.
1901
ass
■
cheltct nicht die weichen Klänge, Die von meiner Lippe weh'n, Diese klagenden Gesänge, Die der Schönheit Spuren geh'n! Seiner Rhytmen gold'ne Spiele Spielend, blickt der Dichtersinn Freudig nach dem fernen Ziele Eines neuen Lebens hin.
Jeder Klang, der nach dem Schönen Lockend hin die Herzen zieht, Klingt der Zukunft echten Söhnen Rauschend als Tyrtäuslied:
Als ein Schrei der Kampfestriebe, Den, indes der Feind noch kämpft, Wundersam die ew'ge Liebe Schon zur Melodie gedämpft.
Hamerling.
„Sie erlauben wohl!" sagte sie und griff nach der Mappe.
„Bitte!" entgegnete er, obgleich ihm das ziemlich dreist vorkam.
„Wollen Sie mir die „Fliegenden" nicht auch geben?" fragte sie in jenem Tone, der einer direkten Nötigung nichts nachgiebt.
„Aber gestatten Sie", bemerkte er ärgerlich, „ich lese ja noch darin!"
„Wenn auch", erklärte sie darauf mit einem bezaubernd boshaften Lächeln. „Diese Mappe gehört nicht zur Wirtschaft hier. Es ist Privat-Eigentum!"
„Ja, dann allerdings!" sagte er hastig und vor Aerger rot werdend. „Das vermutet man ja nicht, daß auf Wirtshaustischen Journale herumliegen, die nicht für jedermann sind!"
„O, wir stellen sie auch sonst gern jedem zur Verfügung!" bemerkte sie. „Nur . . ."
„Nur mir nicht! Ich verstehe!" polterte er. Aber ich mache auch gar keinen Anspruch! darauf. Bitte!"
„Nur hatte meine Tante soeben den Wunsch geäußert, die vorhin angekommene Mappe zu durchblättern. Und da meine Tante krank und nervös ist, die „Fliegenden" aber ihre Lieblings-Lektüre bilden, so hatte ich mir gestattet, Sie zu unterbrechen", führte Fräulein Gisela Walrat ihren Satz gleichmütig zu Ende.
„Bitte!" würgte er. nochmals und überlegte dabei, ob es nicht das Geratenste sei, noch heute abend weiter zu radeln, oder sich wenigstens das Abendbrot ans sein Zimmer bringen zu lassen Wie er aber die prächtige Gestalt des jungen Mädchens, das sich soeben so glänzend an ihm gerächt hatte, durch die Veranda schweben sah, und in den Mienen der sich langsam versammelnden Abendgäste nichts wie Freude und Verehrung für dieses süße Geschöpf bemerkte, packte ihn das unbändige Verlangen, sie zu bezwingen, ihr Achtung abzunötigen, sie kleinmütig zu seinen Füßen zu sehen.
Wie ein Rausch war es ihm angeflogen, und unablässig beobachtete er sie in den nun folgenden Tagen, sobald er sich selbst unbeobachtet wußte. Und immer mehr ging ihm das Verständnis für ihre natürliche Frische und heitere Mrmut auf. Wie sie mit ihren Genossinnen im Hause verkehrte, wie sie das Personal im Zaum zu halten wußte, ohne von ihrer Liebenswürdigkeit dabei etwas einzubüßen, wie sie den jungen Lassen, die mit im Hause wohuten, mit dem bewunderswertesten Takte zu begegnen vermochte, wenn . deren Huldigungen einmal leise über den unsichtbaren Grenzstrich des Schicklichen hinausschweiften, wie sie vor allem ihrer kranken, launischen, schwer zu befriedigenden Tante mit echt töchterlicher Liebe und Unterordnung zur Hand ging: das erfüllte ihn mit nie gekanntem Entzücken!


