Ausgabe 
28.4.1901
 
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Las Erscheinen der Haushälterin schob den Beginn dieser vernünftigeren Unterhaltung noch um ein kleines hinaus. Tie bejahrte Frau Heitmüller, die sicherlich viel braver und tüchtiger war, als sie hübsch und liebenswürdig aussah, brachte in der That unaufgefordert ein halbes Dutzend Bierflaschen und zwei Gläser, von denen sie zuerst dem Gast eines hinsetzte:

Wohl bekomm's, Herr Boysen!" sagte sie, um dann nach einem kleinen Zögern hinzuzufügen:Es ist Mün­chener Hofbräu, und hoffentlich noch frisch, obwohl es schon recht lange auf Sie wartet."

Harro Boysen hatte seinen Pokal gefüllt, und trank ihr mit freundlichem Lächeln zu.

Prosit, liebe Frau Heitmüller! Es ist frisch, als käme es direkt aus dem Faß."

Tie Haushälterin sah so glücklich drein, als ihr runzeliges Gesicht es zuließ. Der Rechtsanwalt aber rief, sobald sic sich wieder zurückgezogen, mit erheucheltem Unmut:

DahastDu's! für Dich hütet sie derartige verborgene Schätze, und id) mußte mich während der ganzen Zeit" mit schalem Lagerbier begnügen. Wahrhaftig, wenn ich nicht gerade in einer so "" versöhnlichen Stimmung wäre, ich würde ernstlich eifersüchtig auf Dich werden."

Und diese großmütige Stimmung welchem glück­lichen Ungefähr habe ich sie zu verdanken? Hast Tu Deinen ersten fetten Prozeß ergattert?"

Etwas viel besseres, Harro ich habe mich verlobt."

Eine sehr mäßige Ueberraschung nur war es, die sich in Harro Boysens Antlitz spiegelte. Er begnügte sich, die Zigarre aus dem Munde zu nehmen, und dem Freunde mit einer gelassenen Bewegung die Hand zu reichen.

Möge es zu Deinem Glück sein, Bernhard! Ich brauche ja nicht zu fragen: mit wem; denn ich sah das Verhängnis kommen, seitdem Du mir von Deiner ersten Begegnung mit Inge erzähltest."

Dein Scharfblick war vielleicht so bewunderungswürdig nicht. Habe ich sie doch wirklich schpn an jenem Tage ge­liebt. Und wie hätte es auch anders sein können? Ist sie denn nicht das holdseligste und liebenswürdigste Geschöpf auf Erden?"

Es wäre schlimm, wenn Tu anders über sie dächtest. Wann giebt's denn nun Hochzeit?"

O, damit hat es einstweilen noch gute Wege. Dein Oheim will ja sogar unser Verlöbnis erst bekannt gemacht wissen, nachdem ich ihm seinen Prozeß gewonnen habe."

Und das sagst Du mit solcher Seelenruhe? Ja, machst Tu Dir denn wirklich Hoffnung, diesen verrückten Prozeß zu gewinnen?"

Nicht die geringste, Harro!"

Und was soll unter diesen Umständen aus Dir und Inge werden?"

Ein über die Maßen glückliches Ehepaar, wie ich hoffe. Tie Bedingungen des Herrn von Restorp find doch wohl nicht allzu tragisch zu nehmen. Einen wie beträchtlichen Eigensinn er auch entwickeln kann, sobald es sich um diese leidige Prozeßangelegenheit handelt, das Glück seines ein­zigen Kindes wird er ihr doch schließlich nicht zum Opfer bringen wollen."

Hm! Ich weih nicht Tu folltest ihn doch lieber bewegen, freiwillig von der aussichtslosen Verfolgung seines vermeintlichen Anspruches abzustehen."

Ich würde leichter den Justizpalast von der Stelle rücken, als daß ich ihn dazu bestimmte. Alles, ivas ich erreichen würde, wäre, daß er die Sache einem andern Anwalt übertrüge. Und ich habe triftige Gründe, das nicht zu wünschen. Aber was ist denn das? Noch ein Besuch um diese Stunde?"

Tas zweimal rasch nach einander erfolgte Anschlägen der Wohnungsglocke hatte ihn zu dieser erstaunten Frage bewogen. Tie verstummten Freunde hörten den schlurfenden Schritt der Haushälterin, ein längeres Durcheinander mehrerer Stimmen, von denen die eine ihrem hellen, angenehmen Klange nach einem jugendlichen weiblichen. Wesen angehören mußte, und endlich ein dumpfes Ge­räusch von dem Niedersetzen eines schweren Gegeinstandes. Bernhard, der seine Wißbegierde nicht länger zügeln konnte, stand auf, um sich über die Natur der seltsamen Störung

zu unterrichten. Aber er hatte die Thür des Arbeits­zimmers noch nicht erreicht, als sie ziemlich ungestüm von draußen geöffnet wurde, und als eine junge Dame in knapp anschließendem grauen Reisemantel ihm gerade in die Arme lief.

Hanna!" rief er in höchster Ueberraschung.Ist es denn möglich? Ich habe Dich nicht einmal an der Stimme erkannt, so wenig war ich darauf gefaßt, daß Du es sein könntest."

Er hatte sie umarmt, und sie bot ihm mit einer sehr- graziösen Kopfbewegung ihre Wange zum Kusse eine weiche, fein gerundete, und von einem lieblichen Rot über­hauchte Wange. Tann machte sie sich los, und erwiderte heiter:

Mein Reiseentschluß kam so plötzlich, daß es zwecklos gewesen wäre, Dir zu schreiben, da mein Brief.hätte später eintreffen müssen, als ich selbst. Ich wollte Dir von unter­wegs telegraphieren; aber ich. gab es wieder auf, weil Tu Dir dann über die Gründe meines Kommens vielleicht ganz unnütz den Kopf zerbrochen hättest. Genug, daß ich da bin nicht wahr? Irgend einen Winkel, wo ich unter­schlüpfen kann, wirst Du doch wohl haben?"

Während sie mit ihrer wundervollen, metallisch klingenden Stimme das alles sehr rasch hervorgesprudelt, hatte sie die Hände erhoben, um die Nadel herauszuziehen, die ihr einfaches Reisehütchen auf den dicken Haarflechten festhielt. Die Schönheit und das tadellose Ebenmaß ihrer biegsamen, zugleich schlanken, und üppigen Gestalt offen­barte sich in dieser Stellung vollkommener, als es in irgend einer anderen hätte geschehen können- Und als nun der helle Lichtschein des Kronleuchters auf ihr Gesicht fiel, sah Harro Boysen, der sich gleich bei ihrem Eintritt erhoben hatte, daß ihre Züge noch reizender waren, als die herrlichen Linien ihres jugendlichen Körpers. Die feine, gerade Nase, der kleine Mund mit den schwellenden, zart rosig schimmernden Lippen, das wie von einem antiken Bildner gemeißelte Kinn, waren Einzelheiten von voll­endeter Schönheit. Aber das Bestrickendste in diesem klassi­schen Mädchenantlitz waren ohne Zweifel die großen, dunklen, leuchtenden Augen, deren Blick sich mit wunder­samer Klarheit auf denjenigen richtete, zu dem sie sprach.

Sie hatte den Fremden noch nicht bemerkt, oder viel­leicht auch hatte sie sich nur den Anschein gegeben, ihn nicht zu sehen; denn in ihrem Mienenspiel gab sich weder Verwunderung noch Verlegenheit kund, da Bernhard sagte:

Ehe wir diese schwierige Unterkunftsfrage lösen, er­laubst Tu mir wohl. Dir einen lieben Freund vorzustellen, der Dir bent Namen nach längst bekannt ist. Harro Boysen, genannt der neue Praxiteles meine Schwester Hanna."

Sie hatte sich nach dem jungen Manne umgewendet, und ihre Augen richteten sich auf sein Gesicht, ebenso fest und unbefangen wie vorhin auf das des Bruders.

Ich kenne Sie allerdings schon seit einigen Jahren", sagte sie, ihm die Verlegenheit oer ersten Anrede ersparend. Wenn ich in den Sommerferien mit Bernhard zusammen war, pflegten Sie in seinen Erzählungen jedesmal eine hervorragende Rolle zu spielen. Ich freue mich daher auf­richtig, Sie endlich auch von Angesicht zu sehen."

Dabei bot sie ihm mit der natürlichsten Liebenswürdig­keit ihre Rechte, von der sie während des Sprechens mit einem einzigen Ruck den perlgrauen Handschuh abgestreift hatte. Behutsam nur, wie etwas sehr Zartes und Zer­brechliches wagte Harro die kleine, zierliche Hand zwischen seine Finger zu nehmen. Aber der kräftige Druck, den er zu seinem lebhaften Vergnügen fühlte, bewies ihm, wie est und muskulös dies schmale Händchen war.

Ich brauche wohl nicht erst zu versichern,, daß die Freude eine gegenseitige ist, mein gnädiges Fräulein oder muß ich nicht vielmehr sagen: Fräulein Doktor?"

Aber sie schüttelte, indem sie ihre Hand zurückzog, in lächelnder Abwehr den dunklen Kopf.

Nein, nennen Sie mich nur bei meinem Namen ohne alle Ehrentitel, auf die ich keinen Anspruch habe; denn ich habe das Studium vorläufig aufgegeben, und nur des Schicksals dunkle Mächte wissen, ob ich es jemals wieder aufnehmen werde."

Wie, Hanna höre ich recht?" fragte der Rechts­anwalt erstaunt.Du willst abspringen jetzt unmittelbar vor der Promotion? Und nachdem Du mir erst kürzlich