Ausgabe 
26.5.1901
 
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fallen, so lebt doch die Gattung fort, und die Natur baut in ihrer riesigen Werkstatt den Ersatz für alles das, was in Staub und Moder zusammensinkt, spielend leicht wieder auf.-

Am nachhaltigsten aber ist sie an dieser Arbeit, wenn im Mai und Juni um Pfingsten herum, die Zeit der Blüte und des Fruchtansatzes gekommen, wenn die bevorrechtete« Sänger der Erdenschöpfung, die Herren Vögel a capella ihr jubelnd Lied hinausschmettern, während die gefieberten Gattinnen in der prächtig grüntapezierten Wochenstube die Eier im Nest und die junge Brut betreuen. Wer um diese Zeit, liebevoll beobachtend, in Feld und Hain umherstreicht, kann Wunderdinge in Vogelnestern schauen, von denen sich der gewöhnliche Erdenbürger kaum etwas träumen laßt.

Im allgemeinen sieht der Unkundige in den Nestern die dauernden Behausungen der Vögel. Tas ist aber em großer Irrtum. Die unstete Lebensweise der gesamten Voqelgesellschaft, bei vielen von ihnen aber auch eme lässige Vagabundenhaftigkeit, die zu faul ist, für ein regelrechtes Heim zu sorgen, veranlaßt diese Herren Leichtfüße, dir einen Ruheplatz ohnehin nur für die kurze 67 stündige Sommernacht brauchen, ihr Lager bald hier, bald dort, wenn auch in den Schranken eines engumgrenzten Reviers, aufzufchlagen, und backt eine Vogelart wirklich besondere Schlafstätten, so dienen diese ganz sicher nicht gleichzeitig dem Brutgeschäft, dem stets eiu besonderes Nest Vorbehalten bICl[®ct9 sich hier in den holden Frühlingstagen als Regel abspielt, ist schon tausendmal in Wort und Bild dargestellt worden: daneben aber gießt es nicht wenig des Absonder­lichen und Ungewöhnlichen, von dem einiges im Nach- stehenden behandelt werden soll .....

Wenn es gilt im Hochzeitskleid, dem farbenprächtigen Gewände, welches Mutter Natur manchen Arten in der Zeit der Flitterwochen verleiht, vor dem im Neste fitzenden Weibchen auf und ab zu tänzeln oder schmelzende Melodien seiner sangeslustigen Kehle zu entlocken, dann ist der Bogel der vollendetste Kavalier, der sich denke,! laßt also ganj wie im menschlichen Leben, wenn man statt des grünen Waldes den Ballsaal oder die Stätte einer obligaten Sommer­partie mit Pfänderspiel und Tanz setzt. Beim Nestbau selber aber zeigt sich das Vogelmännchen häufig von emer wenig höflichen Seite. Bei den meisten Arten hilft der eheliche Gespans wohl ein wenig, indem er fich herablaßt, Halme, Blätter, dünne Zweige und ähnliches geeignetes Bau­material an Ort und Stelle zu schaffen. Der Hauptanteil Arbeit aber verbleibt dem Weibchen, dav vielleicht bei emer zärtlichen Abendkoserei, als die ^Gründung des Haus­standes besprochen wurde, dem Männchen erklärt hat, daß dies Frauenangelegenheiten sind, von denen Ueb Männchen ganz und gar nichts versteht. Als überaus brave Ehemanne muß mau" daher unbedingt den männlichen Teck der in­teressanten Gruppe der Webervögel erklären, die, obwohl ste, zoologische betrachtet, eigentlich zur Ordnung der mcyw- nutzigen Passeriden, also Sperlinge, gehören, allem den Bau der künstlichen, beutelförmigen Nester ubernehmm, deren oft 20 und mehr auf einem Baume bei einander sind. Häufig thun sich! auch eine ganze Anzahl Paare zusammen und bauen ein Riesennest, in dessen verschiedenen Kammern die Weibchen dem Brüten obliegen.

Weitaus liebenswürdiger noch benehmen sich aber die Straußmännchen. Sie besorgen nicht nur den Bau des an sich ja recht kunstlosen Nestes, sondern unterziehen W obendrein noch der Mühe des Brütens, während Madame längst wieder in gewohnter Weise über die Steppe streift und sich den Magen mit den nach unseren Begriffen un­möglichsten Dingen vollstopft. Vielleicht ist es daher m durch die Jahrtausende der Gattung angewohntes Be­kämpfungsmittel der weiblichen Pflichtvergefsenheit, wen« die männlichen Nashornvögel die brütenden Weibchen w ihren höhlenförmigen Nestern durch Verbauung der Em- flugsöffnung derart einkerkern, daß letztere wohl oder übel bis zur Beendigung des Brutgeschäfts auf ihren Eiern ver­harren müssen, während natürlich das Männchen nut Feuer­eifer für die Ernährung der Ehegenossin sorgt.

Bequemer machen es sich einige,''namentlich auf m Inseln der Südsee heimische Vögel aus der Gruppe de Großfußhühner. Als ob sie von einem künstlichen Brutofen

In der Art, wie unsere Birke als Psingstschmuck ver­wendet wird, kann die Hausfrau ihren Geschmack auf die mannigfaltigste Weise bekunden. Die grünen Zweige über­dachen laubenartig den Eingang zu Haus und Zimmer, sie umrahmen den Spiegel, sie lachen hinter den Bildern her­vor, die an den Wänden angebracht sind. Vom Gesimse des Ofens nicken sie herunter, dem dürren Holz der Möbel rufen sie die Erinnerungen an die Zeit der eigenen Blute in Feld und Wald zurück. Kurzum, kein Plätzchen im Zimmer, wo nicht zu Pfingsten ein Birkenzweiglein an die Natur gemahnte, die eben draußen in ihrem herrlichsten Schmucke prangt! Vom Giebel des Hauses grüßt wohl gar ein mächtiger Maienbaum herunter, oder den Dachrand bekleiden, wie ein grün eingehegter Waldessaum, Ast an Ast, Zweig an Zweig, silbern schimmernd, während die herzigen, lichtgrünen Blättlein, geküßt vom Odem lauer Frühlingslüfte, hinauslispeln in die Welt:Heute ist

Neben der Birke kommt als Schmuck für dieses Fest vorwiegend Kalmus zur Verwendung. Mit den grünen, gewürzreichen Stauden schmückt man Haus und Zimmer ganz ähnlich! wie mit dem Birkengezweig. Aus dem Lande zerschneidet man jene erstere wohl gar in kleine Stückchen und bestreut mit diesen Flur und Küche. Der Gebrauch ist uralt, eine Entlehnung des ehrwürdigen Naturkultus, der mit dem Maifeste der blonden Kinder Wotans eng ver­knüpft war. Denn aus der so zerschnittenen Kalmusstaude konnte der starke würzige Odem, der jener innewohnt, ent­schiedener hervorströmen und so die unholden Gewalten verscheuchen, die gerade an solchen Tagen um das Herd- feuer des Menschengeschlechts gern ihr schädliches Treiben entfalten. .

Immer um Pfingsten sind darum Birkengezweig und Kalmusstaude sehr erwünscht. Ganze Wagenladungen kommen in diesen Tagen in die Großstädte. Auf dem Lande aber erntet jeder womöglich selber den Pfingstschmuck, mit welchem er seine Wohnräume bedenken will. Freilich wird dann die Natur oft gar arg geplündert, und durch die Birkenhaine geht ein Stöhnen und Klagen, ein geheim­nisvolles Raunen von Wehe und Schmerz. Mancher schlanke Stamm, der eben noch in Lebensfülle strotzte, fällt ächzend hin, getroffen von der Axt, die mitten ins Mark gedrungen, und die Goldammer, die sich gerade zwischen den grün umkleideten Zweigen im Lenzessonnenlicht badete, fliegt erschreckt davon, um den übrigen gefieberten Bewohnern ber Luft von bem Ungemach zu melben, bas ber große Frevler int Reiche ber Natur, ber Mensch, von neuem an­gerichtet. . . . Inzwischen streifen Knaben längs dem Wasserlauf über den moorigen Grund dahin, wo der Kalmus wächst. Die Ernte fällt reichlich aus; denn Staude reiht sich an Staude, strotzend in saftigem Grün, die fleischige Wurzel nur knapp im Erdreich verborgen. Dazwischen wachsen ganze Büschel von Vergißmeinnicht, liebliche blaue Augensterne, die sich von der sie umgebenden grünen Vegetation in wunderholdem Farbeutone abheben. . . . Ich! habe oft genug als Knabe an so grünumborbetem Weiher zwischen gelben Dotterblumen und Vergißmeinnicht Kalmusstauben für bie Pfingsten geerntet. Unb wie stolz wir waren, wenn wir, bicht belaben mit ben sorgsam zu- sammengereihten Bünbeln, heimkehrten! Die Wangen glühten, bie Pulse flogen. Auf ben Stauben selber ver­stauben wir ganz kunstgerecht nette Melvbien zu pfeifen.

O schöne Zeit, o selige Zeit!

Pfingsten im Vogelnest.

Van Dr. Kurt Rudolf Kreusner.

(Nachdruck verboten.)

Pfingstartikel beginnen sehr häufig mit jenen Versen, die der unsterbliche Sohn der ehemals freien Reichsstadt Frankfurt an die Spitze seines Reinecke Fuchs gesetzt hat. Wenn wir darum dem Leser auch den Schmerz der so und so viel tausendsten Zitierung der bekannten Dichterworte ersparen wollen, so bleibt doch das von dem fröhlichen Siebe ber neuermunterten Vögel" immer unb einig wahr; denn Pfingsten ist bas Fest ber Liebe in der Natur. Mag das Individuum auch nach kürzerer oder längerer Frist des Erdenwallens dem unerbittlichen Todesverhängnis ver-