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Mensch !" schrie er den Kellner an, der ganz bestürz:: auf das nervöse Signal des Baumeisters heraufgelaufen kam,was ist denn das für eine Gesellschaft da unten, die fortwährend brüllt?"

Es brüllt doch niemand!" erklärte verständnislos der befrackte Jüngling.Ah so, Sie meinen, wer das schöne Lied jetzt singt? Das ist Fräulein Gisela Wallrat, und noch verschiedene andere von unfern Pensionärinnen!"

So? - - - Na, dann grüßen Sie, bitte, von mir und sagen Sie den Herrschaften, es wäre ein sehr schönes Lied, und ihre Stimmen noch viel schöner, aber schlafen könnte man dabei nicht, und ich wäre hundemüde! Ob sie sich den Genuß nicht lieber bis nachj der Abendtafel aufheben wollten?"

Schön, ich werde es bestellen!"

Sie, hören Sie 'mal, Ober, bestellen Sie das lieber nicht!" rief Döring, sich mäßigend, hinterdrein,es ge­nügt, wenn Sie in meinem Namen höflichst bitten, etwas gedämpfter zu konzertieren, weil man jeden Ton hier hört, und ich gerne ein bischjen ruhen möchte!"

Wie Sie befehlen! bemerkte der Schwalbenschwanz, und sprang die Treppe hinab, fest entschlossen, der fröh­lichen Runde kein Wort von allem zu verschweigen. Heinz Döring hörte am geöffneten Fenster, wie unten plötzlich eine Art Entrüstungssturm losbrach., und jemand ganz wütend auf die Tasten losschlug, jedenfalls, um ihm da­durch zu beweisen, wie gleichgiltig ihm sein Schlummer sei. Es war ganz recht, daß der Kellner kein Blatt vor den Mund genommen hatte. Das waren ja Vandalen ärgster Art da unten! Dann aber lauschte er überrascht dem Tone einer Damenstimme, die da erklärte:

Höflich ist der Herr nicht, meine Herrschaften; aber bei der entschieden mitternächtigen Stunde hat er ein Recht, daß wir seiner Müdigkeit achten. Hören wir also auf, und gehen zum Lawntennis-Platze!"

Sehr gut!" riefen lachend einzelne Stimmen.

Daraufhin erschallte noch ein Gemurmel, das zur Hälfte aus Beifall, zur Hälfte aus Mißbilligung zusammen­gesetzt sein mochte, und dann wurde es still dort unten.

Verrücktes Frauenzimmer: das muß man sagen!" brummte Heinz Döring in seinen Bart, und huschte dann wieder auf seine Lagerstatt.

Tie nächste halbe Stunde ging es ihm erträglich. Ab­gesehen von den neugierigen Fliegen, die geologische For­schungsreisen in seine Ohrmuschel und andere Gebiete der Nachbarschaft unternahmen, störte ihn nichts. Leider aber hatte er vergessen, sein Fenster wieder zu schließen, und bis zum Morgen desselbigen Tages eine alte Dame mit einem jungen Fräulein in diesem Zimmer gewohnt hatten, deren gezähmter Zeisig gewöhnt war, zum Fenster aus- und einzufliegen, so geschah es plötzlich, daß der kleine gefiederte Wicht mit schrillem Gezwitscher auf dem Tische vor des Baumeisters Antlitz herumhüpfte, und sich offenbar nicht genug in Verwunderung darüber thun konnte, daß hier einfremder Kerl" auf dem Sopha herumlag. Die Zimmerveränderung seiner Gebieterin mußteMätzchen" wohl gründlich beim Spielen draußen verschwitzt haben.

Heinz Döring hatte im Schlummer seine Hand nach der Tischkante hinübergestreckt. Mätzchen aber war gewöhnt, mit Fingern besonders vertraulich umzugehen. Er pickte daher ganz ungeniert auf die Rechte des Baumeisters los, bis dieser mit einem fürchterlichen Fluche zum dritten Male munter wurde. Entsetzt flüchtete das Vögelchen hinauf zur Gardinenstange, und hielt dem Grobian von diesem erhabenen Standpunkte aus eine gepfefferte Ansprache, kam aber damit ganz und gar an den Unrechten; denn dieser brutale Mensch war so gereizt über die ehrlichen Wahr­heiten Mützchens, daß er aufsprang, das Handtuch zu einer Art Geißel drehte, und versuchte, den tapferen Verfechter seiner Rechte hinauszujagen. Mätzchen slog darauf nach dem Ofen hinüber, dessen Kachelzinne ihm sicheren Schutz gewährte, und verstärkte von dort aus die Aeußerungeu seiner Entrüstung.

Es ist unglaublich!" stöhnte Heinz Döring. So eine Pechbude habe ich mein Lebtag noch nicht gehabt!"

Und abermals lief er zur Klingel.

Ter Herr befehlen?" erkundigte sich lächelnd der Kellner.

Was haben Sie denn hier für freche Vögel?" schnaubte der Baumeister.

Vögel?"

Ja, freilich! Känguruhs sind's doch nicht! Da sehen Sie doch, dort oben auf dem Ofen . . ."

Ach, das ist Fräulein Walrats Mätzchen!"

So? Na, dann sagen Sie Fräulein Wallrat, sie möchte ihren geehrten Vogel hübsch eingesperrt halten. Ich habe durchaus nichts dagegen, daß sie einen hat, beileibe nicht; aber ich will nichts damit zu thun haben, verstanden?"

Fräulein ist daran auch unschuldig, Herr . . ., Herr . . . Tie Damen hatten dies Zimmer vorher, und sind heute früh erst nach der Waldseite umgezogen. Das weiß das Tierchen eben noch nicht richtig. . ."

Ja, ja, schon gut. Nun schaffen Sie aber das Vieh hinaus. Ich möchte schlafen!"

Der Kellner versuchte daraus sein Heil, und lockte, so süß er nur konnte. Aber Mätzchen chjen ihm nicht sonder­lich zu trauen. Es blickte ihn mit seinen kleinen schwarzen Spitzbubenaugen pfiffig von der Seite an, und blieb auf seinem Posten. \.^

Er kommt nicht!" bestätigte der'Jüngling endlich.

Tas scheint mir auchj so!" spottete Heinz.

Ich werde Fräulein Wallrat rufen!" erklärte der an­dere, trat ans Fenster, und brüllte so laut es seine Lungen hergeben wollten:

Fräulein Wallrat, Ihr Mätzchen ist oben im alten, Zimmer!" worauf es aus ziemlicher Entfernung:

Ich komme gleich!" zurückschallte. Keine Minute später flog auch schon etne junge Dame ins Zimmer, bei deren Anblick Heinz Döring in ein ganz merkwürdiges Erröten verfiel, was seinem männlichen Gesicht nicht gerade übel stand. Wo hatte er dieses schöne schlanke Fräulein mit den dunkelblauen Augen, die das Feuer der schwarzen zu haben schienen, schon gesehen? Richtig, jetzt besann er sich. Im Sedan-Panorama hatte sie vor ein paar Wochen neben ihm gestanden, und ihn schon damals durch ihr herrliches Ebenmaß, die Grazie ihrer Bewegungen, die mädchenhafte Reinheit ihres lieblichen Antlitzes entzückt. Er mußte sie an jenem Tage wohl etwas auffällig ange- starrt haben; denn mit einer nicht mißzuverstehenden Ge­bärde des Unmutes hatte sie ihm plötzlich den Rücken zu­gewandt, und als sie gleich darauf hatte niesen müssen, und er ihr, halb unwillkürliche das etwas aus der Mode gekommeneZur Gesundheit!" zugerufen hatte, war sie mit einem stolzen Blick, der sich jede Art von Vertraulicht- keit energisch zu verbitten schien, zum Ausgang geschritten.

Merkwürdig", dachte er mit einem leisen Gefühl der Beschämung über die damalige, und auch die augenblick­liche Szene, doch nicht minder mit einer Anwandlung auf- wallender Freude,wie man sich im Leben wiederfindet!" Die junge Dame schien ihn nichjt wieder zu erkennen, obgleich sie bei seinem Anblick bestürzt zurückgewichen war. Sie hatte geglaubt, das Zimmer noch nicht wieder besetzt zu finden.

Verzeihen Sie nur, mein Herr", sagte sie mit einem leisen Anflug von Verlegenheit, der sie allerliebst kleidete, unser Mätzchen ist noch an diese Klause gewöhnt, die wir heute mittag erst verlassen haben!" Und dabei hielt sie ihr Racket wie ein Tellerchen zum Ofen hinauf, und fing dann an, zu locken.

Komm, komm, mein süßes Mätzchen!"

Wenn er da noch widerstehen kann, hat er kein Herz!" agte Heinz Döring galant, wofür ihn sofort ein sehr abkühlender Blick traf. Aber er hatte einen solchen er­wartet, und ließ sich! dadurch! also nicht sonderlich beirren.

Sie haben übrigens durchaus keine Ursache, um Ver­zeihung zu bitten, gnädiges Fräulein", fuhr er fort..Hätte ich vorhin mein Fenster nicht offen gelassen, so wäre Ihr Vögelchen nicht in Versuchung gekommen, meinen Schlummer zu stören. Ueberhaupt, wenn ich nicht so sehr erschöpft von meiner Tour heute gewesen, und dadurch mit meinen Nerven in Zwist geraten wäre, würde mir der muntere Knirps entschieden Vergnügen gemacht haben. So aber. . .! Durch eine musikalische Barbarei schon vorher gestört. . . ."

Ah, dann habe ich sogar doppelt nötig, Ihre Nachs- sicht anzurusen. Die ausübende Barbarin war ich!, mein