- isa
Schwimmende Postämter.
Ein modernes Verkehrsbild.
Von Dr. Albert Lüders.
(Nachdruck verboten.)
Im April dieses Jahres ist gerade ein Jahrzehnt verstrichen, seit Schaffung einer postalischen Einrichtung, die im Binnenlande noch wenig bekannt ist, obwohl sw nn transozeanischen Verkehr von steigender Bedeutung ist. Wrr meinen die Seepostämter, welche im April 1891 ins Leben gerufen wurden und zu einer wesentlichen Abkürzung der Beförderungszeit überseeischer Postsendungen geführt haben. Im gegenwärtigen Augenblick, wo einschließlich des Marinepersonals im fernen Osten mehr als 20 000 Angehörige des deutschen Volkes weilen, deren Familien mit Spannung uno Sehnsucht den von dort kommenden brieflichen Nachrichten entgegensehen, hat die Frage, wie der Postverkehr über die Ozeane nach fernen Ländern sich abwickelt, eine erhöhte Bedeutung, welche es rechtfertigt, dem Leser einmal das Thun und Treiben in diesen schwimmenden Postanstalten vorzuführen.
Jedermann hat heute ein großes Interesse daran, daß feine Briefe mit möglichster Geschwindigkeit am Bestimmungsort ankommen; nicht nur der Geschäftsmann, sondern
geschrieben, daß Deine Doktor-Dissertation so gut wie fertig sei?"
Hanna nickte, und etwas selbstbewußt Herrisches war in der Haltung ihres schönen Kopses wie im Klang ihrer Stimme, als sie erwiderte:
„Ja — trotzdem! Ich habe die Lust verloren, und es wird von tausend Umständen abhängen, ob sie mir je zurück-1 kehrt."
„Dein Reiseplan ist also nicht blos dem Wunsche entsprungen, mich wieder zu sehen? Du wolltest Zürich auf längere Zeit verlassen?"
„Aus immer, wie ich hoffe. Jedenfalls habe ich alle meine irdischen Besitztümer mit mir genommen. Das Handgepäck und ein Koffer mit Kleidern und Wäsche stehen draußen auf dem Gange. Tas übrige wird in den nächsten Tagen als Frachtgut nachfolgen. Herr Boysen entschuldigt es gewiß, wenn ich Dich bitte, mir vor allem ein Plätzchen anzuweisen, wo ich mich von dem Staub der zweiund-. zwanzigstündigen Reise befreien kann. Dem anmutigen Drachen, den Du zur Hüterin Deines Hauses bestellt hast, wagte ich nicht mit solchem Anliegen zu kommen."
„Tu wirst zunächst mit meinem Schlafzimmer vorlieb nehnien müssen, bis wir ein anderes Arrangement getroffen haben. Aber ich möchte nicht gern ein ungünstiges Vorurteil gegen meine wackere Frau Heitmüller in Dir aufkommen lassen. Mag sie auch äußerlich eine gewisse Aehnlichkeit mit dem von Dir genannten Fabeltier haben, in ihrem Innern--c
„Ist sie ein Schaf, ich glaube es Dir gern. Aber das hindert nicht, daß ich mich vorlänfig noch ein wenig vor ihr fürchte."
Bernhard Sylvander lachte.
„Du — Dich fürchten! Nein, Hanna, alles will ich Dir glauben, nur das nicht. Und wenn sie auch vielleicht eben bei Deinen: Empfange nicht gerade ihre freundlichste Miene aufgesetzt hat, — morgen wird sie Dir ja doch Deine Wünsche von den Augen abzulesen suchen. Weißt Tu noch, was der Vater immer von Dir sagte, wenn Du als halbwüchsiges Mädel die tückischsten Pferde und die bissigsten Köter im Handumdrehen zu lammfrommen Geschöpfen machtest? Sie ist ein Sonntagskind, sagte er, und irgend eine Fee muß ihr die Gabe verliehen haben, Mensch und Tier mit ihrer Stimme zu bezwingen."
„So? Sagte er das?" fragte Hanna lachend, und Harro Boysen meinte, nie etwas Berückenderes gehört zn haben, als dies silberne Lachsen. „Nun, ich glaube, ohne die Unterstützung durch eine tüchtige Hetzpeitsche würde sich damals dies Feengeschenk herzlich schlecht bewährt haben. Tarf ick also bitten? Ich sage Ihnen natürlich noch nicht Adieu, Herr Boysen; denn Sie dürfen sich durch mich nrcht vertreiben lassen. Und ich werde Ihnen Bernhard nicht länger als auf einige Minuten entführen."
(Fortsetzung folgt.)
auch der Private berechnet ganz genau im voraus, ob seine Postsendungen ein 50 oder 100 Meilen entferntes Ziel einige Stunden früher oder später erreichen, und die Postverwaltungen aller Kulturländer sind schon seit langem dem Bedürfnis einer schnellen Beförderung dadurch entgegen» gekommen, daß, sie die fahrenden Bahnposten errichtet haben, von denen täglich Tausende auf unseren Schienenwegen verkehren. Mit der Post nadj überseeischen Ländern verhielt es sich früher jedoch ganz anders; der deutsche Postbeamte übergab sie in Hamburg oder Bremen dem Kapitän des abgehenden Schnelldampfers, welcher die aus Hunderten von Briefbeuteln bestehende Post übernahm und bis zu dem Augenblicke für diese haftete, in dem er sie in New-York oder einem anderen tzafenorte den Beamten der fremdländischen Post übergab. Inzwischen, also während einer Zeit von 6—9 Tagen, lag die ungeheure Menge von Briefen und Drucksachen — meistens gegen hunderttausend und darüber — unberührt, einen Dornröschenschlaf haltend, in einem wohlverschlossenen Raume des Schiffes, und im Bestimmungshafen bedurfte es dann erst wieder einer halb- bis ganztägigen Arbeit eines zahlreichen Personals, um diese Flut von Postsachen zu sortieren und zum weiteren Versand auf dem Bahnnetz fertig zu stellen.
Es lag nun eigentlich recht nahe, die Dauer der Seefahrt zu dieser postalischen Arbeit auszunutzen, indem man einen oder mehrere Beamte die Post begleiten ließ, welche die Sendungen bereits so zu ordnen hatten, daß bei der Ankunft des Schiffes sofort der Weiterversand erfolgen konnte. Aber gut Ding will Weile haben, und schließlich wäre es wirklich ungerecht, bei derart wichtigen internationalen Einrichtungen zu verlangen, daß sie übers Knie gebrochen werden sollten. Nachdem die Behörden der verschiedenen in Betracht kommenden Staaten sich geeinigt hatten, waren die Dampfschiffahrtsgesellschaften, schon um ihr Personal von der lästigen Verantwortung zu befreien, sofort bereit, die nötigen Räume auf den Schiffen für die neuen Postämter zur Verfügung zu stellen, und so waltet jetzt diese Einrichtung seit 10 Jahren in durchaus zufriedenstellender Weise.
Nach wenig volkreichen Ländern mit gering entwickeltem Handelsverkehr erfolgt die. Beförderung natürlich vielfach in der bisherigen Weise, obwohl, da hier auch die Tampfer- verbindung eine seltenere ist, sich auch auf diesen Routen jedesmal so viel Postsachen aufhäufen, daß sich die Notwendigkeit der Errichtung immer neuer Seepostämter herausstellt. Zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Nordamerika gehen gegenwärtig jedoch jährlich, über . 70 Millionen Briefe hin oder her, uni) zu diesen kommen noch Zeitungen und Drucksachen im Gewichte von ungefähr 15 000 Zentnern, sodaß von einem Kontinent zum anderen im Durchschnitt täglich etwa 100 000 Briefe und 20 Zentner Zeitungen abgehen. Der größte Teil dieser Mengen fällt nun den deutschen Seepostämtern zu, weil der Weg von Qesterreich>-Ungarn, Rußland und den: ganzen Orient naturgemäß über Bremen und Hamburg geht; für die Beförderung nach Europa aber benutzen die Amerikaner mit Vorliebe die Postämmter auf deutschen Schiffen, auch wenn es sich um Beförderungen nach England und Frankreich handelt, weil eben diese Einrichtungen noch von keinem anderen Staate mit gleicher Vortrefflichkeit und Vollendung durchgefnhrt sind.
Schon in den im deutschen Jnlande nach Bremen und Hamburg verkehrenden Zügen werden aus den nach Amerika bestimmten Postsendungen jene, welche nach den Hauptverkehrsplätzen New-Bork, Philadelphia, Boston, Baltimore, Cincinnati, St. Louis, Chicago gehen, in besondere Benkel sortiert, die mit der gesamten übrigen deutschen und außer- deutschen Post, welche meist 100 bis 150 Säcke umfasst, in Brunshausen unterhalb Hamburg oder in Bremerhaven au Bord des zunächst abgehenden Postdampfers gebracht iterben. Hier werden sie von den beiden Postbeamten, dem deutschen und dem amerikanischen, in Empfang genommen, von welchen auf der Tour nach New-York der Deutsche, unterstützt vom Amerikaner, das Oberkommando führt, während auf der Rückfahrt die Rollen vertauscht werden. In der Zeit, wo der Amerikaner auf dem Oberdeck die Auflieferung der Postsäcke überwacht, verstaut der Deutsche tief unten im Vorderschiff die ihm vom Schrffspersonal zugetragenen Stücke in der Packkammer, und zwar ist dieser


