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Thonmodell von Hannas Büste befand, und Harro war ihm behilflich, die nassen Tücher zu entfernen, die das leicht erhärtende Material weich und bildsam halten. Dabei machte er, vielleicht durch Erikas düstere Ahnungen ein wenig beeinflußt, die betrübende Wahrnehmung, daß das Aussehen des verehrten Mannes keineswegs zu der Hoffnungsfreudigkeit seiner Worte stimmte. Das Gesicht des Professors schien ihm sogar krankhafter, und verfallener, als an den vorhergegangenen Tagen, und die Schatten unter seinen Augen dunkler als sonst. Auch waren seine Bewegungen langsam und müde, wie wenn jede ihn eine beträchtliche Anstrengung roste. Aber er wurde dessen offenbar garnicht inne, oder er achtete es doch nicht; denn ohne sich auch nur einen Augenblick Ruhe zu gönnen, traf er die mancherlei Vorbereitungen für ben Beginn seiner Arbeit, und wies den Beistand, den Harro ihm dabei leisten wollte, fast ungeduldig zurück.
„Ich vergaß, daß ich Ihnen einen Auftrag von meinem Bruder auszurichten habe", wandte sich Hanna plötzlich an den jungen Künstler. „Er erwartet Sie noch an diesem Morgen zu einer wichtigen Unterredung in der Angelegenheit, von der ich Ihnen eben sprach. Und er sagte mir ausdrücklich, daß die Dringlichkeit der Sache keinen Aufschub dulde."
„Tann werde ich allerdings wohl nicht säumen dürfen", meinte Harro, obwohl es ihm ersichtlich garnicht angenehm war, daß sie ihn auf solche Art aus ihrer beglückenden Nähe verbannte. „Ist rnir's doch beinahe, als ob auch ich dem Herrn Rechtsanwalt etwas Wichtiges mitzuteilen hätte."
Dabei richtete er einen zugleich fragenden, und bittenden Blick auf Hanna, dessen Bedeutung sie unmöglich mißverstehen konnte. Mit einem Lächeln und mit einem leichten Kopfnicken, das wohl nur für ihn wahrnehmbar war, gab sie ihre Zustimmung zu erkennen. Nun verabschiedete er sich rasch, und verließ das Atelier, nachdem seine glückstrahlenden Augen von der Thür aus noch einmal Hannas verführerische Schönheit mit einem langen, durstigen Blick in sich ausgenommen hatte.
Sie hatte, ohne eine Bitte abzuwarten, die Stellung eingenommen, die ihr der Professor bei der ersten Sitzung gegeben. Mit leicht zur Seite gewandtem Haupte stand sie da, ein Bild holder Jugendfrische und entzückenden weiblichen Liebreizes. Ihre frischen Lippen waren ein wenig geöffnet, und etwas königlich Gebietendes war bei aller Anmut in der freien und stolzen Art, wie der mit der herrlichen Flechtenkrone geschmückte Kopf auf dem schlanken weißen Halse ruhte.
Lauge blieb Klemens Herbold stumm in ihre Betrachtung versunken, ehe er begann. Und es war eine seltsame Veränderung, die während dessen mit ihm vorging. Seine hinfällige, zusammengesunkene Gestalt schien von Sekunde zu Sekunde straffer und aufrechter zu werden; seine Züge belebten sich, und in den matten Augen entzündete sich ein Feuer, wie nur die Begeisterung oder die Liebe es in einem Menschenauge aufflammen läßt. Als er sich seinem halbfertigen Werke zuwandte, um es mehr und mehr dem schönen Vorbilde ähnlich zu machen, war von der Schwäche und Gebrechlichkeit des todkranken Mannes nichts mehr in seiner äußeren Erscheinung. Hannas Prophezeiung, die vorhin fast wie ein grausamer Spott gewesen war, schien angesichts dieser auf so wunderbare Weise wiedergekehrten Rüstigkeit und Kraft ihre volle Berechtigung zu haben, und auch Erika, die sich weit abseits niedergelassen hatte, mußte diese Empfindung teilen, wenn sie jetzt ihren Blick auf den Vater richtete.
Sie hatte eine Handarbeit mitgebracht, wie sie es immer zu thun pflegte, wenn sie bei den Sitzungen zugegen war. Und nur dieser schien jetzt ihre Aufmerksamkeit zu gehören. An der Unterhaltung, die sich nach einer kleinen Weile des Schweigens zwischen dem Künstler und seinem Modell entspann, beteiligte sie sich mit keinem Wort. Und es war, als hätten die beiden ihre Anwesenheit völlig vergessen. Klemens Herbold, der sonst bei der Arbeit so schweigsam und verschlossen war, daß selbst Harro dann kaum eine Frage an ihn zu richten wagte, hatte im Verkehr mit Hanna ein völlig verändertes Wesen angenommen.
Es war, als ob es seinem Schönheitsdurst noch nicht genug, sie mit forschendem Blick des Künstlers betrachten zu dürfen, als müsse er auch die Musik ihrer Stimme hören, und ihr lebhaftes Mienenspiel während des Sprechens beobachten können, um sich ganz befriedigt zu fühlen.
Und er war nicht der Mann, um leichten Tones über allerlei nichtige Tinge zu plaudern. Wovon auch immer ihr Gespräch ausgehen mochte, schon nach den ersten Wechselreden wandte es sich gewiß den ernsthaftesten Gegenständen und den bedeutendsten Fragen zu, die einem Menschengeist beschäftigen, eine Künstlerseele bewegen können. Hannas scharfer Verstand, ihre Schlagfertigkeit und die erstaunliche Fülle von Kenntnissen, die sie auf allen Gebieten gleich heimisch erscheinen ließ, gaben diesen Sitzungen für Klemens Herbold einen Reiz, der vielleicht einen nicht geringeren Anteil an ihrer wunderthätigen Wirknng hatte als das Gelingen der allen ärztlichen Vorstellungen zum Trotz begonnenen Arbeit.
Manchmal, wenn er — auf das Fußgestell der Büste gelehnt — seine Thätigkeit minutenlang einstellte, um den Worten Hannas zu lauschen, während seine Augen groß-und glänzend" an ihr hingen, hätte sich in einem unbefangenen Beobachter notwendig der Argwohn regen müssen, daß sich in dem Herzen dieses grauhaarigen Kranken eine heiße Leidenschaft entzündet habe. Und vielleicht war es dieser Argwohn, der zuweilen die schlanken Hände der schweigsamen Erika erbeben machte, so daß sie für Sekunden in ihrer emsigen Arbeit innehalten mußten, oder der plötzlich ihr Gesicht erglühen ließ, wie wenn ihr mädchenhaftes Schamgefühl tödlich verletzt worden wäre. —
Tie elektrische Klingel ertönte, und da Kruschke fortgeschickt worden war, stand Erika auf, um sich in den Vorraum zu begeben. Gleich darauf kam sie zurück, und sagte:
„Tas Mädchen meldet, daß der Agent gekommen sei, den Du wegen des Verkaufs unseres Landhauses bestellt hattest. Willst Du mit ihm verhandeln, lieber Vater?"
Aber Klemens Herbold machte eine ungeduldig abwehrende Geste.
„Nicht um die Welt! Ich verstehe mich nicht darauf, mit dieser Sorte von Menschen fertig zu werden. Das kannst Tu hundertmal besser. Die Papiere liegen in meinem Schreibtisch, und wenn irgend etwas zu unterzeichnen sein sollte, kannst Tu es mir ja hierher bringen."
Sie entfernte sich schweigend, und ging in das Empfangszimmer, wo der Agent wartete. Es war ein kleiner, beweglicher Mann, mit scharf geschnittenem Gesicht, und lebhaften Gebärden. Seine Vermittlerdienste in geschäftlichen Angelegenheiten waren von dem Professor schon wiederholt in Anspruch genommen worden; aber er war es vollkommen zufrieden, heute nicht mit Klemens Herbold persönlich unterhandeln zu müssen; denn er hatte von der vielberufenen gelegentlichen Schroffheit des Künstlers, wie von seinem zuweilen aus geringfügiger Ursache aufslammenden Jähzorn schon einige für ihn fehr unangenehme Proben erhalten. Namentlich seine schwer unbezähmbare Redseligkeit hatte die Geduld des Professors gewöhnlich sehr schnell erschöpft. Erika gegenüber aber glaubte er sich in dieser Hinsicht keinen Zwang auferlegen zu müssen, und der Wortschwall, den er an jede geringfügige Einzelheit «verschwendete, zog die Besprechung, dre sich unter anderen Umständen vielleicht in sehr kurzer Zeit hätte erledigen lassen, über Gebühr hinaus. (Forts, f.)
Preisrätse!♦*) Tauschrätsel.
Nachdruck verboten.
Zeile, Brest, Falle, Kater, Bier, Halm, Taube, Rest, Karte, Birne, Dame, Bund, Feder, Keim, Rost, Main, Pillen, Korn, Alm, Zahn, Gebet, Leiche, Ilias, Hagel.
Aus jedem Wort ist durch Umtaufd) eines Buchstabens an beliebiger Stelle ein neues Wort zu bilden derart, daß die neu eingefügten Buchstaben int Zusammenhang einen Smnspruch ergeben.
*) Lösungen sind mit Aufschrift: ,,Preisrätsel-LösUNg" versehen innerhalb ad)t Tagen an die Redaktion der „Gießener Familtenvlätter" einzusenden.
Auflösung des Rätsels in vor. Nr.: Estrich — Erich.
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