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eine weiße Feuerwaffe in die Höhe wie eine von einer aufprallenden Kanonenkugel aufgeworfene Wassersäule, und int Augenblick stand das ganze Segelwerk in Flammen. Fast unmittelbar darauf erfolgte eine zweite ohrenerschütternde Explosion, dieswal achtern. Das Deck zerbarst, als wäre es mit Schießpulver gesprengt, und schwere Planken, Stücke der Kajütskapp und des Oberlichtes wurden durch den Rauch hindurch! bis weit in die darüber lagernde klare Luft geschleudert. Wie Raketen wurden Jte emporgetragen auf den über unfern Häuptern wie ein Sturmwind brausenden Flammenflügeln, bis sie unmittelbar neben dem Schiffe wieder herabfielen. .
Durch das Bersten des Decks hatte die Feuermasse mt Raume jetzt freien Ausweg gefunden., Ueberall schossen die Flammen empor, fast überall in derselben Höhe bis ungefähr zur halben Höhe des Großmastes. Einzelne Flammenzungen leckten bis zu den Bramsalingen empor und verdrängten den Rauch, bis alles von oben bis unten nur noch- klares Feuer war. In der furchtbaren Lohe leuchtete die See in meilenweitent Umkreise wie eine brennende Schwefel- masse und vervollständigte das schreckliche Bild. Ebensowert bedeckte tagesähnliche Helligkeit den Himmel. .
Jetzt war auch nicht ein Teil des Schiffes mehr übrig, der nicht vom Feuer erfaßt gewesen wäre. Einige der Settenplanken waren bereits herausgebrannt. Ich konnte dte rote, glühende Masse im Raum sehen. Zuletzt sah der ganze Rumps aus wie ein schwimmender Käfig von glühendem Eisendraht. Alle Augenblicke fiel ein schweres Stück Holz von einer Stenge oder Raa in die geschmolzene Masse hinab. Dann blitzte ein großer Flammenkörper empor und dte auf der Oberfläche liegenden, glühenden Kohlen flössen gletch, Lavaströmen aus den Oeffnungen in der Seite des Schiffes.
„Richard", rief ich nach einer langen Pause, „brtcht dort nicht schon der Tag an?" ...
„Ja, Gott sei Dank! Die aufgehende Sonne brtngt uns vielleicht Hilfe. Welch entsetzliches Feuer! Unsere arme Bark! Möge der Himmel sich unser erbarmen."
Die Dämmerung schwand schnell; es wurde heller. Der dunkle Ozean bedeckte sich mit einem blassen Grau, und ein schwacher Rosa-Schimmer erglänzte am östlichen Himmel. So schnell die Nacht in diesen Breiten hereinbricht, ebenso schnell wird es auch Tag. Der frohe Morgeu stteg aus der See 'empor. Das sanfte, schöne Rosenrot zog sich über den wolkenlosen Himmel bis zum Zenith empor und wurde immer feuriger. Der Oberrand der Sonne tauchte aus dem Wasser und warf einen silberfunkelnden Blitz über das Meer. Als die Hälfte des Tagesgestirns sichtbar geworden, da brach dte Bark entzwei, mitten auseinander. Das furchtbare Btld verschwand unter wütendem Zischen; nur geschwärzte Trümmer blieben zurück. Eine riesige weiße Dampfwolke stteg langsam empor. Sie wurde von der leichten Brise entführt und folgte dem Rauche, der noch immer im Norden wie eine Gewckter- w'olke über der See schwebte.
Einundzwanzigstes Kapitel.
I m o f f e n e n B o v t.
Richard saß wie betäubt da, und starrte auf das Wasser, wo die verkohlten Ueberreste unseres Seehauses trieben. Dann drehte er sich langsam um, und sah mich an. Er schien erst durch den Blick auf mein blasses, verstörtes Gesicht wieder zu sich selbst zu kommen, schüttelte sich, rieb sich die Augen, und erhob sich. Dann spähte er lange und aufmerksam ringsumher. ,
„Es ist nichts zu sehen, Richard", sagte tch schaudernd. So oft ich über das Dollbord des Bootes bückte, erschreckte mich die Nähe der Wasserfläche. In der That, es genügt keine Einbildungskraft, um sich die Versetzung von dem Deck eines Schiffes, selbst eines so kleinen wie dte „Aurora ,- in das Innere eines kleinen Bootes vorzustellen, wo das Wasser nur ein paar Zoll von der Hand entfernt tst, und sich von dort aüs nach allen Seiten hin wölbt, unendltch wie der Himmel. . .. „
Mein Mann sprach die Absicht aus, auf dte Kap Verdeschen Inseln zu steuern, deren Entfernung er auf ungefähr vierhundertundfünfzig Seemeilen schätzte.
„Ach, Richard", rief ich nach einer flüchtigen Berechnung, „selbst wenn wir regelmäßig in der Stunde fünf Meilen segeln könnten, würden wir vier Tage brauchen, um vierhundertundfünfzig Meilen zurückzulegen."
„Und was ist denn dabei so Besonderes?" rief er in anscheinend sorglosem Tone. „Denke doch 'mal an den alten Bligh, der nach der Meuterei auf der „Bounty" eine Reise von einigen tausend Meilen in einem kleinen Boot voller Leute machte, und sicherer damit fuhr, als aus seinem Schiffe. Aber wir brauchen ja auch gar Nicht anzunehmen, daß wir zwischen hier und den Kap Verdeschen Inseln keine Schiffe antreffen werden. Vor Sounenunter- gang, mein Schatz, können wir schon sicher und geborgen auf irgend einem großen Tausendtonner sein, unsere Abenteuer erzählen, und Gott für unsere Rettung danken/
Damit sprang er auf, ergriff den kurzen, auf den Duchten festgezurrten Mast, schor das Fall etnes kleinen Luvsegels ein, und setzte den Mast ein. Nachdem er das Segel gesetzt hatte, kam er mit der Schoot nach achtern, befestigte das Joch am Ruder und brachte das Boot herum, o daß wir die Sonne achteraus etwas an Steuerbord bekamen. Die leichte Brise wehte nun recht von achtern und schien in der That aus der Sonne selber herauszukommen. Es war etwas Feuriges, sandartig Trockenes in diesem Winde, der uns förmlich dörrte. Jedermann, der schon einmal die dem Aequator zunächst liegenden Breitegrade von Afrika kennen gelernt hat, würde aus diesem Winde sofort erkannt haben, daß jener schmorende, barbarische Erdteil nicht weit ab sein konnte. Die See war außerordentlich glatt, nur eben von der Brise gekräuselt, und nur ab und zic zeigte sich eine kleine Schaumflocke. Augenschetn- lich war uns ein zweiter wolkenloser Tag bestimmt.
„In diesem Boot brauchst Du Dich nicht zu furchten', sagte Richard. „Das kann nötigenfalls auch einen Sturm vertragen." . ,
„Was ist in jenem Bündel?" fragte tch, und zeigte auf einen kleinen weißen Segeltuchsack, der vorne im Boot lag.
„Zwieback", antwortete er. „Wenn ich nur in der Kajüte noch etwas länger hätte atmen können, würden wir noch etwas mehr zum Lebeu haben als trockenes Schifss- brot. Es hatte aber keinen Zweck, es noch 'mal zu ver- suchen. Als ich nach! dem Steuermann sah, und wieder hinaufkam, war ich schon fast erstickt. Ich glaube, mem Kopf wäre auseinandergeplatzt, wenn das Blut nicht geflossen wäre. Was für eine scheußliche Lust!"
Als die Sonne höher emporstieg, wurde die Hitze furchtbar drückend, obgleich, vormittags wenigstens, das Segel seinen Schatten über das Vorderteil des Boote» warf. Wir setzten uns beide dorthin. Richard knüpfte einige Enden Bändselgut an die Jochleinen, und verlängerte sie so, daß er gut vorne sitzen, und zugleich steuern konnte. Unsere Unterhaltung drehte sich hauptsächlich um die Bark, und die Leute, und um das letzte unglückliche Ereignis unserer Reise.
' „Dein guter Ruf als Schiffskapitän kann aber doch dariinter nicht leiden, Richard, wenn Gott unser Leben erhält, und wir wieder nach Hause kommen sollten."
„Das ist schwer zu sagen, Jeß. Ich werde dw Geschichte erzählen müssen, uiid es ist erne höchst feltsam klingende Geschichte. Dein Zeugnis wird als beeinflußt gelten. Andere Zeugen habe ich nicht, daß Steuerleute und Mannschaft zusammen mir entgegen gearbeitet haben, obgleich ich, soviel ich weiß, ihnen keinen Grund dazu gegeben habe." , ,
„Aber beunruhige Dich darüber nicht, Jeß , fuhr Richard fort. „Die Hauptsache ist jetzt, unser Leben zu retten. Wir wollen hoffen, daß dieses schöne Wetter anhält. Vorläufig haben wir eine ganz nette Heine Brise, die uns bis Sonnuntergang wohl einige Dutzend Mecken vorwärts bringen wird, wenn sie stehen bleibt."
Er sah mich lächelnd an, und streichelte meine Hand. Das konnte mich aber alles nicht über seinen wahren Gemütszustand täuschen. Der Verlust seines Schiffes, und nun die Gefahren und Mühsale, denen ich ausgesetzt war, das war zu viel für ihn gewesen. Kein Lächeln konnte ^deu herzbewegenden Ausdruck in seinen Augen verdecken. Sem Gesicht hatte die alte gesunde Farbe vor Kummer verloren. Er sah grau aus, und ließ ihn um zehn Jahre alter erscheinen, als er gestern gewesen war. Auch ich say blaß und verstört aus; ich wußte, es müsse so sein nact) all diesen Schrecken und Aengsten. .
Noch vor wenigen Stunden hatte ich an Deck der Barr gestanden. Alles war ruhig und sicher gewesen, die See


