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glatt tote ein Spiegel, der Himmel wolkenlos, und mit unzähligen Sternen besät. Nicht die leiseste Ahnung hatte ich gehabt von den Gefahren und Schrecknissen, die da kommen sollten. Jetzt saßen wir hier, zwei einsame Gestalten in einem kleinen Boot, ein bloßer Punkt, nur für das Auge Gottes sichtbar. Allerdings waren wir noch nicht unmittelbar von den Qualen des Durst- oder Hungertodes bedroht, aber wir hatten kaum mehr Hoffnung auf Rettung, als die natürliche Liebe zum Leben im Menschen auch in den verzweifeltsten Fällen' erregt.
Ich dachte an meinen Vater, unser altes Haus in Newcastle und an die Träume meiner Kindheit. Da blickte ich auf meinen Mann, der sein blasses, sorgenvolles Antlitz uiedergebeugt hatte; ich dachte an seine Liebe und an unser totes Kind, und zärtlich schlang ich meine Arme um seinen Hals, rind rief schluchzend: „Ach, Richard, Gott sei Dank, daß ich bei Dir bin!" als ob er meine vorhergehenden Gedanken kennen müßte. Ich glaube, er kannte sie auch. Ohne ein Wort zu sprechen, legte er seinen Arm um meinen Leib und hielt mich so, bis idy aufgehört hatte, zu weinen. Dann küßte er mich zärtlich und sagte:
„Jeß, Du bist eines Seemannes Weib, und hast auch die Gesinnung eines Seemannes. Dieser alte Ozean, den Du von Jugend auf geliebt hast, wird Dein Vertrauen auf ihn rechtfertigen. Wir werden den Vater wieder sehen, mein Lieb. Wir werden wieder mit ihm am Kaminfeuer sitzen, und unsere Abenteuer erzählen. Denke daran, mein Frauchen, daß Gottes Auge über uns wacht, solange wir noch leben und glauben."
„Ja", sagte ich. „Gott wacht über uns. Wir sind einander erhalten geblieben. Meine Thränen haben mich erleichtert. Du wirst sehen, Richard, daß ich von jetzt an den Mut nicht wieder sinken lassen werde."
(Fortsetzung folgt.)
Sittenbilder aus China.
(Nachdruck verboten.) IV.
Familienleben.
„Seid fruchtbar und mehret Euch" ist gewiß dasjenige Gebots der Bibel, welches am willigsten und jedenfalls auch am erfolgreichsten befolgt ist. Indessen die Chinesen, deren vornehmlichster Zweck des irdischen Daseins der ist, möglichst viele Kinder oder doch Söhne in die Welt zu setzen, die ihnen ihr Los im Jenseits durchs Opferbringung und Verehrung angenehmer gestalten, mehren sich in" noch viel fruchtbarerer Weise. Sie heiraten gewöhnlich schon, die Männer von siebzehn bis zwanzig, die Mädchen von fünfzehn bis achtzehn Jahren, oftmals auch jünger; und da können wir uns dann kaum wundern, wenn vollends bei der zähen Lebenskraft der Chinesen, das ganze'große Land sehr stark bevölkert ist. Die einzelnen Behausungen erscheinen aber durchweg geradezu übervölkert. Denn die Söhne bleiben auch nach ihrer Verheiratung samt Frau und Kindern vielfach im väterlichen Heim, das oftmals drei bis vier Generationen — manche davon in doppelter und dreifacher Auflage — aufzuweisen hat.
Daß da nicht immer alles in Frieden und Eintracht zugeht, läßt sich denken. Indessen ein jeder kennt seinen Platz und weiß, daß er allen älteren Mitgliedern der Familie Ehrerbietung und unbedingten Gehorsam schuldig ist, der Sohn dem Vater, der jüngere Bruder dem älteren. Das Haupt des Hauses ist daher immer der älteste Mann, häufig der Großvater. Er ist Herr über alles Besitztum der Familie gleichviel wer es erworben, wie er thatsächlich selbst Macht über Leben und Tod seiner Angehörigen hat. Jedenfalls würde ein Vater, der seinen Sohu tötet, mit sehr geringfügiger Strafe davonkommen, während Elternmord unter allen Umstünden, selbst bei Geistesschwachen, als warnendes Beispiel mit qualvollster Hinrichtung bestraft werd. Tas Alter gilt alles in China, die Jugend nichts.
Im Alter und auch in Bezug auf Ahnenverehrung zählen selbst die Frauen mit, die sonst so geringschätzig m China behandelt werden. Noch heute bleibt Kind-er- m o r d dem fast ausschließlich Mädchen zum Opfer fallen wennschon gesetzlich verboten, in vielen Gegenden völlig ungeahndet. Und wie häufig diese Art Mord noch vorkommt,
mag aus dem Umstande erhellen, daß an manchen Gewässern eine Warnungstafel errichtet ist, mit der Aufschrift Hier dürfen keine Mädchen ertränkt werden", während manche Eltern, die in der Stunde der Not ihre Töchter in die Sklaverei verkaufen, gar kein Hehl daraus machen.
Ein Mann würde sich schämen, mit feiner Frau zusammen auf offener Straße gesehen zu werden, während er seiner Mutter jederzeit seinen Arm zur Stütze bieten wird. *)
Cousiicius sagt: „Eine Frau kann über nichts selbst entscheiden und ist den Regeln dreier verschiedener Arten des Gehorsams unterworfen. Wenn jung, muß sie ihrem Vater oder älteren Bruder gehorchen, wenn verheiratet, ihrem Gatten, und wenn dieser tot'ist, ihrem Sohne. Sie darf nicht daran denken, als Witwe sich wieder zu verheiraten. Ihre Thätigkeit ist auf die Herrichtung von Speise beschränkt. Und über die Schwelle ihrer Gemächer hinaus sollte sie überhaupt nicht bekannt sein, weder in gutem noch in bösem Sinne."
„Der alte verknöcherte Philosoph", sagte mir einmal eine allerliebste Amerikanerin, „hat uns viele weise Und erhabene Lehren hinterlassen, aber in Bezug aus feine Geringschätzung der Frauen kann ich ihn doch nur den eingefleischtesten, selbstsüchtigsten „Biertischlern" des deutschen Reiches an die Seite stellen!" —
Indessen, die Wiederverheiratung von Witwen ist unter den ärmeren Klassen doch nichts Ungewöhnliches, schon aus dem einfachen Grunde, weil sie fo viel billiger zu Gattinnen zu ^erhalten sind. Denn die allgemein üblichen Geschenke für die Braut wie für deren Eltern bilden für den angehenden Ehemann gewöhnlich eine erhebliche Ausgabe. Auch haben jedenfalls die älteren Frauen im allgemeinen viel mehr mitzureden, als es nach den Vorschriften des Com fucius zu erwarten wäre. Denn tote Amerikanerinnen, die doch auch vor dem Altar das Gelübde ablegen, den Gatten to honour and obey (wertzuhalten und ihm zu gehorchen), so ostdieHerr- schasi über ihn bekommen, wie das selbst in den „ärgsten deutschen Bier- tischlerkreisen" vorkommt — wenn es auch, keine Amerikanerin glauben will — so bleibt auch bei Chinesinnen das stete Gehorchen oftmals nur eine leere Form. Wie könnte es auch anders fein. Auch Chinesinnen sind doch Frauen. Und Hosen tragen sie sogar alle von frühester .Kindheit au.
Das schützt sie nur in den Jugendjahren nicht vor der härtesten Zurücksetzung. Ihre Kindheit wird ihnen verleidet, nicht nur durch dik strenge Zurückhaltung, die ihnen auferlegt wird, sondern vor allem auch durch die jahrelange Qual der Verkrüppelung ihrer Füße. Werden sie dann verheiratet, wobei weder sie noch ihre Gatten mitsprechen können — das ist lediglich Sache der Eltern und professionellen Kirppler — so beginnt erst recht die Zeit der Trübsal. Ihre vornehmlichste Aufgabe ist bann, die Schwiegermutter in Ehren zu halten und ihr zu dienen; und gewöhnlich werden die Schwiegertöchter als die recht eigentlichen Aschenbrödel des Hauses betrachtet, denen alle harte Arbeit ansgebürdet wird. Selbst au ihrem Gatten finden sie selten irgend welche Stütze nnd Trost. Denn der Gattin beistehen und darüber wohl gar die eigene Mutter vernachlässigen, wäre ja eine unerhörte Verletzung der Kindespflicht. Und Ungehorsam gegen die Schwiegermütter ist ja schon einer der von Confucius aufgestellten sieben Gründe, woraufhin ein Manu seine Gattin verstoßen kann. Die andern**) Gründe sind: Unfruchtbarkeit, lose Reden und Trunksucht, Eifersucht und Neid, ekelhafte ansteckende Krankheit, Diebstahl und Schwatzhaftigkeit.
Selbstverständliche steht eine Scheidung nur dem Manne zu, der sich zugleich auch eine beliebige Anzahl von Nebengemahlinnen ins Haus nehmen kann; und es ist für eine Hauptgemahlin besonders wohlanständig, wenn sie in dieser Hinsicht keine Selbstsucht und keine Eifersüchteleien zeigt. Den Rang können ihr die Nebenweiber auch nie streitig machen. Doch sind die Kinder derselben den ihrigen völlig gleichberechtigt. Diese Weiber sind häufig nur Sklavinnen, die fürsorgliche Eltern wohl schon in frühen Jugendjahren für ihre Söhne eingekauft, eine Aufmerksamkeit, die diese später wohl damit vergelten, daß ein liebevoller Sohn noch zu Lebzeiten des Vaters einen präch- ttgen Sarg für diesen anschafft und auch ins Haus bringen
*) G. Cockburn: „John Chinamann“. Edinburg: Hitt.
**) Brand« „Reise um die Welt". Leipzig: Mischer Nachfolger,


