Ausgabe 
26.11.1901
 
Einzelbild herunterladen

(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Sowohl die jungen Mädchen wie ihre Ritter waren dem Assessor oberflächlich bekannt, aber, er dachte nicht daran, daß sie seinem Alleinsein mit Felicia und dem plötzlichen Stocken ihrer Unterhaltung eine von der Wirklichkeit sehr weit abweichende Teurung geben könnten. Als sie sich nach einer kleinen Weile wieder entfernt hatten, von den Klängen eines eben intonierten Walzers mit unwiderstehlicher Ge­walt in den Tanzsaal zurückgelockt, sagte er mit einem Lächeln, das gegen seinen Willen recht wehmütig aussiel:

Wie glücklich, sie sind! Wahrhaftig, man könnte sre darum beneiden, wenn nicht der Neid zu den ganz und gar verbotenen Empfindungen gehörte."

Nicht zu den verbotenen allein, sondern auch zu den thörichten. Wäre es nicht in der That viel vernünftiger, es ihnen nachzuthun?"

Gewiß wenn dazu ein guter Vorsatz allein aus­reichend wäre! Aber die Lebensfreude ist ein Geschenk der Götter. Und nur auf den Höhen des Olymps fließt der Nektar, aus dem man sich nach Belieben diesen süßen Rausch äutrinken könnte."

Sie irren. Ein solcher Nektarquell sprudelt, wie ich meine, in jeder Menschenbrust. Und oft, wenn wir ihn völlig versiegt glaubten, hatte er sich nur zeitweilig unter 'allerlei Schutt und Trümmern verloren, die wir in selbst­quälerischer Thorheit mit eigenen Händen über ihn gehäuft. Man muß nur den Mut und den festen Willen haben, sie hinweg zu räumen, wenn man den beglückenden Born in neuer'Fülle aufquellen machen will."

Ob es der berückende Zauber ihrer Schönheit war, der ihm selber unbewußt auf ihn wirkte, ob der feine, süße Tust ihn berauschte, der sie umgab, oder die holde Musik im Klang ihrer Stimme, jedenfalls hatte er mit einem Male die Empfindung, daß eine göttliche Wahrheit sei in dem, !vas sie gesprochen. Und seine unmännliche Trauer um ein verlorenes Glück, fein Sehnen uitb Ver­langen nach einem Weibe, das ihn kaltherzig von sich

Dienstag den 26. November.

1901. Nr. 170.

M

Sfe..£

3 gibt keinen Teil des menschlichen Lebens, weder in öffentlichen noch in Privat-Geschäften, weder in Angelegenheiten des Staates noch der Familien, weder wenn man mit sich allem zu thun hat, noch wenn man mir andern in Verbindung tritt, der nicht seine eigenen Pflichten habe, in deren Beobachtung allein die wahre Ehre des Menschen, sowie in ihrer Vernachlässigung seine Schande liegt. Cicero.

gestoßen hatte, erschienen ihm plötzlich so schwach und thöricht, daß er sich ihrer in tiefster Seele schämte. Auch ihm war der himmlische Quell der Lebensfreude unter Schutt und Trümmern versiegt. Warum sollte nicht auch er im stunde sein, ihn aufs neue hervorsprudeln zu lassen?

Ja, Sie haben Recht, Felicia! Man muß nur den Mut und den festen Willen dazu haben. Hören Sie den Walzer, den man da drüben spielt? Kommen Sie! Wir wollen ihn tanzen."

Aber die andern, denen ich vorhin gesagt habe, daß ich heute nicht tanzen würde ?"

Ah, was kümmern uns die andern? Wollen Sie Ihrs eigene Lehre Lügen strafen, indem Sie sich und mich durch ein so kleinliches Bedenken hindern, den Augenblick zu genießen? Denn das allein ist die rechte Lebensfreude, die ohne Zaudern und Zagen die Gunst des Augenblicks auskostet."

Er stand schon vor ihr, bereit, ihr feinen Arm zu reichen, und sie widerstrebte nicht länger. Mit einem leuchtenden Blicke sah sie zu ihm auf, und ohne etwas Weiteres zu sprechen, kehrten sie in den Saal zurück. Halb geblendet von dem plötzlich auf sie einströmenden Glanze der elektrischen Lampen, umwogt von einer heißen, duft­gesättigten, sinnumnebelnden Atmosphäre und getragen von den feurigen Rhythmen der berauschenden Musik, flogen sie wenige Sekunden später in dem Wirbel der Tanzenden dahin. Weich und hin geb end schmiegte sich Felicias herrliche Gestalt in Herberts Arm, der Hauch ihres warmen Atems! streifte seine Wange, und bis zu dem Augenblick, da die Geigen rind Flöten droben auf der Empore verstummten, wähnte er wirklich, wieder in vollen Zügen aus dem so lange versiegten Borne der Lebensfreude zu trinken.

Elftes Kapitel.

War es dennoch nur eine Täuschung, nur eine flüchtige Aufwallung der erregten Sinne, ein armseliger Selbst­betrug gewesen?

Als sie mit klopfendem Herzen inne halten mußten, weil die Musik verstummte, hatte sich für Herbert Ignatius mit einem Schlage wieder alles verwandelt. Er sah sich von gleichgiltigen, neugierig gaffenden Gesichtern umgeben, er hörte das Gewisper halblauter Bemerkungen, die sich ohne Zweifel auf ihn oder auf seine schöne Tänzerin bezogen, und es war ihm zu Mute wie manchmal in seinen Knaben­jahren, wenn ihm nach geschehener That das Unsinnige und Lächerliche irgend eines tollen Streiches zum Bewußtsein gekommen war. Unzufriedener noch als vorhin mit seiner vermeintlichen Schwäche war er jetzt mit diesem gewaltsamen Versuch, das Göttergeschenk der Freude zu erzwingen, und Furcht beschlich ihn bei dem Gedanken, daß Felicia den Wunsch hegen könnte, zu einer Fortsetzung ihres unter­brochenen Zwiegespräches in das einsame Nebengemach zurückgeführt zu werden.

Aber sie äußerte zu feiner Beruhigung nichts, das sich