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dls ein solches Verlangen hätte deuten lassen; sie schien vielmehr ganz damit einverstanden, daß er sich dahin wandte, wo er die ihre nächste Umgebung weit überragende .Gestalt seines Vaters erspäht hatte.
Ter Stadtrat, der ersichtlich in der allerbesten Laune war, empfing sie mit einem Scherzwort und sagte Felicia eine Schmeichelei über die Grazie ihres Tanzes. Hilde aber legte sogleich ihren Arm um die Taille der Freundin und zog sie ein wenig beiseite.
„Ich muß Dir schon gute Nacht wünschen, liebste Fea; denn wir sind eben im Begriff, aufzubrechen. Ich sehe es meiner armen Mutter an, daß sie sich wieder sehr leidend e, Wenn sie es auch durchaus nicht zugeben will. Und in habe ich es bei dem Vater durchgesetzt, daß wir das Fest verlassen. Tu aber wirst gewiß noch bleiben wollen, umsomehr, als Tu ja erst jetzt angesangen hast zu tanzen."
„Nicht doch", erklärte Felicia sofort, „ich gehe selbstverständlich mit euch. Mein Durst nach Vergnügen ist vollständig gestillt." ,
Auch Herbert erhob keinen Einwand, als er von der Absicht der ©einigen erfuhr, und schon wenige Minuten später verließen sie alle mit einander den Saal. Draußen in der Garderobe trafen sie mit zwei anderen Familien ihrer Bekanntschaft zusammen, die sich ebenfalls für den Heimweg rüsteten, und so geschah es, daß man in großer Gesellschaft äuf die Straße hinaustrat.
Es waren Droschken genug da, um alle aufzunehmen; aber ein junges Mädchen — es war eines von denen, die Herbert und Felicia vorhin in ihrem Plauderwinkel überrascht hatten — machte beit Vorschlag, gemeinschaftlich zu Fuß nach Hause zu gehen, da es sich augenscheinlich noch nicht gar so schnell von seinem Kavalier zu trennen wünschte. Und der Vorschlag fand eine so lebhafte Unterstützung von feiten der anderen Damen, daß er nach rascher Beseitigung der von besorgten Vätern und Gatten geltend gemachten Bedenken zunt Beschluß erhoben wurde, zumal es eine sehr schöne, windstille und mondhelle Nacht war und die Damen in ihren dichten Umhüllungen von der herrschenden Kühle wenig empfanden.
Die Wohnungen der verschiedenen befreundeten Familien lagen nahe bei einander und in ziemlich bedeutender Entfernung von dem Festlokal. Trotzdem entschloß man sich der Mondscheinpoesie zuliebe noch zu einem Umwege, der am Flußufer entlang und bann durch einen Teil des seines Blätterschmuckes allerdings längst beraubten Stadtparkes, des sogenannten Französischen Gartens, führte. Man ging zu zweien, und da unter den Paaren einige waren, die für ihre Unterhaltung keine Zeugen zu haben wünschten, zog sich die Reihe allgemach immer weiter auseinander.
Nur durch einen Zufall, nicht durch ein absichtliches Bemühen des Assessors war es geschehen, daß er sich mit Felicia an der Spitze des Zuges befand, und nicht feine Schuld war es, wenn sie den andern bald um ein beträchtliches Stück voraus waren. In befangenem Schweigen hatten sie die erste Strecke ihres Weges zurückgelegt, dann aber hatte Herbert von einem Buche zu sprechen begonnen, dessen Lektüre er seiner Base vor kurzem empfohlen, und eine geistreiche Erwiderung Felicias war zum Ausgangspunkt ihrer ruhigen Unterhaltung geworden. Sie hatten die bebauten Straßen verlassen und schritten schon seit einigen Minuten auf den moudbeschtenenen Wegen des Französischen Gartens dahin, als sich plötzlich aus dem Dunkel einer Baumgruppe zu ihrer Rechten eine menschliche Gestalt loslöste, die sich ihnen in mehr herausfordernder als demütiger Haltung entgegenstellte.
„Ein armer Familienvater bittet um eine kleine Unterstützung", knurrte die branntweinheisere Stimme des verhältnismäßig gut gekleideten, aber von allen Lastern gezeichneten Menschen, und seine kleinen, stechenden Augen suchten mit unverschämter Dreistigkeit Felicias Gesicht. Aber der Assessor erhob befehlend die Hand:
„Gehen Sie aus dem Wege! Ein Straßenbettler erhält von mir niemals ein Almosen."
Ter Mgewiesene rührte sich nicht vom Flecke.
„Na, thnn Sie nur nicht so großartig. Wenn man Geld genug übrig haß sich ein hübsches Schätzchen zu halten, kann mau auch einem armen Teufel etwas davon Lukommen lassen. Schon wegen Ihres Liebchens sollten wir die Sache in aller Gemütlichkeit abmachen." j-_.
„Unverschämter!" donnerte ihn Herbert an. „Auf der Stelle geben Sie den Weg frei, oder —"
Aber es schien, daß der Strolch nur auf das erste schmähende oder drohende Wort gewartet hatte, um seine vermutlich von vornherein gehegten gewaltthätigen Ab- ichten auszuführen. Mit einem höhnischen Auflachen teilte er sich nur um so breiter vor Felicia hin, und als; wr Assessor seinen Arm ausstreckte, um ihn zur Seite zu chteben, führte er mit geballter Faust einen Schlag gegen! das Gesicht des jungen Mannes.
Herbert war auf den Angriff vorbereitet gewesen und hatte deshalb dem wuchtigen Stoße noch rechtzeitig ausweichen können. Zu einem zweiten aber ließ er den Wege- lagerer nicht erst kommen; denn wie er ihm an Körpergröße überlegen war, so war er es auch an Kraft und Gewandtheit. Mit eisernem Griffe packte er den Menschen an der Kehle und zwang ihn in die Kniee nieder. Da der Angreifer sich keiner Waffe bedient hatte, war die Situation nicht allzu gefährlich, und sie verlor vollends alles Bedrohliche, als nun auch schon am Ende des Weges einige Gestalten auftauchten, die ohne Zweifel zu der Gesellschaft des Stadtrats gehörten.
Der Vagabund, der in dem Glauben gewesen toar,: nur ein einsam wandelndes Liebespaar vor sich zu haben, gab denn auch bei ihrem Anblicke sofort jeden weiteren Widerstand auf. Mit Daransetzung seiner ganzen Kraft riß er sich aus dem umklammernden Griffe des Assessors los, und unter wütenden Schimpfworten verschwand er in langen Sätzen zwischen den dunklen Stämmen.
Der ganze Vorgang hatte sich innerhalb weniger Sekunden abgespielt, und es war begreiflich, daß Felicia in! ihrer ersten Bestürzung nicht einmal daran gedacht hatte, einen Hilferuf auszustoßen. Erst in dem Augenblicke, da der Strolch das Weite suchte, schien sie die Sprache und! die Herrschaft über ihre Glieder zurückzugewinnen. Denn' mit einem Aufschrei, in dem sich all die eben ausgestandene tätliche Angst ihres Herzens Lust machte, flog sie auf Herbert zu und schlang voll leidenschaftlichen Ungestüms ihre Arme um seinen Hals. Sie sprach kein Wort, aber er fühlte das Schluchzen, das ihren Körper schüttelte, und! die warme Berührung ihrer an seine Wange gepreßten Stirn.
„Um Gotteswillen, liebe Felicia", raunte er ihr §u,: fassen Sie sich! Die Gefahr ist ja vorüber."
Aber ihre Arme klammerten sich nur fester um seinen! Nacken, und er hätte sie mit Gewalt von sich abschütteln! müssen, um sich aus dieser zärtlichen Umarmung zu befreien. Nicht einmal das Durcheinander aufgeregter, fragender Stimmen, das sie nach wenig Augenblicken umschwirrte, konnte Felicia bestimmen, ihren Kopf von feiner Schulter zu erheben, und je bedeutungsloser in seiner mit einigen! raschen Worten gegebenen Darstellung das eben erlebte Abenteuer schien, desto größeres Befremden mußte naturgemäß die Situation erregen, in der man die Beiden erblickte.
Trotzdem aber hätte Herberts natürliches Taktgefühl wahrscheinlich noch das rechte Mittel gefunden, von vornherein einem peinlichen Mißverständnisse vorzubeugen,' wenn nicht die für sein Empfinden über alle Maßen unzarte und geradezu unbegreifliche. Einmischung seines! Vaters ihn daran gehindert hätte. Mit ©rftaunen und! Bestürzung sah er, daß der Stadtrat seine Hand wie segnend auf das mit einem seidenen Kopftuche leicht umhüllte Haupt Felicias legte, indem er mit einem Ausdruck inniger Rührung sagte:
„Wenn das Attentat dieses Straßenräubers keinen! anderen Erfolg gehabt hat, als den, uns.eine so freudige Ueberraschung zu bereiten, so verdient er viel mehr unseren Dank als unseren Unwillen. Etwas so Fürchterliches also mußte sich ereignen, um uns Euer Geheimnis! zu offenbaren, Ihr wunderliches, junges Volk? Nun, Gott segne Euch, meine lieben Kinder!"
„Vater, ich bitte Dich —" flüsterte Herbert, den es! heiß und kalt überrieselt hatte. Und da er jetzt auch seine Schwester neben sich erblickte, fügte er, die Hände der Amerikanerin sanft von seiner Schulter lösend, hinzu:
„Ta ist Hilde — sie wird sich Ihrer anuehmen, liebe Felicia! Ich hoffe dochs der Schrecken hat Ihnen nickft weiter geschadet."
Sie erhob ihren Kopf und sah zu ihm auf mit einem! Blick, der ihn um den Rest seiner Fassung brachte; denn ein


