(Nachdruck verboten.)
Auf der Felsenmsel.
Eine Erzählung aus den norwegischen Schären.
Von M. O t t e s e n.
(Fortsetzung.)
In wenigen Worten erzählte sie, wie das Ganze gekommen war, und neigte reuig den Kopf, als der Alte schalt, weil sie sich gerade die Nixentreppe ausgewählt hatte, um sich dort nach der langen Fahrt auszuruhen.
„Es saß sich so schön da am Meeresrande", sagte sie entschuldigend, „und wer könnte bei dem stillen Wetter daran denken, das Boot zu befestigen! Beim ersten Windstoß eilte ich hin, das Versäumte nachzuholen — da war es schon fort. Ganz langsam trieb es am Riff vorbei, nah und doch zu fern, als daß, ich! es hätte erreichen können. Zu spät erkannte ich, daß ein Gewitter am Himmel ftehe. Ich sah das Wasser steigen und steigen; mit meinem! weißen Umschlagetuch winkte ich den Vorbeifahrenden, doch ohne darauf git achten, segelten sie eilig vorüber — schon begann ich an Rettung zu verzweifeln. Wer hörte bei dem Sturme meine schwache Stimme, wer wagte es, sich dem gefährlichen Riffe zu nahen!"
Ter Alte warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu, und daran denkend, wie seltsam mich! ihr Anblick angemutet hatte, begriff ich nur zu gut den Schrecken der Schiffer, die natürlich die unheilverkündende Seejungfer gesehen zu haben meinten.
Jetzt zwar schien es mir unbegreiflich, wie jemand denken könne, dies holde Wesen vermöge etwas anderes als Glück und- Segen um sich! zu verbreiten. Und als sie mit ihrem sanften Lächeln meine Hand ergriff, und auch mir so herzlichj dankte, als habe td) vor allem zu ihrer Rettung beigetragen, kam sie mir so lieblich! und schön vor, wie ich noch kein Mädchen gesehen.
Lange nachdem sie verschwunden war, hörte ich die wohllautende Stimme. Mir kam das Zimmer sonderbar leer und dunkel vor, und ich mußte mich zusammennehmen, nm die Fragen des Alten nach meinem Onkel, nach Politik und Tagesneuigkeiten nicht allzu zerstreut zu beantworten.
Donnerstag den 27. Juni
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aß ungebraucht die Stunde nicht vergehen, Vielleicht will keine zweite dir beginnen; Laß ungebrochen keine Rose stehen, Vielleicht mußt vor der Rose du von hinnen.
F. Groß.
Viertes Kapitel.
„Eigentlich habe ich heute absichtlich! die Kleine so früh fortgeschickt", sagte der Leuchtturmverwalter, nachdem die alte Dorthe den Tisch abgedeckt hatte, und einen Raps heißen Wassers nebst Zucker, Branntwein usw. vor den Hausherrn hingestellt hatte. „Jetzt wollen wir es uns gemütlich machen. Stopfen Sie sich eine Pfeife und setzen Sie sich hier in die Sofaecke."
Er erhob sich, holte zwei feingeschliffene Gläser ans dem größten der Schränke und begann, einen Grog zu mischen. Tann dampfte er nachdenklich einige Minuten, nahm einen tüchtigen Schluck aus seinem Glase und lehnte sich so wuchtig in seinen großen Schaukelstuhl zurück, daß das alte Möbel laut ächzte und stöhnte.
„Ich war niemals ein guter Erzähler", begann er endlich seufzend. „Heute vormittag habe ich Ihnen aber versprochen, zu berichten, wie es zuging, daß mir dev Sturmwind in einer Nacht die künftige Anstellung als! Leuchtturmverwalter und etwas noch viel Besseres, meine kleine Pflegetochter, brachte. Jetzt pfeift gerade der alte Freund ums Haus herum und bringt sich in Erinnerung — und doch ist heute ruhiges Wetter gegen jene Nacht. Ta brüllte die Brandung draußen an der Nixentreppe, als seien alle bösen Geister der Unterwelt losgelassen, und forderten ihre Bente, und so stockfinster war es, daß wir kaum eine Handbreit vor uns sehen konnten.
„Gefährlich ist die Küste noch, aber schlimmer war es damals, als wir hier noch nicht den Leuchtturm hatten, und der Schisser kein einziges Merkzeichen am Strande fand, wonach er steuern konnte.
Ich hatte gerade den Tag zuvor mein Schiff auf das nächstliegende Werft zum Ausbessern gebracht, wollte alte Freunde hier am Ort besuchen und dann wieder fort. Aber schon am frühen Morgen brach der Sturm los — Sie wissen, einer von denen, die, wie der Seemann sagt, direkt aus dem Meeresgründe heraufsteigen. Nun, da galt es, hier auszuharren. Sonderlich! vergnügt war ich aber nicht, kann ich Ihnen sagen. Mein Wahlspruch Ivar stets: Selbst ist der Mann, und ich sehe am liebsten mit eigenen Augen, wo die Nägel angeschlagen werden — heransnchmen kann sie jeder, die Spur bleibt aber doch im Holze.
Wie ich so ganz verdrießlich unten an der Mole stehe, und ein wahres Vergnügen daran habe, mir den Gischt der turmhohen Wellen ins Gesicht spritzen zu lassen, höre iidEji draußen jenen wunderlichen Ton, den der Seemann von allen anderen zu unterscheiden 'weiß: Das Notsignal eines Schiffes.
Von der Nixentreppe her klang das Zeichen, und ein Fischer, der kurz vorher den Hafen gewonnen hatte, meinte, es sei der große Tampfer aus Bergen, der schon heute früh die Insel hätte passieren müssen.


