Matthes Herr Fritz mit seinen Erzählungen aus dem großstädtischen Leben, von Bällen und Theater, Redouten und Varietees. In Bezug aus die beiden letzteren stand er voll- ständig auf der Höhe der Erfahrung, und er gab das alles mit einer so imponierenden Ueberlegenheit, mit einer- vornehmen Leidenschaftslosigkeit, welche Matthes besonders anstaunte.
Tabei sekundierte ihm Wanda und warf Matthes Blicke zu, die diesen in völligen Taumel versetzten.
Was waren gegen sie alle die grobknochigen Dirnen mit den harten Bewegungen, welche die Arbeit verleiht; so reizlos und stumpf tote das ganze Leben da heroben aus dem Hofe! Und dieses Prachtweib liebte ihn, so unbegreiflich es ihm selber war, ihn, den Bauernburschen! Jeder Blick sprach; es' unzweideutig aus.
Aber was wollte er denn mit ihr? Bäuerin vom Wald konnte sie doch; unmöglich! werden. Das wäre ja der reinste Hohn. Und da ringsherum lag das herrlichste Heiratsgut, das blanke Gold in ganzen Haufen.
„Hunderttausend Mark lege ich bar hin für Euern Wald", sagte neulich; ein Händler zu ihm. Wie könnte er damit auftreten! Keinen Augenblick thät sie sich besinnen !
Die Unterhaltung wurde immer animierter......
Der Herr Fritz sang mit einer heiseren, kränklichen Stimme, von Rosl auf der Guitarre begleitet, abgedroschene Barieteelieder von sehr zweifelhaftem Inhalt, mit beziehungsreichen Blicken auf Wanda; und Matthes.
Als Rosl von der Mutter hinausgeschickt wurde, um etwas zu holen, begleitete sie Wanda mit einem nicht mißzuverstehenden Blick auf Matthes. In einigen Minuten folgte er. Rosl kehrte dann wieder zurück, Fräulein Wanda aber war nicht zu sehen.
„Im Obstgarten traf er sie. Ein Lampion habe zu brennen angefangen, deshalb sei sie hierhergeeilt.
Matthes verwünschte jetzt seine Schwerfälligkeit, er wußte kein Wort zu sagen. Das rote Licht der bunten Laterne beleuchtete das Gesicht Wandas und trieb sein Spiel in ihren verführerischen Augen, während er an dem Draht herumnestelte. Sie half ihm. Ihre Hände berührten sich.
„Wollen Sie wirklich Ihr ganzes Leben da heroben bleiben?" fragte sie plötzlich „Sie sind ja gar kein Bauer."
Matthes stieg das Blut in das Gesicht, und das Herz schlug ihm höher. In diesem Augenblicke, aus diesem Munde schien das Wort ihm das höchste Lob. Es verlieh ihm Mut. „ .
„Sie spott'n ja grad, Fräul'n Wanda! Wenn i kem Bauer wär', dann —"
„Nun was dann, Herr Matthes?"
Er sah nichts mehr, wie dieses Lächeln, diese verführerischen Augen; den Hof, den Wald, alles ringsum hatte die Nacht verfchlungen. Heiß stieg es ihm zu Häupten, und die rücksichtslose Natur seines Stammes schlug plötzlich durch
Er zog sie an sich mit seinen muskelstarken Armen und drückte einen heißen Kuß auf ihre Wangen. Tann lieh er sie ebenso plötzlich los in dem Bewußtsein, eine Keckheit begangen zu haben.
Doch, das Fräulein wich nicht aus dem Lichtkreis. Es blickte ihn unverwandt an mit seinen großen, schwarzen Augen voll neuer Lockung, und Matches brachte das Wort nicht heraus, das ihm in der Kehle steckte.
In diesem Augenblicke vernahm man die laute Stimme des Herrn Polentz. Er hielt eine Rede.
Das Fräulein ergriff Matthes am Arm und zog ihn fort. „Kommen Sie, Matthes."
Nie mehr wird ihm so günstige Gelegenheit, er wird es sich nie verzeihen können, wenn er sie aus Feigheit verpaßte.
„Könnten Sie mi' wirkli ein bißl gern hab'n, Fräulein Wanda?" fragte er.
Da schmiegte sie sich inniger an ihn. „Alles kann ich für Sie thun, wenn Sie mir folgen wollen, nur nicht hier bleiben..... Aber jetzt kommen Sie, der Papa
spricht."
Arm in Arm traten sie aus de,'m Dunkel an den Tisch. Hier stand Herr Polentz, das Glas in dar Hand, die feiste
Rechte auf deü Tisch gestützt, und überblickte selbstbewußt die Versammmlung.
„Ja, es ist mir eilte hohe Genugthuung, einem Manne näher treten zu dürfen, welcher der würdigste Vertreter ist weit und breit unseres altangesessenen Bauernstandes, unserem verehrten Johannes, Bauer vom Wald! Gerade ich, als Vertreter des Kapitals, der Industrie, muß sie fühlen. Industrie und Bauer sollen Hand in Hand gehen bei der großen Kulturarbeit der Menschheit, sich; gegenseitig stützen und fördern, nicht bekriegen."
Der junge Polentz spielte einen drolligen Akkord auf der Guitarre; die Bäuerin und Frau Polentz lachten hell auf. Johannes trief ein zorniges „Pst!", während Herr Polentz einen entrüsteten Blick hinüberwarf auf seinen Sohn.
„Ich für meine Person habe es in meinem Beruf, der mich mit dem Bauern in stete Berührung brachte, mir stets zum Grundsatz gemacht, in ihm unser staatserhaltendes Element zu sehen, habe es mir nie einfallen lassen, seine Schwerfälligkeit in Handel und Wandel zu belächeln, im Gegenteil, die Notwendigkeit dieses zähen Beharrens im Interesse der Erhaltung seiner Eigenart eingesehen.
Der Bauer soll nicht spekulieren. In der Stetigkeit seiner kleinen Verhältnisse, im Einklänge mit seinen kleinen Bedürfnissen liegt allein sein Heil. Nichts ist gefährlicher für den Bauern, als herauszutreten aus seiner gewohnten Beschränktheit, aus seinem Stand, und sei damit auch ein scheinbarer Gewinn verbunden. Ich spreche aus Erfahrung, auf Grund unzähliger trauriger Beispiele."
Johannes, dessen starkes Profil schwarz sich abhob vom grellen Lichtscheine, nickte in stummem Einverständnis. Polentz wandte sich direkt zu ihm.
„Und wenn es einmal geschieht, dann kann nur eines ihn retten; unbedingtes Vertrauen auf einen erfahrenen, erprobten Mann, der es ehrlich mit ihm meint, der ihm die rechten Wege weist in dieser ihm fremden Welt. Ich weiß, warum ich dies sage. Unser Johannes wird dieses Vertrauensmannes ckwohl nicht bedürfen" — Polentz hatte das Paar erblickt, das aus dem Dunkel heraustrat — „aber die Jugend! Die Jugend beginnt zu rütteln an dem Werk der Alten. Diese möchte ich warnen, dieser möchte ich zurufen, haltet fest an dem alten! Seht, dort steht sie ja" — er wies auf das Paar, das in seiner Verlegenheit noch enger sich aneinander schloß — „da steht sie ja, unsere Jugend, die Verkörperung der Zukunft. Der Sohn des Bauern vom Walde Arm in Arm mit der Tochter des Kapitals, der Industrie —"
Wieder griff Herr Fritz den drolligen Akkord. Diesmal aber lachte niemand, auch die Bäuerin nicht, welche mit hochklopfendem Herzen das seltsame Bild betrachtete, die Erfüllung ihrer heißesten Hoffnung, während Frau Polentz halb die Erstaunte, halb die Entrüstete spielte.
„Wahrlich ein erfreulicheres Bild könnte ich; mir nicht denken, und so erhebe ich das Glas und fordere Sie auf, mit mir anzustoßen auf das Wohl des ganzen Bauernstandes, insbesondere aber seines würdigsten Vertreters, unseres Bauern vom Wald. Er lebe hoch!"
Fritz spielte einen lärmenden Tusch auf der Guitarre. Man stieß an, man trank sich zu, schrie durcheinander. Fran Polentz fiel in einer Anwandlung von Rührung ihrer Tochter um den Hals und vergoß helle Thränen.' Herr Polentz drückte Matthes vielbedeutend die Hand.
„Sie sind ja ein Tausendsasa", flüsterte er ihm zu. „Ich gratuliere!"
Johannes war tief bewegt.-Der Mann hatte ihm aus dem Herzen gesprochen, und ehrlich meinte er es auchj, das hörte man schon heraus. Er drückte ihm warm die Hand. Es war ihm, als habe er Polentz die schlechte Meinung abzubitten, die er anfänglich von ihm hatte.
Und Polentz klopfte ihm auf die breiten Schultern. „Schon recht, alter Freund. Der Polentz ist immer zu sprechen für Sie. Merken Sie sich bas."
In diesem Augenblicke stutzte Johannes. „Horch! Hör'n S' nix?"
®r hob das Haupt und horchte in die Nacht hinaus. Trotz des Lärmes unt sich herum vernahm er deutlich ein sonderbares Geräusch in der Luft, ein unerklärliches Knistern. Polentz lachte ihn aus; das mache nur die Bowle.


