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den unbeschreiblichen Qualen Kenntnis nimmt, die dje Bewohner jener Gegenden nicht nur dann und wann, sondern jahraus, jahrein zu erdulden haben, so erscheint uns die Belästignng durch unsere heimischen Schnaken und Stechmücken so herzlich unbedeutend, daß wir uns fast schämen, ihr überhaupt irgendwelche Berechtigung zuzuerkennen. Wir unterliegen gewissermaßen einer moralischen, oder besser sympathischen Kur; unsere Reizbarkeit wird vermindert, unsere Energie geweckt und gestählt.
Gegen die Moskitos sind unsere Schnaken die reinen Waisenknaben. Durch die Lektüre unserer Reiseromane haben wir uns an die Erwähnung der Moskitoplage der-, art gewöhnt, daß wir das Erscheinen der tückischen Feinde mit aller Gelassenheit hinnehmen und sogar einen solchen Roman nicht als vollständig ansehen, wenn seine Helden nicht hin und wieder über Moskitostiche zu jammern wissen. Wir lesen darüber hinweg, ohne uns in die Seele, oder richtiger in die Haut der gefolterten Personen zu setzen; wären wir aber nur einmal einen Tag an ihrer Stelle, so würde unsere Kaltblütigkeit uns bald verlassen. Ä. von Humboldt und sein Freund und Begleiter, der Botaniker Bonpland, hatten während ihrer berühmten Reise in der Tag- und Nachtgleichgegend, vor allem während ihrer Fahrt auf den südamerikanischen Strömen, Gelegenheit, die Stiche aller Moskitos am eigenen Leibe zu studieren, und der große Forscher entwirft von den Qualen, welche er und seine Gefährten, sowie alle Bewohner jener Gebiete durch diese Bestien erduldeten, eine so lebendige Schilderung, daß eine kleine Blütenlese aus derselben uns die Lust, ihm nachzuahmen, wohl benehmen kann.
Zuzeiten war die Luft von Moskitoschwärmen so erfüllt, daß die Reisenden nicht sprechen oder das Gesicht nicht entblößen konnten, ohne Mund und Nase voll Insekten zu bekommen. Bei dem schrecklichen Hautreiz schien ihnen die Luft zu glühen. Tagsüber wurden sie von den Moskitos und den Jejen, kleinen giftigen Mücken, furchtbar geplagt, nachts von den Zancudos, einer großen Schnakenart, vor der sich selbst die Eingeborenen fürchten. Die Hände der Reisenden singen an zu schwellen, und die Geschwülste nahmen täglich zu. „So sehr man auch gewöhnt sein mag, den Schmerz ohne Klage zu ertragen, so lebhaft einem auch der ^Gegenstand, den inan ieben beobachtet, beschäftigen mag — unvermeidlich wird man immer wieder davon abgezogen, wenn Moskitos, Zancudos, Jejen und Tempraneros einem Hände ünd Gesicht bedecken, einem mit ihrem Säugrüssel, ber m einen Stachel ausläuft, durch die Kleider durchstechen, und in Nase und Mund kriechen, sodaß man husten und meßen muß, sobald man in freier Luft spricht." Die tiefen Luftschichten vom Boden bis zu 15—20 Fuß Höhe waren mit giftigen Insekten wie mit einem dichten Dunste bedeckt. Stellte man sich an einen dunklen Ort und blickte gegen die von der Sonne beleuchtete Oeffnung, so sah man ungeheure Wolken von Moskitos.
Der Wechsel der Tageszeiten brachte keine Erleichterung; denn die Reisenden machten die Bemerkung, daß sie zu verschiedenen Tageszeiten immer wieder von anderen gestochen wurden. So oft die Szene wechselte, und andere Sorten „auf Wache zogen", wie die dortigen Missionare sich ausdrückten, hatten sie ein Paar Minuten Ruhe. Von halb sieben Uhr morgens an behaupteten die Moskitos das Schlachtfeld, deren Stich einen kleinen, braunroten Punkt hinterläßt. Eine Stunde vor Sonnenuntergang wurden diese von estner kleinen Schnakenart, den Tempraneros, abgelöst, die etwa anderthalb Stunden blieben und zwischen 6 und 7 Uhr abends verschwanden. Ihnen folgten die Zancudos, eine Schnakenart mit sehr langen Füßen, deren Stiche die heftigsten Schmerzen verursachen, während die dadurch verursachten Geschwülste mehrere Wochen anhielten. Die Zancudos blieben bis Sonnenaufgang, worauf sie von den Moskitos wieder abgelöst wurden. Humboldt meint mit beißendem Galgenhumor, man hätte beinahe am Sumsen der Insekten und an den je nach der Art des Giftes wieder anders schmerzenden Stichen Tag und Nacht mit verbundenen Augen die Zeit erraten können. „Wenn man monatelang", äußert er des weiteren, „Tag und Nacht von den Insekten gepeinigt wird, so erzeugt der beständige Hautreiz fieberhafte Aufregung und schwächt die Verrichtung des Magens. Man fängt an, schwer zu verdauen, die
Entzündung der Haut veranlaßt ausbrechende Schweiße, den Durst kann man nicht löschen, und auf die beständig zunehmende Unruhe folgt bei Personen schwachen Körperbaues eine geistige Niedergeschlagenheit, in der alle leid- erregenden Ursachen sehr heftig einwirken." Dabei durften sich die Reisenden nicht einmal die Erfrischung eines kühlenden Bades nach Belieben gönnen; denn, wenn ein Bad auch den Schmerz der alten Stiche linderte, machte es doch für neue Stiche weit empfindlicher.
Natürlich finb die Einwohner dieser Gebiete wahre Märtyrer, und auch die Missionare, die vfl ähre oder Jahrzehnte unter ihnen aushalten müssen, scheu entsetzliche Leiden aus. In Mandavaca trafen die Reisenden einen alten Missionar, welcher mit jammervoller Miene äußerte, er habe seine 20 Moskitojahve auf dem Rücken. Er forderte sie auf, seine Beine zu betrachten; diese waren dergestalt gefleckt, daß man vor Flecken geronnenen Blutes kaum die weiße Haut sah. In den drei Missionen San Borga, Esmeralda und Atures gab es nach dem „Ausdruck der Mönche" mehr Mücken als Luft, und die Reisenden fürchten nicht die wilden Indianer und Jaguare, sondern die gierigen Kerfe. Man schickte die Missionare zur Strafe in die berüchtigsten Moskitoplätze, „er ist zu so und so viel Jahren Moskitos verurteilt", sagte man, wie man bei uns von so und so viel Jahren Gefängnis oder Zuchthaus spricht. Wie nicht anders zu erwarten, bildet die Moskitoplage in solchen Gegenden das Hauptthema. Begegnet man sich des Morgens, so lautet die erste Frage: „Wie haben sich die Moskitos heute nacht aufgeführt?", was etwa unserem herkömmlichen „Wie haben Sie geschlafen?" entspricht. Die Größe und Gefräßigkeit der Insekten in verschiedenen Gegenden desselben Flusses ist der Gegenstand lebhafter Erörterungen, jeder rühmt die f einigen als die schlimmsten und bissigsten.
Es ist unglaublich, was für Mittel die geplagten Erdensöhne anwenden, nm sich die Racker nnr einigermaßen vom Leibe zu halten. Alle Einreibungen, wie auch Tabaksrauch, helfen nach Humboldt gar nichts, auch nicht das Bemalen der Indianer, wenn auch infolge der Gewöhnung die Eingeborenen nicht so sehr leiden wie die Weißen, oder wenigstens von den Geschwülsten befreit bleiben. Ein Missionar, der sein Leben unter den Qualen der Moskitos zu- zubringen gezwungen war, hatte sich neben der Kirche auf einem Gerüste von Palmstämmen ein kleines Zimmer gebaut, weil die Moskitos in her tiefsten Luftschicht, am Boden bis 20 Fuß hoch, am häufigsten sind, und er in der Höhe freier atmen konnte. In manchen Dörfern gingen die Indianer nachts fort und schliefen ans Inseln mitten in den Wasserflächen, wo sie etwas Ruhe finden. „Wie gut muß es im Mond wohnen sein, weil es dort gewiß keine Moskitos giebt", sagte ein Indianer. Bei Tage schlugen sich die Indianer während des Ruderns beständig mit der flachen Hand heftig auf den Leib, um sich die Insekten zu vertreiben, im Schlaf',schlugen sie auf sich, oder ihre Schlaf- kämeraden, wohin sie eben trafen. Mit am Feuer getrockneter Baumrinde sahen die Reisenden sich junge Indianer grausam die Rücken zerreiben; indianische Weiber stachen mit spitzen Knochen die kleine Masse geronnenen Blutes in jeder der massenhaften Wunden aus, eine Arbeit, wozu nur die kupferfarbige Rasse die Geduld besitzt. Die Farbigen an der Küste von Karneas gruben sich zum Schlafen in den Sand, um sich gegen die Blutsauger zu schützen. In den Dörfern am Magdalenenfluß trieben die Einwohner alles Vieh, derüimgegend auf dem Platze vor der Kirche zusammen und legten sich dort auf Ochsenhäute schlafen, weil in der Nähe des Viehes der Mensch ein wenig Schonung genießt. Am oberen Orinoko errichteten sich die Indianer förmliche „Oefen", kleine Räume ohne Thüren und Fenster, in die man durch eine ganz niedrige.Oeffnung auf dem Bauche hineinkroch. Mittelst eines Feuers von feuchtem Strauchwerk, das viel Rauch giebt, jagte man die Insekten hinaus und verschloß dann die Oeffnung, worauf man sich in dem so durchräucherten, glühend heißen Loche zum Schlafen niederlegte.
Die Schilderungen Humboldts sind seitdem oftmals bestätigt worden, erst neuerdings giebt Dr. L. Martin in Dali (Sumatra) wieder erbauliche Belege für dies Thema, welches sich im übrigen gegen die neueste Moskitotheorie


