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Lillis Lebensglück und ihr guter Name zum Opfer gebracht wurden.
Unb in dieser ersten Stunde wollte es Rudolf schernen, als sei der Preis kaum geringer denn der Gewinn. Er zermarterte sein Gehirn, um den rettenden Ausweg zu finden, der es ermöglicht hätte, Lilli zu schonen, und im tiefsten Herzen fühlte er sich beschämt, als ihm dabei die wehmütig-prophetischen Worte seines Vaters iu den Sinn kamen: „Möge Dich nie eine bittere Erfahrung darüber belehren, daß es doch noch Heiligeres giebt, als diese sogenannte Gerechtigkeit."
Wohl stimmte er ihm darin auch jetzt noch nicht zu. Denn die Gerechtigkeit tvar ihm noch immer das höchste — es gab nichts Heiligeres als sic. Aber er begriff, was der alte Mann, der auf der Welt nichts liebte, als ihn, in jener Trennungsstunde unter seiner Härte und seinem mitleidslosen Ehrlichkeitshochmut gelitten haben mußte. Und wenn nicht für seine Handlungen, so doch für seine unbarmherzigen Worte leistete er ihm in der Stille seines Herzens während dieser schweren Viertelstunden, ides Zweifels und der Versuchung demütig reuige Abbitte.
Dann aber überkam es ihn wie Entsetzen vor sich selbst, und wie zorniger Abscheu vor seinem unmännlichen Zaudern. Wohin war er denn geraten, daß er hier noch zloeifeln und überlegen konnte! Hätte er denn nicht vielmehr jauchzen und aufjubeln müssen, über die gnädige Fügung des Zufalls, die ihn nach monatelangem, ver- gemichem Bemühen jetzt ohne sein Zuthun wie durchs ein Wunder die Wahrheit hatte finden lassen! Wie oft hatte er nicht von dem Augenblick, da er Margaretens Freisprechung und ihre glänzende Rechtfertigung erwirkt haben würde, als von dem glücklichsten Augenblick seines Lebens geträumt! Wie selig hatte er nicht vor jenem verhängnisvollen zweiten Termin in dem Vorgefühl des köstlichen Genusses geschwelgt, den das sonnige Aufleuchten ihres vergrämten Gesichtchens, den ihr dankbares Lächeln ihm bereiten mußten!
Und nun, da er nach all den bitteren Enttäuschungen wirklich den Talisman in-.der Hand hielt, der seinen Traum zur Wirklichkeit machen konnte, nun regte sich nichts von Freude und Genugthuung in seinem Herzen!
Stand es so uni seine heilige Begeisterung für Wahrheit und Recht? Bedurfte es nur des verführerischen Lächelns roter Mädchenlippen, nur der süßen Lockung einer holden Gestalt, und des berückenden Spieles eines süßen Augenpaares, um die felsenfeste Rechtschaffenheit, auf die er so stolz gewesen war, zu erschüttern? Nein, nein, und tausendmal nein! Wenn dies wirklich Liebe war, was er für Lilli von Ranken fühlte, dieser Rausch der Sinne, der seine Gedanken verwirrte, und ihn seit drei Tagen zu einem thörichten Knaben gemacht hatte, so war es eine verderbliche Liebe, gegen die er sich mit der ganzen Kraft seines Mannesstolzes wehren mußte. Ja, er war ui diesem Augenblick fest entschlossen, sie mit allen Wurzeln aus seinem Herzen zu reißen, ehe vielleicht ihre schmeichelnde Sirenenstimme die Mahnungen seiner Ehre, und seines Gewissens zum Verstummen brachte.
Er setzte sich an den Tisch, und begann zu schreiben. Aber nach einer Weile riß er den für Doktor Volkmar bestimmt gewesenen Brief doch wieder in Stücke; denn er war, ohne seiner eigentlichen Absicht untreu zu werden, zu einem anderen Entschluß gekommen.
Er nahm einen zweiten Briefbogen, auf den er nur einige Zeilen warf, um ihn dann in einen mit der Adresse des Herrn von Ranken in der Villa Luise versehenen Umschlag zu legen. Lilli hatte ihm ja gesagt, daß ihr Vater heute ankommen werde, und es erschien ihm als das beste, wenn er den Menschen zwang, sich, bei der Staatsanwaltschaft in B. selbst des begangenen Verbrechens zu bezichtigen. Es war anzunehmen, daß man seine Thal alsdann milder ansehen würde, und es war gut, wenn es geschah; denn nicht um die Schwere seiner Bestrafung, sondern einzig um die Rechtfertigung Margaretens konnte es sich ja für Rudoli handeln.
Kurz und entschieden hatte er Ranten in dem Billot ersucht, am Morgen des nächsten Tages zu ihm ju kommen, und er zweifelte nicht, daß jener der Auf
forderung Folge leisten werde; denn eine Andeutung, die er unfehlbar verstehen mußte, hatte ihn zugleich über den Zweck der gewünschten Unterredung belehrt.
Es beunruhigte Rudolf denn ctud;. nicht, daß er keine Antwort auf sein Schreiben erhielt. Nach einer chlummerlosen Nacht war er schon in aller Frühe bereit, einen Besucher zu empfangen, und er sah sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht; denn bereits gegen acht Uhr meldete ihm das Zimmermädchen, es sein ein Herr da, der ihn zu sprechen verlange.
„Führen Sie ihn herauf", sagte er, „und sorgen Sie, bitte, dafür, daß wir während unserer Besprechung nicht gestört werden."
Gleich darauf erschien Rantens hagere Gestalt auf der Schwelle. Er war wieder nach der neuesten Mode gekleidet, und die martialisch emporgewirbelten Spitzen seines blonden Schnurrbartes gaben dem gelblichen, scharf markierten Gesicht ein sehr energisches Aussehen. Sein Gruß bestand nur in einem leichten Neigen des Kopfes.
„Mein Name ist von Ranten. — Sie haben mir da gestern einen sehr merkwürdigen, und zum größten Teil für mich ganz unverständlichen Brief geschrieben, worin Sie mich um eine Zusammenkunft hier in Ihrer Wohnung bitten. Vermutlich erkennen Sie schon jetzt, daß Sie sich dabei in der Person geirrt haben."
„Ein solcher Irrtum dürfte kaum vorliegen. Aber nehmen Sie gefälligst Platz. Sie sollen über das, was ich von Ihnen wünsche, sogleich Aufklärung erhalten."
„Darum möchte ich! allerdings nachdrücklich gebeten haben. Ich bin Ihrer Einladung selbstverständlich! nur aus einer gewissen Neugier gefolgt, und weil mein Morgenspaziergang mich ohnedies hier vorüberführt; denn im allgemeinen bin ich gewohnt, daß die Leute, die ein Anliegen an mich haben, sich zu mir bemühen."
Der Ton, den er da anschlug, war zu hochfahrend und zu wenig den Gepflogenheiten eine§; wohlerzogenen Mannes entsprechend, als daß Rudolf die Absicht, ihm zu imponieren, und ihn dadurch an seinem Argwohn irre zu machen^ nicht hätte durchschMen sollen. Und Ranten hatte überdies seine Nerven nicht ganz in der Gewalt. Wohl klang seine Stimme scharf und fest, aber die Hand, in der er den Hut hielt, zitterte merklich, und seine Augen irrten unstet umher. Ihr Blick war der scheue, flackernde Blick des bösen Gewissens. Konnte es doch auch nur die tötlicbe Angst gewesen sein, die ihn schon zu so früher Stunde hierher getrieben hatte, und wenn er sich trotzdem dem thörichten Glauben hingab, durch eine herausfordernde Haltung seine Lage zu verbessern, so erreichte er damit nichts anderes, als daß Rudolf Jmberg sich auch der letzten weichherzigen Rücksicht überhoben fühlte.
„Für mich gab es dazu keine Veranlassung", erwiderte er kalt. „Und Sie haben mir zu danken, daß ich. mich; überhaupt auf die Unterredung einließ. Mein Name ist Ihnen ja wohl bekannt, nicht wahr?"
„Im Gegenteil. Ich erinnere mich nicht, daß ich. je zuvor das Vergnügen gehabt hätte, ihn zu hören."
„So ist Ihr Gedächtnis sehr kurz; denn Sie sollten ihn wenigstens als den Namen des Pfandleihers kennen, zu dem Sic Ihre Tochter mit einem Brillant- schmuck schickten."
„Meine Tochter — zu einem Pfandleiher — rch? Herr, ich weiß nicht —"
„O bitte, keine Komödie! Es wäre verlorene Muhe. Sie müssen doch nachgerade sehen, daß ich alles weiß. Machen wir's also kurz. Da Sie es waren, der den Ihrer Schwägerin abhanden gekommenen Brillantschmetterling verpfänden ließ, so müssen Sie es wohl auch gewesen sein, der ihn entwendet hat. Ich habe dafür die überzeugendsten Beweise und bin im Begriff, der Staatsanwaltschaft von dieser meiner Entdeckung Kenntnis zu geben, damit unverzüglich, eine Untersuchung gegen Sie eingeleitet, und zugleich das Verfahren gegen die irrtümlich verurteilte junge Dame wieder ausgenommen wird. Einer Besprechung mit Ihnen hätte es dazu nicht bedurft; denn für mich ist es vollkommen gleichgiltig, ob Sie mir den Diebstahl zugeben oder nicht. Wenn ich! Sie hierher be- schieden habe, so geschah es lediglich aus Rücksicht auf eine


