Ausgabe 
25.12.1901
 
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Weg ter Stimme gedachte er des hartnäckigen Widerstandes, den der nun Verstorbene trotz seiner angegriffenen Ge­sundheit der ihni wiederholt "angebotenen Pensionierung entgegen gesetzt hatte, und der bewunderungswürdigen Ord­nung, in der sich die von ihm verwalteten Kassen sowohl während seiner Amtsthätigkeit, wie bei der Uebergabe an seinen Nachfolger befunden hätten.

Mf den Arm des Geistlichen gestützt, hörte Margarethe diese Lobrede an. Aber sie hielt das Taschentuch vor den Augen, und niemand vermochte deshalb den Eindruck .zu beobachten, den die schönen und ehrenden Worte aus sie machten. Als dann der Prediger die sterblichen Ueb-er- reste des Entschlafenen eingesegnet hatte, und der Sarg von den Totengräbern hinabgelassen worden war, warf sie zuerst die üblichen drei Handvoll Erde hinab in das stille Haus, darinnen ihr unglücklicher Vater nun aus­ruhen sollte von all den Aengsten und Leiden, mit denen er seine schweren Verfehlungen so hart gebüßt hatte. Hier und da bemerkte man es mit einiger Mißbilligung, daß ihre Augen thränenleer waren, und daß kein klagender Ausruf über ihre Lippen kam, wie er doch in diesem Augenblick nur natürlich, und beinahe selbstverständlich gewesen wäre; diejenigen aber, die ihr zunächst standen, lasen in ihren Zügen den Ausdruck einer müden, hoffnungs­losen Traurigkeit, die um vieles ergreifender war, als es der lauteste Jammer der Verzweiflung hätte sein können.

Wieder hatte der Geistliche Margarethe seinen Arm gereicht, "um sie zu dem vor der Friedhofspforte harren­den Wagen zu führen. Auf halbem Wege aber näherte sich ihr ein hochgewachsener junger Mann, der sich während der Trauerzeremonie bescheiden hinter den anderen zurück­gehalten hatte. Es war der Assessor Herbert Ignatius, und er hegte offenbar den Wunsch, ihr ein Wort des Mit­gefühls oder des Trostes zu sagen. Aber er kam nicht dazu, es auszusprechen; denn Margarethe hatte die Augen zu seinem Gesicht erhoben, und er hatte die stumme Bitte verstanden, die aus ihrem Blick zu ihm sprach. Wie sie ihm keine Antwort gegeben hatte auf den aufklärenden und um Verzeihung flehenden Brief, den er ihr gleich nach seiner Freilassung geschrieben, so wünschte sie offen­bar auch jetzt alles vermieden zu sehen, das sich als eine Wiederannäherung zwischen ihnen hätte deuten lassen. Zugleich aber mit, seiner Abweisung las Herbert auch in ihrem Blick, daß sie ihm längst verziehen habe, und daß kein Groll gegen ihn in ihrem Herzen lebte. Er fühlte, daß er sich für jetzt damit begnügen müsse, und daß nur eine ferne Zukunft ihm vielleicht zurückgeben konnte, was er durch eigenes und fremdes Verschulden verloren.

Herbert's Vater hatte an dem Begräbnis des Ren­danten nicht teil nehmen können, weil sein Befinden es ihm verbot. Zwar hatte der Schlaganfall sich nicht wieder­holt, aber der Stadtrat war unter dem Eindruck der Nach­richt von Felieia's Geständnis, und ihrem freiwilligen Tode doch auf eine den Aerzten unerklärliche Weise zusammen­gebrochen. Und alle Versuche, ihm seine geistige und körperliche Frische zurückzugeben, hatten sich bisher als ein vergebliches Bemühen erwiesen. Zweimal nur hatte er in diesen vier Wachen noch zur Feder gegriffen das eine Mal, um seinem Vetter Georg Rubarth in Boston in einem langen Briefe Mitteilung von dem Bor- gefallenen zu machen, und dann, um sein Abschiedsgesuch zu formulieren, dessen Begründung eine sofortige An­nahme selbstverständlich erscheinen ließ. Dann war er in einen Zustand beinahe völliger Teilnahmlosigkeit verfallen, der in Verbindung mit einer stetig zunehmenden körperlichen Hin­fälligkeit feiner Umgebung wohl die ernstesten Besorgnisse einflößen mußte. Einzig das Geplauder seines Töchter­chens vermochte ihm noch hier und da eine gewisse Teilnahme abzugewimieii, und Hilde mußte ihn denn auch fast beständig Gesellschaft leisten, eine kindliche Liebespflicht, der sie sich mit immer gleicher Bereitwilligkeit und Herz­lichkeit unterzog.

Zwischen Vater und Sohn dagegen hatte in dieser 8eit fast gar kein Verkehr mehr stattgefunden, abgeseheni von einer einzigen langen Unterredung unter vier Augen, deren Inhalt das unverbrüchliche Geheimnis des Käm­merers und des Assessors geblieben war. Vielleicht stand es im Zusammenhang mit den bei dieser Unterredung zur Sprache gekommenen Dingen, daß auch; Herbert an den Vater Felicias geschrieben, und gleichzeitig seine Ent-

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lassimg aus dem Justizdieust beantragt hatte, da er ent­schlossen sei, den Berns eines Rechtsanwalts zu ergreifen.

Hilde war einigermaßen bestürzt gewesen, als sie erfuhr, daß sie mit den Eltern und dem Bruder demnächst nach dem ziemlich weit entfernten B. übersstdelu solle, wo Herbert seine Praxis auszuüben gedachte. Aber sie hatte sich dann doch sehr rasch mit dem Gedanken ab- gefunben, um so mehr, als nach den aufregenden Er­eignissen, die den Kämmerer Ignatius und sein Hans wochenlang zum Gegenstand des Stadtgespräches gemacht hatten, das Leben in M. für sie vorläufig doch nur eine fortlaufende Kette von peinlichen Eindrücken, und marternden Demütigungen hätte bilden können. Den Doktor Hermann Müller hatte sie nach feiner überraschend schnell erfolgten Genesung wohl noch zweimal wieder- gesehen, doch immer in Gegenwart anderer Personen, und ohne daß dabei ihrer letzten Unterredung auch, nur mit einem Worte Erwähnung geschehen wäre. Es bedurfte dessen ihrer Meinung nach ja auch, nicht; denn es war ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß zwischen dem Doktor und ihrem Bruder eine volle Aussprache und Verständigung erfolgt fein mußte. Der Verkehr der beiden Männer, in bereit Leben bas nämliche Weib so verhängnis­voll eingegriffen hatte, gewann nämlich mehr und mehr den Charakter, einer herzlichen Freundschaft, die um so dauerhafter zu werden versprach, je bedrohlicher die Ver­wirrungen und Mißverständnisse gewesen waren, ans denen, sie sich entwickelt hatte.

Die durch seine Verwundung unterbrochenen Vor- arbeiten für die demnächstige Eröffnung der neuen Heil­stätte nahmen die kaum wiedergewonnen Kräfte des jungen Arztes gewaltig in Anspruch. Und vielleicht auch suchte er durch eine rastlose Thätigkeit schneller des schmerzlichen Eindruckes Herr zu werden, den Felieia's Tod auf ihn ge­macht hatte, obwohl der flüchtige Rausch, der ihn einst an sie gefesselt hatte, ja bis auf die letzte Regung ver­flogen war, und ein wehmütiges Erinnern längst die völlig erstorbene Liebe ersetzt hatte.

Mitten in der emsigen Arbeit befand er sich auch!, als ihm am Tage nach der Beerdigung des Rendanten Lindemann der Besuch einer jungen Dame gemeldet wurde.» In die Farbe tiefer Trauer gekleidet, trat Margarethe in fein Gemach, und er war nicht wenig erstaunt, auf seine höfliche Frage nach dem Zweck ihres Besucbes zu vernehmen, daß sie eine Stelle als Krankenpflegerin an der neuen Heilanstalt zu erhalten wünsche.' Anfänglich War schien er wenig geneigt, ihrem Ersuchen zu will­fahren; die Mitteilungen aber, die sie ihm machte, mußten doch Wohl danach angethan gewesen sein, seine Bedenken zu besiegen; denn als die Tochter des Rendanten ihn verließ, war sie der Erfüllung ihrer Bitte gewiß.

Wie lange auch das geheimnisvolle Verbrechen, und das tragische Ende der schön« Felicia Rstbarth das Tages­gespräch in M. beherrscht haben mochte, schließlich wurde doch auch, dieser Vorfall über Neuerem und Interessanterem vergessen, und er trat mir noch einmal auf kurze Zeit in den Vordergrund des öffentlichen Interesses, als man hörte, daß Herr Georg Rubarth in Boston zum Gedächtnis seiner so früh dahingeschiedenen Tochter, und in Erfüllung eines ihm von derselben kuudgegebenen letzten Willens dem von Doktor Hermann Müller geleiteten Kraukenhause eine Schenkung von zweimalhunderttausend Mark gemacht habe, über deren Zinsen allein der dirigierende Arzt nach seinem freien Ermessen zu verfügen' haben sollte. Wenn mau schon vorher allgemein geneigt gewesen war, Felieia's Verschulden sehr milde zu beurteilen, so über­wog nach dem Bekanntwerden dieser Neuigkeit vollends! das Mitleid mit ihrem traurigen Geschick die Entrüstung über ihre That, und es war schon jetzt ganz sicher, daß die Stiftung, die ihren Namen trug, mit der Zeit auch den letzten Schatten tilgen würde, der jetzt noch; an ihrem Andenken haftete.

Das nimmer ruhende Rad der Zeit, das sich durch Menschenlust so wenig in seinem Laufe aufhalten läßt als durch Menschenleid, es war weiter dahingerollt durch Wochen und Monde. Seit langem schon sprach; niemand mehr von dem ehemaligen Kämmerer Ignatius, der vor nahezu sechszehn Monaten aus seinem Amte geschieden war, und von seiner Familie. Eines Tages aber taS man in den Morgenblättern zu M. mit nicht geringen Verwunderung, die Anzeige von der Verlobung des Doktor