Ausgabe 
25.5.1901
 
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sie nebeneinander, lustig plaudernd, weiter. Und es kam ihr vor, als sei dieser junge Mann ihr gar nicht so fremd mehr; denn er verstand es, so nett und vertraulich zu plaudern, als ob sie bereits alte Bekannte wären, und in der That war ihr sein Gesicht ja auch schon recht gut bekannt; denn sie besann sich nun, daß sie ihm ja wirklich schon sehr oft begegnet war.

Also schwand die erste Verlegenheit zwischen ihnen bald genug, und sie verlebten eine recht interessante Stunde.

Dann traf man auch die Reisegesellschaft wieder, und nun bat Herr Kraft um die. Erlaubnis, sich ihnen an­schließen zu dürfen, was denn auch bereitwillig zuge­geben wurde.

Und dann durchstreifte die ganze Gesellschaft, unter Führung des Herrn Kraft, den Harz, machte Station an allen wichtigen und berühmten Punkten, und vergnügte sich ganz köstlich.

Am Abend des dritten Tages erst dachte man an die Heimreise. Und Fräulein Lina, von deren Seite Herr Kraft während all der Touren nicht gewichen war, saß auch nun lvieder ihrem alten Bekannten gegenüber. Anfangs plau­derten sie noch ganz lustig von den schönen drei Pfingst­tagen; je näher man aber nach- Berlin kam, desto mehr begann die Unterhaltung zu stocken.

Endlich sagte er lächelnd:Wissen Sie auch, gnä­diges Fräulein, weshalb ich diese Pfingsttour gemacht habe?"

Nun, doch wohl, uni sich zu erholen." '

Lachend verneinte er:Bewahre! Auf der Flucht war ich! vor der Braut bin ich geflohen!"

Erschreckt sah Lina ihn an.

Er aber belustigt:Mein alter Erbonkel aus Dresden hat nämlich einen guten Freund in Berlin, dieser hat eine Nichte, und die sollte ich heiraten! Na, das ist 'ne Schrulle von dem alten Herrn, widersprechen durfte ich! nicht, na und da bin ich denn jetzt, wo Onkelchen nach Berlin kommen wollte, um mir die Braut zu zeigen, ganz einfach ausgerückt; nett, wie?"

Jetzt lachte Lina laut auf; sofort durchschaute sie alles. Tann fragte sie schelmisch :Und weshalb, meinen Sie wohl, sei ich fortgereist von Berlin?"

Tas haben Sie mir ja schon gesagt, gnädiges Fräulein, um frjsche Luft zu schnappen!" lachte er.

Sie aber verneinte lächelnd:Auch ich: war auf der Flucht, auf der Flucht vor dem Bräutigam! ja, ja! mein Herr! ich: habe nämlich auch! einen alten Erbonkel, dieser hat einen guten Freund, der hat einen Neffen, und den soll ich heiraten. Das behagte mir natürlich nicht, und deshalb habe ich: den Pfingstausflug gemacht; denn jetzt gerade wollte Onkels Freund aus Dresden mir meinen Zukünftigen vorstellen; auch nett, wie?"

Tann ist Herr Lebrecht Ihr -Onkel?"

Und Herr Holthaus der Ihrige?"

Sie nickten beide und lachten dann laut, wie zwei qlück- ticfjie Kinder.

Und so sind wir beide denn vor einander aus Berlin geflohen, um uns im Harz zusammen zu finden. Sie sehen, das Leben ist voller Tücken", setzte er scherzend hinzu.

Von nun an wurden sie die besten Freunde, und nun stockte auch! die Unterhaltung nicht mehr, bis sie in Berlin gelandet waren.

Selbstverständlich fuhren sie nun sofort zum Onkel Lebrecht, wo sie denn auch den Onkel Holthaus iwdi, an­trafen.

Und selbstverständlich waren die beiden alten Herren nicht wenig erstaunt oder vielmehr erschüttert.

Und ebenso selbstverständlich endete dieser Pfingstaus- slug noch mit einer recht heiteren Verlobungsfeier!

Der Hungerpastor.

Der Hungerpastor, von Wilhelm Raabe. Zehnte durchgesehene Auflage. Preis geh. Mk. 4, geb' Mk. 5.. Berlin. Verlag von Otto Ianke. 1901

Als ich mich anschickte, die Kernwahrheit des Raabe- schen Hungerpastors auszuschälen, streifte mein Blick eine Glaskugel aus meinem Schreibtisch. Zwar ist es keine von der Art, wie sie im ehrsamen Schustergewerbe und vor­gedachter Erzählung ein so glänzendes Dasein führen, kann sich auch an Größe keineswegs mit jenen messen; dafür ist sie jedoch massiv und von einem Raben in Besitz genommen, der einen goldenen Ring im Schnabel hält. Der Rabe ist eine Nachbildung des bekannten Merseburger Schloßraben.

Unwillkürlich mußte ich einen Vergleich ziehen zwischen ihm und seinem Namensvetter. Beide führen Gold im Munde. Der eine fremdes, durch dessen Aneignung er einem Menschen zum Tode verhalf, der andere eigenes/ selbst ge­schürftes, durch dessen Enteignung er seinen Mitpilgern zu erhöhter Lebeusfreude verhilft. Darum steht denn auch der menschliche Raabe unserm Herzen ungleich näher, als jener.

Wohin Wilhelm Raabe mit seinem Hungerpastor zielt, mögen seine eigenen, hier folgenden Worte erläutern:

Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln, von dem, was er bedeutet, was er will und was er ver- mag. Wie er für die Welt im ganzen Schiwa und Wischnu, Zerstörer und Erhalter in einer Person ist, kann ich freilich nicht auseinandersetzen; denn das ist Sache der Geschichte; aber schildern kann ich, wie er im einzelnen zerstörend und erhaltend wirken wird, bis an der Welt Ende.

Dem Hunger, der heiligen Macht des echten, wahren Hungers widme ich diese Blätter, und sie gehören ihm auch von rechtswegen, was am Schluß hoffentlich voll« kommen klar geworden sein wird. Mit letzterer Ver­sicherung bin ich einer weiteren Vorrede, welche zur Ge­mütlichkeit, Erregung und Ausregung des Lesers doch nur das Wenigste beitragen würde, überhoben und beginne meine Geschichte mit unbegrenztem Wohlwollen sowohl gegen die Mitwelt und Nachwelt, als auch gegen mich selber und alle mir im Laufe der Erzählung vorüber­gleitenden Schattenbilder des großen Entstehens, Seins und Vergehens, des unendlichen Werdens, welches man Weltentwickelung nennt, welches freilich ein wenig interessanter und reicher als dieses Buch ist, das aber auch nicht, wie dieses Buch, in drei Teilen zu einem be­friedigenden Abschluß kommen muß."

Soweit ich mich auf Raabe'sche Art verstehe, soll uns der Hungerpastor das Wort:Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden" drastisch auslegen. Er erfüllt seinen Beruf voll­kommen. Das muß der Neid ihm lassen! Bdt.

Kinder-Zeitung.

Herausgegeben von Felix von Stenglin, Groß- Lichterfelde. Inhalt von Nr. 34. Was in der Welt vorgeht: Deutsche Eisenbahn in Siam; Ein wichtiger neuer Seeweg; Ueberfall an der serbisch-türkischen Grenze; Die Räumung Pekings; Eine Kuhherde vom Eisenbahnzug überfahren. Aus dem Reiche der Natur: Vom Vesuv; Ein berauschter Biber. Der Beobachter in Wald und Feld: Zur Naturgeschichte des Spechtes.Peters wunderbare Reisen und Abenteuer". (Forts.)Fuchs und Dachs". Allerlei. Erlebnisse. Zu beziehen durch alle Postanstalteri, Buchhandlungen und die Geschäftsstelle in Groß-Lichterfelde, Dahlemerstr. 75.

Rätsel.

Nachdruck verboten.

Du fiehst's, blickst du zu Füßen nieder, Meist in Gebrauch ist's auf dem Land;

Verliert's von selbst zwei Teile wieder, So ist's ein Name allbekannt.

Auflösung folgt in nächster Nummer.

Auflösung des Zifferblatträtsels in voriger Nummer: I II III IV v VI VII VIII ix x XI XII

M A G E N T Ü R BAN A

Magen, Agent, Agentur, Gent, Turban, Urban, Ban, Anam.

Gemeinnützige».

Mittel gegen das Ausfallen der Kopf- h a a r e. Man nehme ein Teil Rieinusöl auf fünf Teile Franzbranntwein, schüttele tüchtig, und reibe mit dieser Flüssigkeit mit einem kleinen Schwämmchen die Haare ein. (1 bis 2 Theelöffel genügen.) Tie Wirkung ist vorzüglich.

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