1901.

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fasse dir den Mut nicht rauben, Sei im Unglück stolz und fest; Werden doch die besten Trauben Stets am härtesten gepreßt. Kalisch.

(Nachdruck verboten.)

Privat-Eigentmn.

Eine lustige Geschichte aus der Sommerfrische. Bon Alwin Römer.

Gott sei Dank! Der Weg war ein bischen klotzig!" stöhnte er im Vorgefühl der köstlichen Ruhe, der er sich in dem eben betretenen Hotel-Zimmer hingeben wollte, der junge, etwas sehr verstaubte Radfahrer, Herr Bau­meister Heinz Döring, und entledigte sich dabei der Halb­stiefel. Er hatte eine tüchtigeTour" zurückgelegt, und war dabei nicht immer aus Straßen gefahren, die mit der Wasserwage auf ihre horizontale Lage hin geprüft waren. Bis zur Abendtafel in diesem herrlich gelegenen, einsamen Wald-Hotel, das er für etliche Tage als Mittelpunkt seiner Ausflüge erkoren hatte, blieben ihm noch über zwei Stun­den Zeit, und die wollte er dem lieblichen Schlummer opfern, dessen Schatten sich schon beschwerend auf seine Augenlider senkten. Schnell hatte er sich's bequem gemacht, das Radfahrergewand mit einem leichten Hausanzug ver­tauscht, zum Ueberfluß noch! ein Bändchen Reise-Lektüre aus dem vorangeschickten Koffer genommen, und lag nun lang auf dem gut gepolsterten, braven, alten Kanapee, jede Sekunde bereit, sich von Seiner olympischen Hoheit Morpheus in die weichen Arme nehmen zu lassen. Lächelnd, weil er wußte, wie . unnötig es eigentlich sei, schlug er die erste Seite des Buches auf, und blinzelte die Buchp staben an. Und richtig, kaum hatte er die ersten zehn Zeilen gelesen, ohne natürlich von ihrem Inhalte irgend etwas begriffen zu haben, da fielen ihm sachte die Lider zu, das Buch sank mit dem Arm langsam auf seine Brust herab, und leise, wohlig tiefe Atemzüge verkündeten den listig lauernden Stubenfliegen, die die Nasen eben Ent­schlummerter mit Vorliebe als Aussichtstürme zu besteigen pflegen, daß ihr Vergnügen jetzt beginnen könne.

Aber ehe die erste dazu kam, den lockenden Gipfel, von dem aus der braune schöne Wald des Haupthaares wie die kühn geschlungenen Linien der Schnurbart-Höhen- züge so großartig zu betrachten waren, zu erreichen, war dem armen Opfer das Buch aus den sich leise lösenden Fingern geglitten, und hatte mit jener berüchtigten Tücke des Objektes, die seinerzeitAuch einer" festgenagelt hat,

den etwas weit herunterhängenden Zipfel einer mit ein paar hundert zweifellos höchst notwendigen Franzen ver­sehenen Tischdecke dabei zu fassen vermocht, so daß sich im Augenblick eine ganze Ladung von Dingen, die dem verderblichenZug nach unten" nicht widerstehen mochten, aus dem Körper Heinz Töring's Stelldichein gaben, und da sich dabei auch ein ziemlich volles Glas Wasser befand, das sein boshaftes Naß in aufdringlichster Weise auf den Brustlatz des Schläfers ergoK so war es kein Wunder, daß der sonst ganz achtungswerte tiefe Schlummer dadurch mit unangenehmer Plötzlichkeit unterbrochen wurde.

Leife fluchend sprang der Baumeister auf, besah sich kopfschüttelnd den Schaden, den dieser rote Teufel von Engelhorn" angerichtet hatte, wechselte die Kleidung noch einmal, rückte vorsichtshalber den Tisch mit der ebenso geschmackvollen wie praktischen Decke ab, und legte sich dann zum zweiten Male nieder, neugierig, wie die zweite Sta­tion lauten werde, auf der der Eilzug seine Träume not­gedrungen anhalten würde.

Ach, der Aermste sollte sich! in seinen unheilvollen Ahnungen nicht betrogen haben! Keine fünf Minuten ver­harrte er auf seinem Sopha, von den letzten Wellen­schlägen des eben überwundenen Kummers noch in den schnell wieder ausdämmernden Traum verfolgt, da drängten sich auf einmal, erst wie in leisem Tasten, dann aber un­erbittlich lauter werdend, die Klänge eines nicht gerade reingestimmten" Klaviers in den Raum, und eine frische, silberreine Mädchenstimme Hub gleich darauf an:

Noch ist die blühende, goldene Zeit, O du schöne Welt, wie bist du so weit! Und so weit ist mein Herz, und so klar wie der Tag, Wie die Lüste, durchjubelt von Lerchenschlag!

Ihr Fröhlichen, singt, weil das Leben noch mait: Noch ist die schöne, die blühende Zeit, Noch sind die Tage der Rosen!"

Natürlich waren auch! etliche jener Fröhlichen, denen das Leben noch matte, vorhanden, und ließen sich durchaus nicht nötigen, in den verheißenden Refrain einzufallen, und so klang es alsbald in einem etwas gemischten, aber offenbar ehrlich gemeinten Chorus, während der Bau­meister Heinz Döring auf seinem Kanapee einen gelinden Tobsuchtsanfall bekam:Noch sind die Tage der Rosen", mit jenen kühnen Klangfiguren auf dem letzten Worte, die die meisten Leute so schön finden, daß sie sich gewöhn­liche nie zur rechten Zeit von ihnen zu trennen vermögen. Und dann begann die zweite Strophe:Frei ist das Herz und frei ist das Lied . . ."

Aber das ging über die Kräfte unseres totmüden Radfahrers. Mit beiden Beinen zugleich spraug er auf den Erdboden, und raste zum Knops der elektrischen Klingel.