Ausgabe 
25.8.1901
 
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(Nachdruck verboten.)

Der Schmetterling.

Novelle von Reinhold OrtHann.

(Fortsetzung.)

Von Lilli sah er nichts mehr, aber am Eingang des Dorfes rief ihn jemand beim Namen, und Doktor Stahlschmidt hielt ihn an der Rockklappe fest, weil er's ihm vom Gesicht lesen mochte, wie wenig er gestemmt war, ihm stand zu halten. .

Jetzt habe ich's heraus, wer )ie ist", flüsterte er ihm wichtig und geheimnisvoll zu.Und ich halte es für meine Pflicht, Dich zu warnen."

Mich zu warnen, vor wem?"

Vor der kleinen Wetterhexe mit den prachtvollen Augen, oder vielmehr vor ihrem Vater, denn dem Mädel selbst weiß man außer einem etwas zu freien Benehmen bisher nicht viel Schlimmes nnchzusagen. Aber der alte von Ranten scheint ein ganz gefährlicher Bursche zu sein ein notorischer Verschwender, der das große Vermögen seiner verstorbenen Frau langst durchgebracht hat, und sein Leben seitdem nach deni Rezept der Lilien auf dem Felde fristet. Man bezeichnete^ ihn mir als einen ,gewerbs­mäßigen Spieler und Jndustrieritter als einen von denen, die sich heute alle Taschen mit Hundertmarkscheinen vollstopfen, und morgen nicht wissen, wovon sie ihr Mittag­essen bezahlen sollen. Seit zwei Jahren ist er unermüdlich auf der Jagd nach einem reichen Schwiegersohn; denn er sieht das hübsche Gesicht seiner Tochter vermutlich; für ferne beste Trumpfkarte an. Ob Du unter solchen Umständen überhaupt Aussichten hättest, und ob es sich empfehlen würde, zu dem Herrn von Ranten in nähere verwandt­schaftliche Beziehungen zu treten, überlasse ich nach diesen durchaus zuverlässigen Mitteilungen Deinem eigenen Ermessen." ,

Es ist gut, Stahlschmidt", sagte Rudolf zerstreut. Ich danke Dir für die freundschaftliche Absicht. Aber ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich nicht länger aufhalten kann. Eine wichtige Angelegenheit, die keinen Aufschub duldet, ruft mich nach Hause."

Er ging, und die Vermieterin, deren Zimmer unter dem seinigen lag, und die bis dahin die Freude an dem

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Sonntag den 25. Anglist

1901. - Rr. 120 _

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ist kein Glück so rein, so tief, Daß nicht eine Thräne mit unterlief; Es ist so schwer, so bang kein Weh, Daß nicht eine Hoffnung drüber geh'!

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ruhigen und geräuschlosen Wesen des jungen Mannes gehabt hatte, 'wußte sich's durchaus nicht zu erklären, weshalb er heute wohl eine Stunde lang mit der Rast­losigkeit eines gefangenen Tigers da oben auf und nieder schritt.

Neuntes Kapitel.

Daß es ihm so schwer, so furchtbar schwer fallen könnte, sich zu einem Entschluß, und zu einer entscheidenden That aufzurafsen, obwohl das, was geschehen mußte, ihm auf das Bestimmteste vorgezeichnet war Rudolf hätte es nimmermehr für möglich gehalten. Der Zu­sammenhang der Dinge stand ja völlig klar vor seinen Augen da.

Er wußte jetzt, daß er den Namen des Herrn v. Ranten als den eines Schwagers der Frau Haller aus Anlaß des Prozesses gegen Margarete Willisen gelegentlich hatte nennen hören, und es konnte nach Lillis Mit­teilungen auch nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß er der Dieb des Brillantschmetterlinps gewesen war. Wie tief mußte dieser Spieler und Verschwender gesunken­sein, wie vollständig mußte eine schmachvolle Lebens­führung auch den letzten Rest von Ehre und Schamgefühl in ihm erstickt haben, wenn er sich seines ahnungslosen, unschuldigen Kindes hatte bedienen können, um das be­gonnene Verbrechen zu vollenden!

Und der Elende hatte es noch außerdem stillschweigend geschehen lassen, daß man eine andere statt seiner bestrafte, er hatte keinen Finger gerührt, um zu verhindern, daß um seines Verschuldens Willen ein junges Menschenleben für immer zerstört, und verdorben wurde. Wahrlich, einer so abgrundtiefen Nichtswürdigkeit gegenüber mußte jedes mitleidige Zögern zur schweren Sünde werden! Wenn ein anderer ihm die Frage vorgelegt hätte, was hier zu thun sei, so würde Rudolf ihm ohne Besinnen geantwortet haben, daß die Anzeige an die zuständige Staatsanwaltschaft und der Antrag auf die Einleitung des Wiederaufnahme­verfahrens in Sachen Willisen noch in dieser «stunde abgehen müßten.

Nun aber, da er keinem Antwort zu geben hatte als sich selbst, nun vermochte er trotz allen Kämpfens und Grübelns nicht mit sich ins reine zu kommen. Er konnte ja den Schlag gegen den Verbrecher nicht führen, ohne mit ihm zugleich audf sein unglückliches Kind zu treffen. Und selbst wenn die Richter später zu derselben Ueber- zeugung gelangten wie er, wenn sie kein sträfliches Ver­schulden an ihr entdeckten, sondern sie als das willenlose Werkzeug eines schurkischen Vaters von jeder Strafe ftei- sprachen die Folterqualen eines peinlichen Unter» fuchungsverfahrens, die Schande einer öffentlichen Bloß­stellung blieb ihr doch unter keinen Umständen -erspart. Tie Ehre der unschuldig verurteilten Margarete konnte nicht anders wieder hergestellt werden, als damit, daß