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„Richte mir den Jagdanzug her, ich will zur Försterei gehen."
„Es ist hoher Schnee gefallen, Herr Baron;;; der Weg ist mühsam. .
„Thue, was ich Dir sage." v •
„Sehr recht, Herr Baron."
Der Alte entfernte sich, um den Jagdanzug zurecht zu legen. Eitel Fritz trat an den Waffenschrank und nahm eine zierliche Büchsflinte heraus. Langsam, fast zärtlich strich er mit der Hand über den Lauf, dessen Kälte ihn zu durchschauern schien.
Dann lud er das Gewehr und stellte es an seinen Schreibtisch.
Der alte Friedrich kehrte mit dem Jagdanzug zurück.
„Leg' ihn nur auf das Sofa — ich gebrauche Dich nicht mehr . .- geh . . . nein, warte! Mein Schwager kommt vielleicht heute abend, bestell ihm, daß ich in den Wald gegangen sei____ zur Försterei, und übergieb ihm diesen
Bries. . - warte einen Augenblick."
Er nahm am Schreibtisch Platz und warf einige Zeilen auf einen Briefbogen, den er in einen Umschlag steckte, den er mit der Adresse Arnos versah.
„So — hier ist der Bries. — Wann ich zurückkehre, weiß ich nicht. Und nun geh______"
Dann kleidete sich Eitel Fritz rasch um, hing das Gewehr über die Schulter und wollte sich entfernen.
Da fühlte er seine Hand berührt. Es war sein Hund, welcher diese stumme Bitte aussprach, ihn mitzuuehmen.
„Ja — du kannst mitgehen", sagte Eitel Fritz mit müdem Lächeln. „Hast ja schon manches znm Tode wunde Wild verbellt, das sich im Waldesdickicht verborgen. - komm . . -!"
Noch ein Blick durch den stillen Raum — ein krampfhaftes Aufschluchzen der Brust — ein knirschendes Auseinanderbeißen der Zähne, dann eilte er mit raschen Schritten fort, ohne sich nochmals umzusehen,
XX.
Jenseits der großen Straße, welche unmittelbar an )em Thor von Jägerhof vorüberlief, stieg das Gelände in anfter Erhebung an bis zu dem Saume des Waldes, der ich auf dem Höhenrücken nach Schloß Petershagen zog. Der.Wald war Petershagener Besitz und wurde von dem Förster Werner verwaltet. Ein hübscher Weg führte von Jägerhof durch .die Wiesen und den Wald hinansteigend zu der tief im Forste liegenden Försterei. Oftmals war , Else diesen Weg entlang gegangen, wenn sie sich von der 1 Arbeit erholen und allein mit sich und ihren Gedanken sein wollte.
. . Jetzt deckte hoher Schnee Wald und Feld und machte 'die Wege fast unpassierbar, so daß Else ihre einsamen Wald- Spaziergänge aufgeben mußte. Sie war in Haus und .Hof .festgebannt, und still und einsam war es auf Jägerhof ge- ' worden.
Noch nie in all den Jahren, welche Else auf Jägerhof "verlebt, hatte sie die Stille und Einsamkeit des Winters 'so empfunden, wie in diesem Jahre. Verkehr hatte sie 'nicht, nur zuweilen kam der Pastor von Petershagen zum 'Besuch zu ihrem Vater oder dieser oder jener alte Bekannte 'Breymanns sprach auf ein Stündchen vor. Zu thun gab es !jetzt in der Wirtschaft wenig; alles ging seinen geregeltes Gang, und Else konnte die Beaufsichtigung der Arbeiten 'litt Stall und Scheune ruhig dem Ackervogt anvertrauen, 'bet schon feit Jahren auf Jägerhof in Dienst stand.
, Aber das war doch stets so gewesen, — jeden Winter jedes Jahr — und doch hatte Else sich nicht vereinsamt, ^sich nicht unzufrieden gefühlt! Weshalb denn in diesem , Winter?
• War es das Wiedersehen mit Eitel Fritz, welches sie '.so nachdenklich gestimmt hatte? War es, daß Eitel Fritz sich feit jenem Tage, an dem sie in der Laube zusammengesessen ,'uud Frau von Petershagen vorüberritt, nicht wieder in '.Jägerhof gezeigt hatte? Waren es die mannigfachen Ge- .rüchte, welche über das Leben im Schüsse selbst bis in die Einsamkeit von Jägerhof drangen?
i Else wußte sich selbst keine klare Rechenschaft über ihre 'Empfindungen zu geben, nur das eine wußte fie, daß 'die Liebe zu dem Jugendfreunde in ihrem Herzen noch 'nicht erloschen war, sie schämte sich dieser Liebe nicht, fie war ihr Heiligtum, dis ewig, brennende Flamme, die.
sie still und heimlich in ihrem Herzen vor aller Welt verbarg und pflegte.
Sie hätte nicht leben mögen ohne diese Liebe, die sich noch vertieft hatte, die noch reiner geworden war, seit sie die Aenderung in dem Wesen des geliebten Mannes gesehen, und erkannt hatte, daß ihr Wesen es war, welches diese Aenderung hervorgebracht. So hatte sie doch ein Gutes gestiftet, indem sie des geliebten Mannes Denken und Empfinden veredelt und auf den richtigen Weg geleitet hatte.
Mehr konnte fie nicht fordern, mehr durfte sie nicht wünschen!
Au dem heutigen, düsteren Wintertage jedoch schlich sich .doch in ihr Herz ein leises Wünschen, und ihre Seele ward von inniger Sehnsucht erfüllt nach ihm, mit deut sie sich jetzt im Denken und Empfinden eins fühlte.
Sie saß au dem Fenster des Wohnzimmers und blickte mit ernstem Auge hinaus in den unaufhörlich still und geräuschlos niederrieselnden Schnee, der die Aussicht nach dem Walde wie mit einem weißen Schleier verhüllte.
Kein Laut — keine Bewegung in der Natur da draußen — nichts als der uiederrieselnde Schnee, der Wald und Feld, Busch und Baum, Haus und Hof mit seiner weichen weißen flockigen Decke eiuhüllte.
Frühzeitig fank der Abend nieder, dunkel, von undurchdringlicher Finsternis, und noch immer saß Else da, hinausblickend in die finstere Nacht, die Wange auf die Hand gestützt.
Das Eintreten ihres Vaters schreckte fie auf.
„Nun, noch immer im Dunklen, Else?" fragte er erstaunt.
„Verzeih', Vater....,. ich dachte nicht dran . ..."
Rasch zündete sie die Lampe an und stellte sie auf den Tisch vor dem Sofa. Der Alte holte Pfeife und Tabak und beobachtete, während er die Pfeife stopfte und anzündete/ mit heimlichem Blick feine Tochter.
„Du gefällst mir seit einiger Zeit nicht mehr, Else"/ sagte er plötzlich. „Du bist nicht mehr das rasche, kräftig zufassende Mädchen . . - Kind, Kind, grüble mir nicht über vergangene und vergessene Geschichten nach!"
„Vergangen und vergessen — Du hast recht, Vater.! Und es ist thöricht von mir, mich meinen Stimmungen sd hinzugeben. Aber habe nur Geduld — das wird wieder besser werden — wenn es wieder Frühling wird und es' wieder an die Arbeit geht. Laß mich nur ruhig meinen Weg gehen» .
Sie nahm eine Handarbeit und setzte sich an den Tisch/ während Breymann im Zimmer auf- und abging.
„Du wirst den richtigen Weg schon finden, nicht, Else?"
„Ja, Vater. Verlaß Dich auf mich . •
„Ich weiß, daß ich's kann. Aber es macht mich! traurig/ Dich so still zu sehen. Es ist auch gar zu einsam hier! Wie wär's, wenn wir ab und zu nach der Stadt führen?"!
„Nein, Vater, nicht um meinetwillen."
„Oder mal die Verwandten besuchten?"
„Witten im Winter, Vater?" fragte sie, lächelnd zu ihm aufblickend. „Denkst Du nicht an Deinen Rheumatismus? Nein, laß uns nur ruhig hier bleiben, Ich habe auch auf Weihnachten noch viel zu thun. Der Pastor, der Kantor und ’ ich, wir wollen eine Weihnachtsbescherung für die ärmeren Kinder in Petershagen veranstalten. Da kann ich nicht fort. Am nächsten Sonntag ist die erste Komitee-, Sitzung. Auch Frau von Saunow ivill kommen."
„Na ' das ist ein ganz verständiger Gedanke.^
Er nahm seinen Spaziergang durch das Zimmer wieder auf, während Else ruhig weiter nähte.
Eine Weile herrschte tiefe Stille, die nur von denk leisen Ticktack der Schwarzwälder Uhr an der Wand untere brachen wurde.
Breymann traf an das Fenster und öffnete es. Else schaute auf.
„Ist es Dir zu warm?" , c ,
„Nein — es war mir, als bellte ein Hund auf der Straße . . • es schneit noch immer . . ." Er wollte das Fenster schließen, doch plötzlich bog er sich lauschend hinaus.,
„War mir doch, als wenn drüben im Walde geschossen würde", sagte er. y „ , . , _
„Das kann nur ein Wilddieb fein", fuhr er fort. „Der Förster Werner sagte mir neulich, dwß im Petershagener Walde wieder viel gewildert würde ;. • was ist denn das?.-


