Ausgabe 
25.8.1901
 
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Person, die Sie gewissenlos in Ihr Verderben mit hinein­gezogen haben, und in ihrem eigenen Interesse. Dadurch, Laß Sie sich mit einem freiwilligen Geständnis an die Behörde wenden, ehe eine Anzeige von anderer Seite er­folgt ist, können Sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei Ihrer späteren Verurteilung die Wohlthat mildernder Umstände erwirken. Ob Sie davon Gebrauch machen wollen oder nicht, steht bei Ihnen. Aber Ihre Entscheidung muß auf der Stelle erfolgen. Ich kann Ihnen nicht mehr als ein paar Minuten Bedenkzeit dafür geben."

(Fortsetzung folgt.)

Suggestion «nd Hypnose.

Studie von Dr. H. Balder-

(Nachdruck verboten.)

In einemModernes Kurpfuschertum" betitelten Artikel schreibt Tr. med. Katz, daß in unseren Tageneine aus­gesprochene Neigung für dunkle, mystische, abnorme Ideen" herrsche.Eine Zeit, in der Theorien, wie die des Spiri­tismus und Magnetismus Verbreitung finden, wo Karten­legerinnen und! Wahrsagerinnen ihr gutes Auskommen finden, ist auch geeignet, Kurpfuscher und Wundermänner hervorzubringen." Daraus möchte ich antworten: so war es wohl immer. Der Hang nach dem Geheimnisvollen,, dem Uebernatürlichen, der mystische Zug, wurzelt tief im Menschengemüt.Ja, Horativ, es gießt noch viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schul­weisheit nichts träumen läßt."

DiesenDingen zwischen Himmel und Erde" ist wohl auch noch, der Hypnotismus zuzuzählen. Hypnotische Schau­stellungen finden ein großes Publikum, und in solcheu Vorgängen sehen viele Menschen noch ein Wunder.

Wunderglauben und Glaubenswunder: das ist der Vor­wurf von BjörnfonsUeber unsere Kraft" (1. Teil). Pastor Sang, ein Mann felsenfesten Glaubens, thut Wunder und heilt durch sein Gebet. Nur seine Frau, die seit Jahren gelähmt ist, konnte er bisher nicht heilen. Mit seinen Kindern will er nun eine Gebetskette bilden, in der Hoff­nung, sein Glaube mit dem der Kinder werde so stark sein, Laß er die Gattin und Mutter zu heilen vermag. Aber die Kinder teilen nicht den starken Glauben des Vaters. Dck will er denn durch seinen Glauben allein das Wunder vollbringen. Und während er in der Kirche stundenlang allein singt und betet, und rings um die Kirche Hunderte von Menschen still, totenstill stehen, um ihn nicht zu stören, tagt im Pfärrhause eine Pastorenkonferenz, unterh!alten sich die geistlichen Herren darüber, wie sie sich zu diesen Wunderheilungen .stellen sollen. Einer von diesen Ehr­würdigen Jensen, der beim Kommen anEssens- Halluzinationen" (frischgebratene Feldhühner" will er ge­rochen haben) litt, urteilt in köstlicher Weise so über das Wunder:Jedes einzelne Mirakel muß untersucht werden; doch gehört dazu eiu technisches Gutachten, und möglicher­weise" auch ein Zeugenprotokoll, ausgenommen von einem kompetenten Juristen. Erst unter dieser Voraussetzung können die Geistlichen mit Sicherheit ihr geistliches Gutachsin ^ab geben." r Nach diesem Rezept wollen wir denn hier mit dem Hypnotismus verfahren.

Zunächst ein vollbeglaubigtes Zeugenpriotokoll, das zu­gleich ein medizinisches Gutachten ist.

In derDeutschen Militärärztlichen Zeitschrift" (März 1900) beschreibt Marine-Assistenzarzt Dr. Karl Schlick einen interessanten Fall von Heilung durch Hypnose. Es handelte sich um einen der II. Werft-Division angehörigen Heizer, der angeblich nach Erkältung beiReinschiff" über heftige Schmerzen im Kreuz und namentlich im ganzen linken Bein, das er nicht beugen und strecken konnte, klagte. Vier und einen halben Monat lag er im Lazarett, dann wurde er nach Wiesbaden geschickt. Auch dort besserte sich sein Zu­stand nicht. Danach wurde er Dr. Schlick überwiesen- In der Hypnose strich der Marinearzt mit seinen Händen über die schmerzhaften Stellen mit der Versicherung, daß! der Schmerz nun verschwunden sei, vollführte Passive Beweg­ungen im linken Fuß--, Knie- und Hüftgelenk, befahl hierauf dem Patienten, das Bein selbstthätig zu bewegen unter ein­dringlichen Suggestionen, daß er das linke Bein fortan ganz

so wie das gesunde rechte werde gebrauchen können; und nach der sechsten Sitzung verließ der Heizer zum ersten Male nach vielen Monaten ohne Stock aufrechten Ganges vas Zimmer des Arztes. Nach einigen Tagen konnte er als ge­heilt entlassen werden.

In seiner praktischen Anwendung setzt sich der Hypno­tismus demnach aus zwei Faktoren zusammen:

1. aus dem eigentlichen wirksamen Agens, mittels dessen wir die einzelnen Krankheitserscheinungen bekämpfen, und

2. aus dem Mittel, dessen wir uns bedienen, um diese Heilsuggestionen wirksamer und nachhaltiger zu ge­stalten, aus dem hypnotischen Schlafe.

Der Suggesfion sind die meisten Menschen zugänglich. Selbst der, so sich von seinem Thun und Lassen strenge Rechenschaft giebt, steht bis zu einem gewissen Grade unter suggestiver Einwirkung.

Beeinflussen uns nicht alle rein äußerlichen, zeremoniellen Dinge? Suggeriert die Amtstracht des Priesters und Rich­ters, ein Ueberkommnis aus längst vergangenen Zeiten, nicht noch heutzutage dem Laien den Einfluß dieses und jenes Standes? Was wäre der Papst, so er im Zylinder und in Glaceehandschuhen und im Frack auf der öffent­lichen Promenade sich zeigte? Müssen wir uns da nicht fragen: Wo steckt denn eigentlich die Wurde und Weihe des Amtes? In der Hülle oder im Kern, in der Person selbst?

Das bekanntezweifarbige Tuch" zieht noch immer das schöne Geschlecht an. Fürstliches Gepränge und feier­liche Prozessionen überreden die Massen eindringlicher als Vernunftgründe.

Die Pose, die Geste, der Tonfall eines Schauspielers vermag uns augenblicklich in die gewünschte Gemütsver­fassung zu versetzen, um uns ebenso schnell ganz um­zustimmen.

So selbstherrlich die Frau in ihrem Hause schaltet und waltet, so steht sie doch unter dem Banne einer grimmigen Tyrannei, der Mode. Dafür spricht die Thatsache, daß Trachten, die den symmetrischen Körper verunstalten, selbst intelligente Frauen nicht abhalten, mitzuthun und nach­zuahmen, Tas ist der starke Einfluß den immer wieder Gesehenes auf unseren Geschmack, aus unser ästhetisches Urteil ausübt.

Auch unser geistiges Leben, unsere Gedanken und Vor­stellungen vollziehen sich unter bestimmten Formen, die uns die Erziehung, der persönliche und schriftliche Ver­kehr, das Milieu überliefert haben.

Goethe sagt:Die Vertreter der alten Ideen sind die größten Feinde der neuen." Die suggesfive Macht der alten Anschauungen muß eben erst durchbrochen werden, um den neuen Eingang zu verschaffen. Dieser Bruch erfolgt nicht aus der besseren Erkenntnis, sondern vollzieht sich all­mählich und zwar wieder durch das Element der Suggestion. Jeder neue Gedanke findet Apostel. Diese bekämpfen mit Gegensuggestionen die alten Ideen. Aeußere und innere Umstände fördern oder hindern das Fortschreiten neuer Gedanken. Wie das ewige Meer, so hat auch die Sug­gestion ihre Ebbe und Flut.

Zuzeiten werden ganze Völker von Empfindungen und Vorstellungen hingerissen. Ich erinnere an die Kreuzzüge, an das Jahr 1848.

Auch unsere Tage sind reich an suggestiven Ström­ungen, die die Köpfe bannen und beherrschen. Einige Namen werden alles sagen: für die Litteratur ein Ibsen und Tolstoi, für die Kunst ein Böcklin, für die Musik ein Richard Wagner, für die Heilkunde ein Pasteur und Koch, für das soziale Leben ein Marx und Henry George.

Die Suggestion können wir ansprechen als die Er­weckung einer Vorstellung durch eine andere.

Nervöse Personen empfinden vielleicht schon beim An­blick eines Mückenschwarmes ein Kribbeln in der Haut. Hier weckt also ein Sinneseindruck ein Gefühl. Gefühle hinwieder können Vorstellungen Hervorrufen. Ein angsterfülltes Kind sieht im Dunkeln Dinge und Gestalten, die gar nicht vor­handen sind.

Die Vorstellungen treten von außen in das Gehirn (Fremdsuggestionen) oder sie entstehen tut Gehirn selbst (Autosuggestionen). Vom Gehirn aus werden sie dann in Sinnesempfindungen, bezw. Körperfunktionen umgesetzt.