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Das langgezogene Geheul eines Hundes scholl klagend durch die Luft.
„Laß doch Vater. Ein Hund, der sich verlausen hat."
„Ja, aber der Schuß?"
Er horchte wieder. Der Hund war still — nichts war zu vernehmen nnd der Alte schloß das Fenster.
„Weiß der Kuckuck, mir ist heute abend so unbehaglich", sagte er und schauerte leicht zusammen-
„Du hast Dich doch nicht erkältet, Vater?"
„Nein — das ist's nicht. Ich bin verstimmt — ich weiß nicht, was mir im Sinn liegt — 's ist mir, als sollte ein Unglück geschehen."
„Siehst Du, Vater — das sind Stimmungen, mir geht's ebenso. Eine innere Unruhe quält mich . ,
(Schluß folgt.)
Großmutter.
Von Gustav Eane. ,
1 Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen.
(Nachdruck verboten.)
Germaine hieß die Großmutter. Seit mehr als 20 Jahren war sie Witwe und verdiente sich ihren Unterhalt als Aufwärterin. Es war kein leichtes Brot für ihre 68 Jahre, aber es ging doch nicht anders, wenn sie nicht verhungern wollte.
Sterben, — selbst durch Hungertod-— wäre ihr vielleicht gleichgiltig gewesen, der alten, armen Frau, die der Kummer noch mehr als die Jahre gebeugt hatte, aber neben ihr lebte oder vegetierte vielmehr ein armes, kleines bleichsüchtiges Geschöpf von 10 Jahren, das die eigene Mutter eines Tages im Stich gelassen hatte, um sich, Gott weiß wo, in der Welt herumzutreiben, und von der seitdem nie mehr die Rede war.
Ein armes, welkes Blümchen war das Kind, das aus der weiten Welt keinen anderen Schutz, keine andere Liebe hatte als die Großmutter! ... für das Kind arbeitet Großmutter Germaine, für das kranke Enkeltöchterchen quält sie sich mutig einen Tag wie alle Tage, ohne je die geringste Klage laut werden zu lassen . . . Klagen! Oh nein! Ans Klagen dachte sie nicht! Ganz im Gegenteil! Sie war stolz, daß sie arbeiten, für das Kind, in dessen großen, tiefen Augen es so überirdisch leuchtete, schaffen und arbeiten konnte.
Ihre ßuifette! — ach! Es war im vollen Sinne des Wortes ihre Luisette! Weit mehr noch als wenn sie sie selbst unter dem Herzen getragen hätte! Das kleine Geschöpf war ihr alles! Hundert, tausendmal mehr als die eigene Tochter von ihr geliebt worden, hing sie an dem Kinde!
Sie wußte gar wohl, die arme Großmutter, daß das Leben ihrer Luisette nur an einem dünnen Faden hing; der Arzt hatte es ihr zu verstehen gegeben; aber mit der Kraft und dem Vertrauen, das dem Herzen der Großmutter innewohnt, hoffte die Alte auf ein Wunder, ein Wunder der Liebe, das ihr Kind retten sollte!
Und sie kämpfte mutig weiter, ununterbrochen, mit einer Kraft, die jeden Tag von neuem erwachte, neue Nahrung fand in dem Zweikampf, den sie mit dem Tod um die zarte .Menschenblume ausgenommen, und in dem der Tod weichen zu müssen schien.
Die Kräfte der Kleinen nahmen langsam zu, die Augen glänzten nicht mehr so sieberhaft, die Stimme war Heller, das Gesichtchen rundete sich ein wenig, das Köpfchen hing nicht mehr so matt. . .
Eines Morgens sagte der Arzt zu der alten Frau, die vor Freude strahlte:.
„Na, Mutterl Germaine, nun noch ein klein bischen guten Willen; schicken Sie das Kind ein paar Wochen aufs Land; das Wetter ist schön, die Landlust wird ihm gut thun."
«Ja, ja, Herr Doktor! Aufs Land, ins Freie, in die Sonne! Wie habe ich nur darauf nicht selbst kommen können!"
In einer Ecke der Kommode hatte die alte Frau eine kleine Summe verwahrt, 4 bis 5 Jahre hatte sie wohl gebraucht, um die 20 Frank als -einen Notgroschen für unvorhergesehene Fälle zurückzulegen. Nun war ein solcher Fall gekommen; - der Arzt hatte es eben gesagt. Aber 20 Frank waren nicht ausreichend: dafür konnte ihre Lnisette nicht lange genug die Landlust genießen, um gesund zu werden. Die Kumme mußte größer werden!
Da fiel der Großmutter ein, daß sie in jungen Jahren ein ganz besonderes Rezept, „ein Geheimnis" gehabt hatte, um Pfefferkuchen zu backen; sie wußte auf ganz eigene Art das Mehl und den Honig und die Gewürze zu mischen, so wie sie verstand es weit und breit niemand. Und nun wär gerade die Zeit des Jahrmarktes gekommen, und die Sonne lockte die Menschen ins Freie, in die blühende, grünende Pracht! Sie hatte gerade noch Zeit, an die Arbeit zu gehen.
Ohne Zögern nahm sie die ersparte kleine Summe, machte! die Notwendigen Einkäufe, und wähveNdi ste den Teig knetete, sagte sie zu ihrem Liebling:
„Weißt Du, Luisette, ich habe da von guten Menschen in Briee-Robert gehört! Die haben ein kleines Mädchen in Deinem Alter, da sollst Du hin und wie eine kleine Prinzessin leben, und teuer ist es auch nicht; vielleicht einen Frank den Tag. Wenn ich meine Pfefferkuchen verkauft habe, werde ich wohl genug Reisegeld und auch für einen Monat die Pension haben, und dann kann ich Dir vielleicht auch noch ein bißchen Wäsche kaufen, das kann man doch den Leuten nicht anthun, so ohne alles zu kommen, nicht wahr?"
„Ist es weit, Großmutter?"-
„Nein, Lisette."
„Mit der Eisenbahn?"
„Ja, eine schöne Eisenbahn."
„Recht lang?"
„Sehr, sehr lang."
„Oh ! wie freue ich mich !"
„Du bleibst ganze vier Wochen dort und Du sollst sehen, wie gut die Luft und die Sonne Dir thun werden."
„Sind auch Blumen dort, Großmutter?"
„Ja, Herzchen, Blumen und grüne Bäume, viel größer als die hier aus dem Platz, und Hühner und Enten, Tauben, schöne Kühe mit wirklicher Milch große grüne Wiesen und Bäche."
„Und Vögel?"
„Viele Vögel, die singen in den Bäumen."
„Oh! wie schön, Großmutter! Wie freue ich mich,! — Wann fahren toir?"
„Nächste Woche, wenn meine Pfefferkuchen verkauft
Sie sahen wirklich lecker aus, die Kuchen in ihrem goldigen braunen Kleide! Gerade recht hatte es die Großmutter beim Backen getroffen; das Wasser lief einem bei ihrem Anblick ordentlich im Munde zusammen. Uebrigeus hatte Großmutter auch nicht mit den Zuthaten gespart, und mit Fleiß und Mühe auch nicht gegeizt. Sie kannte das Rezept, ihr „Geheimnis" noch gut, und es war ihr alles prächtig gelungen.
Um die süßen Leckereien recht zu präsentieren, hatte sich die Großmutter einen Handwagen für den Tag gemietet, denselben mit weißen Tüchern bedeckt und darauf, nach Größe und Preis geordnet, die braunen Kuchen ausgebreitet, die noch extra hier und da mit farbigen Papierstreifen verziert waren.
Großmutter Germaine selbst hatte eilte blütenweiße Schürze vor, die noch die Kniffe vom Plätten hatte, das getollte weiße Häubchen umschloß das ganz verrunzelte Gesicht, das aber mit den weißen Haaren und den freundlich blickenden Augen einen lieben Ausdruck hatte.
Ganz zeitig schon machte Mutter Germaine sich, auf den Weg; denn sie wollte einen guten Platz erwischen, nicht in der zweiten Reihe stehen. Ihre duftige, leckere Ware sollte recht zum Angriff bereit sein. Und während sie den Handwagen zog, überschlug sie die Einnahme.
Sicherlich bleiben mir nach Abzug der Unkostetr doch 30 Frank, mit dem Geld wollte sie dann für den nächsten Donnerstag noch einmal backen, und wenn sie den nächsten Sonntag mitrechnete, würde sie gewiß 80 ober 90 Frank, ja vielleicht auch noch ein bischen mehr haben!
Anders konnte es nicht sein; ihre Rechnung stimmte ganz genau. Und mit allem Eifer zog sie den Wagen! Fast 100 Frank! Dafür konnte Luisette ja zwei Monate ans dem Lande bleiben, das war gleichbedeutend mit Gesundung ihres Kindes! Zwei Monate konnte der Liebling sich in Wald und Feld tummeln, auf die Bäume klettern. Und dann würde die Kleine mit roten, vollen Backen zurückkommen; sie würde, wie die andern Kinder aus der Nachbarschaft, in die Schule gehen können, sehr gut lernen und einen Preis ans her Schule mitbringen.
Gott! wie schön würde das sein!


