Ausgabe 
25.12.1901
 
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Mittwoch dm 25. Dezember.

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1901. Nr. 186.

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Weihnachten 1901.

(Nachdruck Verboten.) ^^^^Wcber die schlummernden Auren weh'n

Jubelnde Glockenklänge . . .

Stern der Verheißung, nun laß dich seh'» In der funkelnden Menge!

|1| o. Sinke hernieder, o heilige Nacht, Jlß. 7 Laß cs vor Thüren und Thoren

Meder mit inniger Glaubens Macht

G-q)P Kündigen: Thrist ist geboren! . , «

Tanne, mit deinem tröstlichen Grün, Strahle im Schmucke der Kerzen!

Ob um dich her auch nicht Blumen blüh'», Blühen und glühen die Kerzen!

Kennst du ein liebres Vergißmeinnicht, Sahst du je Rosen dir holder zu Füßen, Als sie aus leuchtendem Kindergesicht Dich nun, waldduftiges Bäumlein, grüßen? . ..

Alten umfloren die Augen sich leis, In dein Gezweigs lugend . . .

Ach, aus dem würzigen Nadelreis Blickt die verschollene Jugend! Störrische Herzen selbst werden weich In deinem strahlenden Schimmer; Näher kommt uns das Himmelreich Als in der Christnacht wohl nimmer! . . .

Spürest du, daß es die Liebe war, Die einst den Retter gesendet?

Liebe, die werbend sich Jahr um Jahr Mieder zur Erde wendet?

Liebe,, die deine Hand auch faßt, Mit ihr im Einvernehmen

Sinnig zu lindern manch' drückende Last, Kummer und heimliches Grämen? . . .

Neber die schlummernden Fluren weh'n Jubelnde Glockenklänge!

Kinderaug' hat den Stern geseh'n In der funkelnden Menge . . .

Gottes Auge sieht weiter und mehr, Wie auch die Pracht rings dunkelt: Ob dir im Herzen, sternklar und hehr, Himmlische Liebe funkelt! . . .

Alwin Römer.

Eine Weihnachtsgabe.

Skizze von Philipp W e n g e r h o f f.

(Nachdruck verboten.)

Leicht und leise, fast wie in der Luft spielend, schweben kleine zarte Flöckchen hernieder, glitzern im Fallen und ' glitzern weiter auf befr festgefrorenen Erde, der sie all­mähliche und sacht das silbergestickte Festkleid weben. Die erste Sichel des Mondes steht am Himmel, und neben ihr : unzählige flimmernde Sterne. Ein wunderbar erhebender ! Anblick, der die vielen Augen, die heute nach oben schauen, i entzückt, und durch sie in den Menschenherzen jenen Festes­glanz entzündet, der sie empor zieht über Alltagssorgen und Alltagsmühen.

Tiefer Friede liegt auf der weiten Flur. Man fühlt den Odern Gottes an der Schwelle jener Stunden, da die Christnacht sich herniedersenkt.

. Wie ein Mißton klingt in diese Stille das Rattern, Brausen und Rollen des Eilzuges hinein, der wie ein nächtliches Ungetüm die Ruhe der Landschaft unterbricht.

Rastlos jagt er dahin. Der schrille Pfiff kündigt sein Nahen an, erweckt ein flüchtiges Leben auf den Stationen/ an denen er vorübereilt, und läßt dieses wieder in Nacht versinken, sobald er seinen Lauf tion neuem ausgenommen.

Allemal in solchen kurzen Ruhepausen neigt sich ein blasses Antlitz dem Fenster eines Abteils erster Klasse näher, allemal sehen müde, traurige Augen nach dem Lichtschein, der aus den Wohnungen der Bahnbeamten nach außen fällt, und allemal wendet es sich, wie gequält durch den Anblick von Weihnachtsfreude, ab, um an einem neuen Halteplatz aufs neue suchend die Blicke nach dem Lichterbaum aus­zusenden.

Es ist eine traurige Fahrt für die zarte, noch jugend­liche Frau an diesem Weihnachtsabend. Sie hat geglaubt, der Einsamkeit §it entfliehen, da sie ihr leergewordeneJ Haus heute verließ, um eine schnell geplante Reise nach! dem Süden anzutreten, und in dem unbesetzten Abteil legt diese sich bleiern auf sie und läßt für nichts Raum als für die Schatten ihrer Vergangenheit. Wenn sie dieser wenigstens ohne Reue gedenken könnte! Wenn sie sich freuen könnte in der Erinnerung an das Glück, das sie besessen! Aber war sie denn glücklich gewesen? Hatte ein frohes Gefühl in ihr dem Schicksal für das Gute, das ihr ge­worden, je gedankt?

Sie seufzt, wenn sie sich diese Frage vorlegt. Diej aufopfernde Liebe ihres Mannes, die bis zu seinem Tode sich stets gleich blieb, die glänzenden äußeren Berhält- nisse, in denen sie lebten, hatten diese sie je befriedigt?

Die vom Geschick nach jeder Richtung verwöhnte und von ihrer Umgebung aufs zärtlichste verhätschelte Frau lehnt sich dagegen auf, einen Wunsch unerfüllt zu sehen. Sie meint, da Kindesliebe ihrem Leben fehlt, sich arm und bemitleidenswert fühlen zu müssen. Sie bekämpft