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Berichte, weit sie zum Teil phantastisch aufgeputzt waren, anaezweifelt, bis genaue Beobachtungen alles das bestätigten, twas ihm zur Last gelegt wurde. Das Mißverhältms der Zahl der Männchen zu jener der Weibchen — es kommt auf fünf männliche Individuen bestenfalls erst ein weibliches, haben das Liebesleben dieses Vogels auf einen Grad von Lasterhaftigkeit herabgedrückt, welcher sich leicht als Beweis für die Notwendigkeit der Einehe hinstellen ließe. Unstet durchstreift das Weibchen das grüne Revier, bald mit dem einen, bald mit dem anderen anbandelnd, mit keinem aber ein festes Ehebündnis eingehend. Die Eier legt es aber stets fremden Vögeln, deren Eier eine ähnliche Färbung haben, ins Nest und zwar nur ein eilt» riges Stück. Die kleinen Vögel, deren eigene Brut dadurch gefährdet wird, feinden den Störenfried ihres Eheglückes zwar gewaltig an; nichtsdestoweniger kennt man bereits über 80 Vogelcirten, welche dem lüderlichen Vogel das Brutgeschäft abnehmen und den überaus gefräßigen Eindringling wie die eigenen Kinder pflegen, obwohl dabet letztere meist zu Grunde gehen oder doch sehr verkürzt werden. „ ,,
So wird auch das Eheglück unserer freundlichen gefiederten Sänger durch fremde Missethat nicht selten getrübt. Nicht alle Vogelarten aber sind so gutmütig, die Eier des Kuckucks und etlicher ihr Beispiel nachahmenden Vögel anzunehmen; denn außer der schon erwähnten gewaltsamen Entfernung der fremden Eier bleibt ihnen ja, wenn die Jahreszeit nicht so weit vorgeschritten ist, noch ein anderes Auskunftsmittel, die Flucht aus dem alten Neste und der Bau eines neuen Nestes, dann paßt der Vers aus Hey-Speckters Fabeln:
Giebt es ja Lehm und Grashalmen noch, Hab ich ja meinen SchMbel doch Schöner als jenes soll es fein;
Morgen schon zieh' ich wieder ein.
Vielleicht ist das Vogelpärchen, welches der Leser bei einer Pfingstwanderung noch beim Nestbau trifft, von einem solchen Geschick betroffen worden. Denn in den weitaus! meisten Nestern regt sich schon das neue Leben, und das fleißige Umherfliegen von Vater und Mutter, welche Nahrung zum Neste tragen, zeigt an, daß auch hier im Frühlingsgrün und Pfingstschmuck der Natur die Elternliebe ihres hohen und erhabenen Amtes waltet.
oder der auf den Ausstellungen der letzten Jahre gezeigten Couveuse (Brüthenne) eine Ahnung hätten, bauen sie aus Erde und Blätterwerk einen künstlichen Hügel auf, in dessen Inneren sie die Eier verstecken. Tie organischen Substanzen des Baumaterials geraten nun in Gärung, und die hierbei entstehende Zersekungswärme ist groß genug, um die Entwickelung der Eier bis zum Ausschlüpfen der Jungen zu fördern, die übrigens auch nachher noch das im wahren Sinne des Wortes warme Nest allnächtlich als Unterschlupf benutzen.
Am interessantesten aber ist ech zur Blutezert tm heimischen Walde das verschiedene Benehmen der Vögel zu beobachten, wenn man ihnen fremde Eier oder Junge ins Nest legt. Nicht überall, wo diese geduldet, und wie die eigenen betreut werden, ist das mütterliche Mitleid mit den fremden Lebenskeimen die Triebfeder dieses Handelns. Einige Vogelgruppen sind so außerordentlich gleich- giltig, zum mindesten gegen fremde Eier ihrer eigenen Art, daß sie dieselben stets wie die selbstgelegten behandeln. Dies gilt zunächst von den kolonienweise brütenden Seevögeln z. B. den verschiedenen Möwenarten, welche ohne weiteres Eier aus fremden Gelegen übernehmen, ja sogar im Kompagniegeschäft mit einer Nachbarin ein Doppelgelege anlegen und den gemeinsamen Eiervorrat zusammen oder abwechselnd bebrüten. Häusig sind es aber sogar Eier verschiedener Vogelspezies, wie z. B. der Seeschwalbe und der Lachmöve, welche zusammen in einem Nest gefunden und in der ebengenannten Weise versorgt werden. An den Haubenlerchen, den Singdrosseln, den Fasanen und unseren Haushühnern beobachtet man häufig das Gleiche, und in den Nestern von Wachteln findet» man zuweilen eine so große Anzahl Eier — bis zu 30 Stück — daß deren Herkunft von einer Mutter nicht angenommen werden kann.
Die Sitte unserer Haushühner, ohne $ebenten fremde Eier in Pflege zu nehmen, ist zu bekannt, um darüber ein Wort zu verlieren. Aber nicht nur diese, sondern auch Gänse, Truthennen und sogar Truthähne brüten ihnen untergelegte Eier nicht nur aus, sondern warnen und schützen und führen die daraus entschlüpften Jungen mit einer Sorgfalt und Zärtlichkeit, welche nichts zu wünschen übrig läßt. Brehm sagt darüber mit Recht in einer ferner ältesten aus dem Jahre 1834 stammenden Veröffentlichungen: „Es ist ein ergreifender Anblick, eine Trut- oder Haushenne zu sehen, welche junge Enten führt und voll Ängst und Schmerz am Wasser steht, in welchem ihre kleinen Pflegekinder, taub gegen die Klagetöne der Pflegemutter, herumschwimmen". Dem starken Brütetrieb unseres Hausgeflügels ist es wohl auch zuzuschreiben, daß Dasselbe, wenn' man ihm beharrlich immer wieder die Eier wegnimmt, schließlich auf den sonderbarsten Dingen: Porzellaneiern, Zwiebeln, Kartoffeln und dergleichen sitzen bleibt.
Absichtlicher Umtausch von Eiern ist natürlich am häufigsten in Kanarienvogelnestern gemacht worden; auch diese Stubenvögel legen eine außerordentliche Duldsamkeit gegen fremde Eier an den Tag, und brüten gutwillig bte Eier vom Stieglitz, Grünschwänzchen, Hänfling, Buchfink und vielen anderen einheimischen Singvögeln aus, werfen sie aber häufig, wenn die armen Fremdlinge aus dem Ei gekrochen, erbarmungslos aus dem Neste. Im Gegensatz hierzu ist oft beobachtet worden, daß »in Gefangenschaft gehaltene Raubvögel wie Mäuse-Bussarde und andere Arten die Eier vom Hausgeflügel willig angenommen und die Jungen, die sie unter anderen Verhältnissen als leckeren Braten betrachtet hätten, wie ihr eigenes Fleisch und Blut behandelt haben.
Tie im Freien nistenden Vögel verhalten sich gegen fremde Eier im Nest sehr verschieden. Ohreuken, Waldkäuzchen, Habichte, Weihe, Krähen und viele andere Arten nehmen sich häufig der ihnen von Menschenhand ins Nest gelegten Eier wie der eigenen an, während andere, an • der Spitze der ehrwürdige hochgeachtete Storch, sich sowohl gegen die Eier höchst unduldsam benehmen wie auch das ihnen etwa untergeschobene junge Volk entweder mit Schnabelhieben töten oder einfach aus dem Neste hmaus- iüetfen.
Der ärgste Störenfried im Vogelnest ist unzweifelhaft der Kuckuck. Das Volk hat von jeher von seinem lockeren, leichten Leben zu erzählen gewußt, aber man hat diese
(Nachdruck verboten.)
Die Göttin des Glücks.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Zehntes Kapitel.
In seiner wonnevollen Weltvergessenheit hätte Harro den schweren, schleppenden Schritt des Professors sicherlich ebenso wenig gehört, als er irgend etwas anderes wahrgenommen hätte von dem, was um ihn her geschah. Hanna aber schien von ihrem Glück doch nicht so ganz in Anspruch genommen, daß die Wachsamkeit ihrer feinen Sinne dadurch beeinträchtigt worden wäre. Sie vernahm das wohlbekannte Geräusch früh genug, um sich aus Harros Umarmung loszumachen, und eine der neben ihr liegenden Zeichnungen aufzunehmen, ehe Klemens Herbold und seine Tochter eintraten. Mit vortrefflich gespielter Unbefangenheit erwiderte sie den überaus warm und herzlich klingenden Gruß des Professors, und erkundigte sich im Tone lebhafter Teilnahme nach seinem Befinden.
„Gut geht's", gab er heiter zurück. „Ich möchte bet» nahe sagen: unheimlich gut; denn mit rechten Dingen kann das schon garnicht mehr zugehen. Wenn diese tückischen Anfälle noch länger ausbleiben, so glaube ich wahrhaftrg, es ist nicht bloß ein Waffenstillstand, sondern ein Sieg."
„Und warum sollte es nicht ein Sieg sein, Herr Pro- sessor! Ihre Konstitution giebt Ihnen die Anwartschaft aus ein Leben von neunzig Jahren."
„Tas wären noch beinahe drei Jahrzehnte. Nun, wenn mir die Arbeit bis zum letzten Tage so gelänge, wie mir diese hier gelingen wird — ich würde sie nicht verschmähen." , ,
Er war an das Gestell getreten, auf dem sich das


