Ausgabe 
25.7.1901
 
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Ich danke für dieses Geständnis", erwiderte der Re- gierungsrat.Hauptmann Moter, führen Sie einen halben Zug Ihrer Kompanie vor das Haus, damit die Exekution sogleich beginnen kann. Wir leben gegenwärtig im Kriege, wir haben die beiden Mörder auf frischer That erwischt, also werden sie sofort erschossen!"

Der Hauptmann eilte hinaus. Sergeant Kreß sah ihm mit offenem Munde nach, dann blickte er nach seinem Herrrn. Der war plötzlich auch ganz betroffen.

Mit sehr ernster Miene trat der Regierungsrat zu den beiden auf so einfache und schnelle Weise zum Tode verurrteilten Männern.

Hat man noch etwas zu sagen, zu gestehen oder zu hinterlassen, dann muß dieses binnen zehn Minuten ge­schehen, so heischt dieses der Brauch bei uns. Nach Ablauf dieser Zeit fliegen die Kugeln. Herr Major, melden Sie mir, wann die Zeit zu Ende geht."

Ter alte Burggraf erwachte aus seiner Ueberraschung und rief:

Ich protestiere abermals gegen eine solche Be­handlung im Namen der uralten Rechte, welche in diesen Dokumenten enthalten sind!"

Tie Männer, welche diese Dokumente geschrieben haben, sind längst gestorben, und können Tir nicht mehr helfen, Vetter. Ter Lebende hat recht! Hörst Du, eben rückt der Zug Infanterie heran! Man hat aber noch einige Minuten Zeit, um die liebliche Tochter wieder in das Leben zu rufen."

Hans hatte sich von seinem Schnecken etwas erholt, er eilte zu dem Burrggrafen.

Sagen Sie mir, daß Henriette lebt, und wo sie weilt, damit ich sie holen kann!"

Der Burggraf starrte den jungen Offizier an, und rang offenbar gewaltig mit sich. Kreß zupfte erregt an seiner Uniform, sagte aber nichts.

Wie ist die Zeit, Herr Major?" fragte du Thil.

Noch drei Minuten."

Gut, gehen wir hinunter zur Exekution. Komm, lieber Vetter, laß Dich von mir auf Deinem letzten Gange führen."

Er trat zu dem Burggrafen, als ein dumpfes Geräusch, an der Wand ertönte, doch war nichts zu sehen. Alle blickten sich erstaunt um.

Oho, hier spukt es!" meinte der Regierungsrat.Das ist wohl die weiße Frau, die jedesmal umgeht, bevor ein Burggraf stirbt?"

Sollte es möglich sein?!" stammelte der Burggraf entsetzt, und Sergeant Kreß sprach leise ein Vaterunser.

Ich bin davon überzeugt."

Da gab es von neuem an der Wand einen großen Tumult, und auf einmal sprang eine Thüxe auf, die man bisher nicht gesehen hatte, da sie durch Malereien verdeckt war. Aus der geheimnisvollen Oeffnung drang zuerst eine Wolke Rauch, und dann erschien, nicht die gefürchtete weiße Frau, sondern, ziemlich angeschwärzt Henriette in der Thüre, und sprang.lachend in das-Zimmer.

Guten Tag, meine Herren!" rief sie übermütig.Ich komme direkt aus der Unterwelt. Sergeant Kreß, der Dummkopf, hat mich- irrtümlich«, statt in das geheime Gelaß, in den alten Kamin eingesperrt, und da bin ich in dem großen steigbaren Schornstein ganz gemütlich her­aufgeklettert, damit ich hören konnte, was die edlen Männer hier beraten."

Mein Kind!" rief der alte Burggraf stürmisch.Komm in meine Arme!"

Aber Du hast mich doch tot gesagt!" schmollte Hen­riette.Du hast mich gewiß nicht mehr lieb?"

O, ich habe Dich lieber denn je!" schwur der Vater. Die wollten mich! ja eben tot schießen!"

Willst Du nun mir und einem gewissen jemand eine große Freude bereiten?" fragte sie schelmisch.

Draußen auf dem Burgplatz ertönte ein Kommando: Achtung! Ladet die Gewehre!" Da überlief es den Burg­grafen heiß und kalt, und entschlossen sprach er:

Ja, es sei! Lieber soll er Dich lebendig haben, als daß sie mich und den braven Sergeanten Kreß tot schießen!"

Hans eilte zur Geliebten, umschlang und küßte sie, obwohl ihr Gesicht verschiedene Spuren des Spaziergangs durch den Schornstein zeigte.

Herr Major, lassen Sie die Exekutionsmannschaft wieder abtreten", befahl der Regierungsrat lächelnd. Dann schlug er seinem Vetter kräftig auf die Schulter, und sagte:Nicht wahr, es ist doch besser, daß dieser Staatsstreich ohne. Tote abgegangen ist?!"---

Der Burggraf fand sich bald in die neuen Verhältnisse, besonders da man ihm die Ehrenwache von zwei Mann ließ, die Sergeant Kreß befehligen durfte. Man erwies dem alten Herrn auch sonst alle möglichen Ehren von feiten der neuen Regierung. Er richtete natürlich trotzdem seine Klagen an den Kaiser und an das heilige römische Reich!, aber ohne den geringsten Erfolg. Tie Hochzeit Henriettes mit Hans wurde unter großer Pracht gefeiert, und ver­söhnte den Burggrafen völlig. Tie Stadt Friedberg und die ganze Umgebung atmete auf, als sie keine Unterdrück- ungen mehr von der Burg zu erdulden hatten, und von jener Zeit datiert das mächtige Aufblühen der gesamten Wetterau.

Zwei Jahre nach demStaatsstreichs ging das römische Reich, darauf sich der Burggraf mit seinen alten Urkunden so stolz gestützt hatte, unter. Doch der alte Herr erlebte das nicht mehr, sondern war am 15. Februar 1805 zu seinen, zum Teile durch Großthaten ausgezeichneten Vätern gegangen. Henriette schenkte ihrem Gatten viele Kinder. Wenn sie aber abends traulich beisammen saßen, er­zählten sie sich am liebsten vom Staatsstreich am 21. Ja­nuar 1804 und von der Flucht durch den Kamin im alten Burggrafiat der Burg Friedberg.

Wenn dich die Mücken stechen.

Von F. C l e m e n s.

(Nachdruck verboten.)

Wer das Unglück hat, an einem Flusse oder in der Nähe eines Wasserlaufs, Teichs, oder auch nur, in einer feuchten Gegend zu wohnen, hat alle Ursache, in regen­reichen Sommern die Mücken und Schnaken zum Teufel zu wünschen. Nicht nur um der Stiche willen, obwohl diese einem, wenn man eine Anzahl davon wegbekommt, durch das nachfolgende unerträgliche Jucken das Leben zur wahren Pein machen können, sondern auch wegen der fortwährenden Belästigung während des Gehens, wegen der Vorliebe für Nase und Mund, die sie an den Tag zu legen pflegen. Wenn wir auch nicht wie weiland die Bewohner der Stadt Myns in Karten, von denen Pausanias erzählt, durch unsere Mückenplage zur Aufgabe unserer Behausung gezwungen werden, so verleiden einem die kleinen Bestien oftmals das Spazierengehen doch gründlich, und mir sind Personen von sonst lammfrommer Gemütsart vorgekommen, die den Angehörigen der Familie Mücke gegenüber eine förmliche Blutgier zur Schau trugen. Vor allem vor einem Gewitter sind die zweiflügeligen, blutsaugenden Kerfe schier un­bändig, und weder die Zigarre der Herren, noch der Fächer der Damen gewährt den geringsten Schutz. Auch das Be­tupfen mit Salmiakgeist mag vielleicht vor der Gefahr einer Blutvergiftung schützen, gegen das Jucken erweist es sich aber nicht immer, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, als wirksames Schutzmittel außerdem erhält man von der Existenz der meisten Mückenstiche, besonders der an den unserem Gesicht nicht ohne weiteres zugänglichen oder von Kleidungsstücken bedeckten Körperteilen befindlichen, in der Regel erst Kenntnis, wenn die Annehmlichkeit des Juckens einsetzt.

Was also thun? Wo so vielerlei Mittel vorgeschlagen werden, da darf .ich dem verehrten Leser wohl auch mit einem Hausmittelchen kommen: es ist ein symphatisches, kostet nichts und ist vollkommen harmlos und unschädlich. Und worin besteht es? In nichts mehr oder weniger als der Lektüre dieses Artikels. Ich war auch einmal so übel von Mücken und Schnaken zugerichtet, daß mir schier die Geduld vergehen wollte. In meiner Verzweiflung warf ich mich auf das Studium der heillosen Gattung, und ich muß! es gestehen fand bald einen ungeahnten Trost in dem Leiden, welche die Moskitos den Bewohnern der Tropen zufügen. Nicht etwa, daß ich die armen Leute nicht herzlich bedauerte aber wenn man liest, wie ungeheuer die Moskitoplage in manchen Tropenländern ist, und von