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Von dem Hofe her kam ihm Matthes entgegen, pfeifend, die Hände in den Hosentaschen.
„No, fern s' schon da, die Nonnen?" fragte er lachend. Als er aber das ernste Gesicht des Vaters sah, da tröstete er ihn. „Geh, was hast denn, laß do komma. I hab' mit die Herrn gestern schon g'redt. Reiß'n werd'n ft’ sich um uns'r Holz, das Bergwerk und die Fabrik!"
Aus diesem Munde wunderte Johannes die Rede längst nicht mehr, nicht einmal zum Zorn hatte er in diesem Augenblicke die Kraft. Ohne Antwort ließ er ihn stehen.
„No, was hast denn ausg'richt, gestern?" fragte die Bäuerin. ,,D' Rosl ist ja ganz verwvant hamkomma. Bist wied'r recht g'waltthäti' g'wes'n. Ja, damit macht ma's net!"
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„Hast as schon g'hört vom' Matthes — die Nonna- g’schicht? No, mein Gott, ma’ müaßt's halt a derleid'n."
Es entging ihm nicht, auch in diesem Gesichte leuchtete eine geheime Freude auf. Das war es ja, diese Lieblosigkeit um ihn herum, dieses Nichtverstehen und Andersdenken, was ihn so ganz auf seinen Wald verwies, als den einzigen Freuno, der ihm die Treue hielt.
Rosl floh vor ihm. Zweimal sah er schon ihr rotes Röckerl aufblitzen hinter einer Thür. Im Stall stellte er sie endlich.
Sie füllte die Barren mit frisch gemähtem Gras. Er wollte wenigstens wissen, wie es mit ihr stand, seiner einzigen Hoffnung.
„Sag' amal, Rosl", begann er in möglichst mildem Tone, seine Hand auf die Schulter des Mädchens legend, „was käm Dir härt'r an, auf amal von ®eint Ferl nix mehr fei)’n oder von unserm Wald, kein Stamm, fei’ Staud’n, g'rad a leer's Feld, auf dem 's Unkraut wachst?"
Tas Mädchen horchte erst erstaunt, die Frage war zu sonderbar. „Aber das is ja gar net zum ausdenk’n, Vater", rief sie' dann. „Nix mehr seh'n von unserm ganz'n Wald? Tas wär' ja ganz was Furchtbar's, kein Stamm, keine Staud’n?"
„No, i sag’ nur,, werm's zum ausdenk’n wär’, und ’s is zum ausdenk’n. Also — wenn's gelt'n thät, entweder, oder — ganz offen g'redt!"
„O, ntei’ Vater, wia kannst Du nur so frag'u? Tas giebt's ja net Das wär' ja was Furchtbares."
Ter Rosl wurde bang vor dem drängenden Blick des Vaters.
„Net wahr, das begreifst, daß das was Furchtbares wär'. A Wald, der zweihundert Jahr zum Wachf'n braucht, weg mit an Hui. Also, wenn D' wähl'n müaßt, den Ferl oder den Wald, wen thatst opfern? Red, net lüag"v!"
Da warf sie sich weinend an die Brust des Bauern.
„Den Wald! Alle Wälder der ganzen Welt!" kam es schluchzend heraus. „I kann's net anders sag'n, wenn Du mi dazua zwingst."
Johannes sprach kein Wort, er atmete nur schwer auf und drückte den Blondkopf an sich!.
„Jetzt weiß i's. I dank Dir schön. Ehrli bist wenigstens." „ ,
Alle Versuche des Mädchens, ihren Ausspruchs ihm zuliebe abzuschwächen, waren fruchtlos.
„Laß! Laß! Rosl, i bin Dir net gram d'rüber. G'rad wiss'n hab' i woll'n, ob i wirkli' ganz allein steh' — jetzt weiß i's."
Er verließ den Stall.
Von diesem Tage an litt er unsäglich, Er sah in jeder Miene ein ungeduldiges Erwarten, er deutete jedeS Wort in diesem Sinne. Matthes erschien ihm heiterer wie je, und wenn er von seinen abendlichen Ausflügen zurückkehrte, forschte er in seinem Angesicht nach irgend einer entsetzlichen Nachricht.
Die Berichte in den Zeitungen verstummten, das machte die Sache nur noch unheimlicher, drohender. Täglich durchpürschte er den Wald, untersuchte er jeden Stamm, doch nichts Verdächtiges ließ sich sehen.
Eines Tages brachte Matthes in einer Schachtel einen dieser gefürchteten Schmetterlinge, eine lebendige Nonne. Sie war auf dem Wagen eines Güterzuges, der aus der Richtung der Hauptstadt kam, gefunden worden. Ein furchtbarer Bote!
Johannes betrachtete ihn mit einem Gemisch von Haß
und Ehrfurcht. Eine dämonische NatutHewa.lt Serkörperte sich für ihn in diesem unscheinbaren Tier. Das fraß ganze Wälder aus! Der reinste Hohn auf alles menschliche Wollen und Streben. Die schwarzen Zickzacklinien auf den weißen Flügeln nahmen sich! ans wie eine Zgubexschxift. Er konnte sich nicht satt sehen daran, nicht genug den sammteuen Körper befühlen. Er setzte das Tier unter ein Glas in seinem Zimmer.
Als den nächsten Tag sein erster Blick auf den Heuten Dämon fiel, da bemerkte er auf dem weißen Papier, das zur Unterlage diente, eine Fülle kleiner gelber Punkte, zu zarten Schnüren gereiht, toeMje aus dem Körper der Nonne drangen. Es waren die Eier, der unglückschwangere Keim für das nächste Frühjahr.
Mit einem Zündhölzchen trennte er sw, versuchte ste zu zählen. Er kam auf hundert — zweihundert — die Augen versagten ihm den Dienst darüber, es waren wohl tausend, und aus jedem kroch! int nächsten Frühjahr ein Räupchen. r., , . _
Sein Gehirn schmerzte ihn, wenn er such Die Zahlen dachte, die sich da ergeben müßten, und er begann Die furchtbare Möglichkeit zu begreifen, daß ein ganzer Wald von ihnen verzehrt werden konnte.
Noch etwas sagte ihm der Schmetterling: der Ausflug hatte begonnen! Jeden Augenblick konnte ein Ueber- fall dieses grauenhaften Heedes geschahen.
Von da ab schlief er nicht mehr. In der Nacht brannten int Walde riesige Feuer, deren Rauch die Tiere abhalten sollte. Das einzige Schutzmittel, welches die Forstbehörde anzugeben wußte; und Johannes hielt die Wacht.
Die Holzerhütte war jetzt sein Nachtquartier. Um alles hätte er jetzt den Ferl da haben mögen, abgesehen von seiner Arbeitskraft. Es war ihm in der fatalistischen Denkweise, welche allen Landleuten eigen, als ob in seiner Billigung der Liebe von Ferl und Rosl gewissermaßen ein Opfer liegen könne an die Schicksalsmächte, damit sie seinen Wald verschonten. Doch Ferl kam nicht, und der alte Grtmm schrieb ihm nicht.
Der August kam. Johannes atmete leichter. Die Hauptgefahr war wohl vorüber, den Berichten nach«, wenigstens für dieses Jahr, und wer weiß, was dazwischen bis zum Frühjahr geschah. Die Natur hilft sich selbst am besten. Dann war an ihm das Triumphieren, dann wird er ihn doppelt heilig halten den Wald, als ob er ihn von neuem zum Geschenk erhalten hätte von seinem Herrgott.
Nichts macht weicher, als die Erlösung von bangem Druck.
Johannes hatte jetzt das Bedürfnis nach fetteren Gesichtern um sich herum, nach Versöhnung mit seinem Weibe, mit seinem Sohne. Er hatte es zu bitter empfunden dwse schwere Zeit hindurch, das Alleinstehen.
Es bot sich treffliche Gelegenheit. Sobald die Ferienzeit begann, ergoß sich ein Strom von Städtern in die. Vorberge, der einsamste Hof war besetzt. Johannes weigerte sich bisher entschieden, nur ein Zimmer abzugeben, während die Bäuerin und Matthes, abgesehen von der Einnahme, sich nach! Geselligkeit sehnten. Jetzt gab der Bauer unaufgefordert seine Einwilligung zur Aufnahme von Fremden, und es verging keine Woche, da hielt schon eine Familie ihren Einzug.
Bankagent Polentz mit Frau und Tochter.
Vorerst kamen nur Frau Polentz, eine auffallende Erscheinung in einer etwas für diesen weltentlegenen Platz überladenen Toilette, und ihre Tochter Wanda, ein schönes Mädchen, welches mit der Neigung zum Auffälligen der Mutter wenigstens einen guten Geschmack verband, im übrigen sich mit ihrem Spitzenröckchen, zierlichen, hellgelben Schuhen und hochausgetürmtem Federhute ebenso fremdartig ausnahm in dieser Umgebung wie jene. Herr Polentz war geschäftlich in der Hauptstadt gebunden und konnte nm jedgn Samstag zum Besuche seiner Familie erscheinen, ebenso der Sohn, über dessen Lebensberuf nichts näheres zu erfahren war.
Johannes war es nicht entgangen, daß Matthes sofort nach der erteilten Erlaubnis- zu vermieten, einen Brief in die Stadt abgesandt hatte, der wohl in einigem Zusammenhang mit der Vermietung stand. Dem Bauer waren die Frauenzimmer vom ersten Augenblicke an ein Dorn im Auge. Er fühlte instinktiv die Unwahrheit dieses aufdring-


