Ausgabe 
25.12.1901
 
Einzelbild herunterladen

742

nicht, sie hegt das Gefühl der Unzufriedenheit und kommt sich int Besitz des reichsten Glückes beklagenswert vor. Wie oft hat sie ihres Gatten Bemühen, den Weihnachts­abend zu einem frohen ihr zu gestalten, mit müder Abwehr gelohnt und aufs neue es wiederholt, daß nur strahlende Kinderaugeu, jubelndes Kinderlachen das Fest zum Feste mache.

Er hatte gezürnt, daß seine unerschütterliche Liebe kein Ersatz sei, und sie auf andere gewiesen, die freund- und freudlos ihren Lebensweg gehen.

Und wie recht hat er gehabt! Jetzt erst, seit seine Augen sich für ewig geschlossen, weiß sie, wie reich sie gewesen ist, und zu dem Bangen und Sehnen nach ihm, kommt die Reue darüber, das, was sie besaß, nicht genug geschätzt und ihn, den Teuren, nicht wahrhaft beglückt zu haben.

Sie hat sich ganz diesen traurigen Rückblicken hinge­geben. Schon wiederholt hielt der Zug, ohne daß ihre Augen den strahlenden Tannenbaum suchten, der ihr das Sinnbild von Familienglück ist. Da dringt an einer Halte­stelle aus der geöffneten Thür eines Nebenabteils das klägliche Weinen eines Kindes, und die beschwichtigenden Stimmen eines Mannes und einer Frau au ihr Ohr, und aus ihrem Brüten auffahrend, erinnert sie sich, daß schon wiederholt int Verlaufe dieser Fahrt sie diese klagende Kinderstimme vernommen hat.

Diese Töne lassen das eigene Leid in den Hintergrund treten. Sie erhebt sich schnell, öffnet das Fenster, und wie sie sich lauschend hinausbeugt, tritt von dort aus der Schaffner an sie heran, um ihr Auskunft zu geben.

Es scheint da ein Kind erkrankt zu fein??" fragt sie teilnehmend.

O nein, krank ist die Kleine nicht", wird ihfr zur Antwort.Das arme Ting ist allein auf die Reise geschickt und weint allemal den Fortgehenden nach, toenit ein Wechsel im Abteil eintritt. Nun, und heute abend das sind doch meistens nur ganz kleine Strecken, die die Reisenden zurücklegen,"

Ein kleines Kind allein unterwegs? Wie geht das zu?" fragt Frau Ilse erstaunt.

Es ist elternlos", berichtet er.Vater und Mutter starben vor wenigen Monaten, und da keine Angehörigen vorhanden Jtmren, ist es immer von einem zum anderen her um gestoßen. Jetzt schickt man es zu einem Verwandten ihres Vaters, einem Schullehrer, den man ermittelt hat. Er hat selbst fünf Kinder; allzu freudig wird es also wohl nicht empfangen werden. Ich habe versprochen, auf. das Kleine zu achten und es ist meine Strecke zu Ende meinem Nachfolger zu übergeben. Nun habe ich aber niemand dort im Abteil, dem--Vielleicht möchte die gnädige

Frau erlauben. . . ."

Er bemerkte ihren erstaunten Blick.

Verzeihen Sie", stottert er verwirrt,ich meinte nur, weil die gnädige Frau auch bis Köln fahren."

Nun hatte sie begriffen.

Schnell", sagt sie hastig,schnell reichen Sie es mir. Der Zug geht sonst fort"

Aber der Schaffner findet noch die Zeit, das Kindchen, trotz des sich eben in Bewegung setzenden Zuges, aus dem Abteil zu nehmen und es in jenes hinein zu schieben, in dem die junge Frau sitzt.

So stand ein vielleicht dreijähriges, zierliches, kleines Mädchen plötzlich vor ihr, sah sie aus große«, blauen Augen ängstlich an und legte mit einem leisen Aufschluchzen das zarte Dttitz in die Polster des gegenüberstehenden Sessels, als wo -Ja es sich vor der Unbekannten verbergen. Eine wärmende Kapuze war ihm dabei in den Nacken gefallen, und eine Fülle seidiger, brauner Locken quoll hervor und umgab das feine Köpfchen.

Tie junge Frau sah mit Entzücken aus ihre kleine Reise­gefährtin und vergaß über dem lieblichen Anblick das eigene Leid. Aber der Versuch, sie sich heran zu ziehen, miß­glückte. Jede noch so leise Liebkosung erhöhte die Scheu der Kleinen und ließ sie sich« immer weiter zurück ziehen. Auch alle Schmeichelnamen nutzten nichts, und schon empfand Frau Ilse dieses Sichversagen wie eine Kränkung, als sie sich eines Mittels, Kinderherzen zu erobern, erinnerte. Man hatte ihr doch eine Schachtel Zuckersächen als Erfrischung Mit auf die Reise gegeben, die mußte in der Handtasche fein. Sie sucht und sucht, und freut sich des Gefundenen.

Die Kleine äugt erst zweifelnd von der Seite, als sie ihr die Chokolade hinhält, dann langt sie zögernd zu, und

ihre Aengstlichkeit weicht von Minute zu Minute. Jetzt sieht sie sch-oit dankbar die freundliche Geberin an, schmatzt voll Wohlgefallen und sichert sich ein neues Stückchen, wenn das Mäulchen noch mit dem ersten Befc^iäftigt ist.

Ihre Beschützerin ist ganz versunken im Schauen. Wie vorsichtig und zierlich, trotz allen Eifers, schmaust das Kindchen! Aber wie sie es recht dabei beobachtet, kommt ihr ein Gedanke, der sie wirklich erschreckt« Vielleicht ist die Kleine hungrig?

Tie Handtasche wird wieder herangezogen, durchsucht, und nun liegt ein appetitliches Schinken-Brödchen in er­reichbarer Nähe des Kindes. Die Bonbons fallen aus den Händchen, begierig laugen diese nach dem Brot, und hastig, mit allen Zeichen gesunden Hungers, beginnt sie zu essen.

Der Anblick wirkt auf die junge Frau ganz aufregend. Hat denn niemand daran gedacht, für das kleine Wesen das Notwendigste zu besorgen? Hunger und Durst hat es! leideu müssen Durst? Welches Glück; der Zug bremst, sie haben eine Haltestelle erreicht, und ihre Stimme ruft den Schaffner herbei, der ihr die von ihr stürmisch ver­langte Milch verschafft.

Klein-Ilse sie erfährt durch ihn diesen Namen der Kleinen mit einer gewissen Befriedigung, hat derweil das Brötchen verzehrt und jauchzt der Milch entgegen. Sie läßt sich sogleich auf die Kniee heben und hält mit ihren rundlichen Patschchen das Glas so fest, sie trinkt so hastig daran, daß sie dadurch am besten beweist, welchen Mangel sie gelitten.

Und ihre Pflegerin fühlt bei diesem Anblick ein immer tieferes Erbarmen. Sie kennt nur Kinder, die von lleber- fluß umgeben find, nur solche, die von Elternliebe sorgsam bewacht und behütet erwachsen, und diese arme Kleine, der das Schicksal in so zartem Alter die treusten Beschützer nahm, wird heute, an diesem größten Freudenfeste aller Kinder, einsam hinausgestoßen in die liebeleere Fremde,, und während andere glücklichere Kinder um den Lichterbaurn jubeln, leidet dieses süße Geschöpfchen Hunger und Durst,

Frau Ilses Thränen tropfen auf das Haupt des Kindes, das, nun gefättigtr schlafend an ihrer Brust ruht. Zum ersten Mal gelten diese Zähren nicht dem eigenen Leid, und die erwachende Menschenliebe wächst gleich kräftig empor und erfüllt ihr ganzes Herz. Wenn das Klein-Ilses Mutter wüßte, welche bittere Entbehrung ihr Liebling am Weih­nachtsabend erduldete,--und wenn ihr Heinz, ihr ge­

liebter Heinz sie jetzt so sähe mit diesem Lockenköpfchen an ihrem Herzen! . . .

Sie beugt sich dem Fenster zu und blickt zum stern- gläuzenden Nachthimmel auf, die Brust geschwellt von einem unnennbaren Gefühl.

Mama flüstert in diesem Augenblick das schlafende Kind; es hebt feine Aermchen und legt sie zärtlich um den Hals der Weinenden, die mit Herzklopfen die Liebkosung hinnimmt.

Wenn die droben uns schlauen könnten, uns zu­sammen führten? Was zweifle ich noch! Es ist eine Weihnachtsgabe von drüben an uns beide: dem ver­waisten Kinde eine Mutter; der einsamen Frau, ihres Herzens Sehnsucht, ein Kind."

(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Schluß.)

Kaum vier Wochen, nachdem Felicia Rubarth's irdische Hülle in der Jgnatius'schen Familiengruft zur ewigen Ruhe bestattet war, trug man aus dem nämlichen Friedhof den Rendanten Fritz Lindemann zu Grabe. Die Zahl der Leidtragenden, die ihn auf seinem letzten Gange geleiteten, war nicht groß; aber es befanden sich darunter einige mit ihren goldenen Amtsketten geschmückte Vertreter der städtischen Behörden, und einer von ihnen widmete dem Dahingeschiedenen schwungvolle Worte der Anerkennung für die treuen und redlichen Dienste, die er ein Menschen-i alter hindurch dem Gemeinwesen geleistet hatte. Er rühmte ihn als ein leuchtendes Vorbild unermüdlicher, aufopfernd der Pflichterfüllung, als ein Muster strenger Gewissen­haftigkeit und unbestechlicher Rechtschaffenheit. Mit be-