Ausgabe 
25.4.1901
 
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d«A LodeS fügte man die dunkelblauen Blüten auf. Sie waren der Persephone, der Göttin der Unterwelt, geweiht. Hatten sie doch nach der Sage einst das Geschick der Persephone selbst entschieden. An einem Frühlingstage spielte Persephone, Zeus' Tochter, mit den Töchtern des Okeanos auf einer blumigen Wiese. Rings um die Jung­frauen standen in reicher Fülle Narzissen und Veilchen, die Zeus für sie hatte aufsprießen lassen. Voll freudiger Hast pflückten sie die blauen Blümchen, als plötzlich unter den allzu eifrig Beschäftigten Pluto, der Gott der Unter­welt, aus dem Schoß der Erde auftauchte, und die sich vergeblich sträubende Persephone in das Schattenreich hin­abführte, um sie zu seiner Gemahlin und zur Beherrscherin des Totenreichs zu machen. Von da an nannte man die tiefblauen Blumendie Veilchen der Persephone". Mit Veilchen bestreute man in Anknüpfung an diese Mythe das Sterbelager frühzeitig verschiedener Jungfrauen, mit Veil­chen bekränzte man den Sarg, und mit Veilchen schmückte man den Grabhügel.

Auch bei den Römern erfreute sich das Veilchen hoher Wertschätzung. Sie bestreuten bei den Gastmählern den Fußboden mit den duftigen Blümchen, umkränzten mit ihnen die Becher und Milchkrüge, und setzten sie dem Wein zu, wie wir es jetzt mit dem Waldmeister, den Erdbeeren und der Ananas zu thun pflegen. Der Anbau der Veilchen nahm im alten Italien einen derartigen Umfang an, daß Horaz an seine Zeitgenossen die Mahnung richtet, nicht über die Veilchenkulturen die Anlegung und Pflege der nützlichen Olivenhaine zu vergessen.

Tas erste Veilchen galt in früheren Jahrhunderten den Deutschen als der sichtbare Verkünder des langersehnten Frühlings. Jung und Alt war begierig, das erste blaue Blütenköpfchen auf dem Anger und an der Hecke auf­zufinden. Man steckte es an eine mit bunten Bändern geschmückte Stange, die, begleitet von den Burschen, und Mädchen, in das Dorf getragen wurde. Hier schlang man den Reigen, und umtanzte unter fröhlichem Sang den duftenden Frühlingsboten.

Wie die Völker, so haben auch die Dichterfürsten und gekrönten Häupter dem Veilchen ihre besondere Gunst zugewandt. Shakespeare nannte das Veilchen seinem Lieb­ling, Goethe trug beständig Veilchensamen bei sich, den er auf seinen Spaziergängen ausstreute, um die Veilchen an» zufiedeln, wo er nur konnte. Eng verknüpft war das Veil­chen mit dem Geschick der Napoleoniden. Josephine, Na­poleons erste Gemahlin, hatte es schon während ihrer Ehe mit Alexander Beauharnais in ihr Herz geschlossen. In den Stürmen der Revolution wurde auch sie, wie so viele andere, gefänglich eingezogen. Der Tod auf dem Blutgerüst schien ihr nahe bevorzustehen. Da wurde ihr eines Tages von befreundeter Seite ein Veilchensträußchen zugesandt. Die schon Verzweifelnde faßte die Blümchen als einen Schicksalswink auf, und wirklich verordnete Tags darauf das Revolutionstribunal ihre Freilassung. Von jetzt an wurden ihr, wie sie es nannte, die Veilchen das Symbol des Lebens und des Glückes". Einen Veil- chenstrauß an der Brust, und einen Veilchenstrauß im Haar trug sie bei ihrer ersten Begegnung mit Napoleon. An dem Tage ihrer Vermählung mit ihm hielt sie Veilchen in der Hand, und mit Veilchen bestickt war ihre Hochzeits- robe. Ihre dringende Bitte an den Gatten ging dahin, stets bei der Wiederkehr des Hochzeitstages Veilchen von ihm als Geschenk zu erhalten. Und Napoleon vergaß diese Bitte nicht, wo er auch weilte. Lange Jahre hindurch lag am Hochzeitstage ein frischer Veilchenstrauß auf Jo- sephinens Betpult. Im Jahre 1808 fehlte er zum ersten Male, und int nächsten Jahre wurde Josephine von Na­poleon geschieden. Fortan waren ihr die Veilchen ver­leidet. Sie duldete sich nicht -meist in ihrer Nähe. Nur noch einmal grüßten sie sie, damals, als sie kalt und still int Gartensaal von Malmaisvn ruhte. Aus ihrem Sarg lag ein mit Veilchen besticktes Seidenkissen, und auf ihm ein Deilchenstrauß, die letzte Gabe des Kaisers.

Bon Josephine übernahm Napoleon selbst die Vor­liebe für die Veilchen. Sie wurde geradezu die Partei­blume der Napoleoniden, und ihrer Anhänger. Als der gestürzte Kaiser unerwartet von Elba zurückkehrte, da schmückte sich ganz Paris mit Veilchen, und in schwär­

merischer Verehrung nannte man ihn denVeilchenvater", der den Lenz des Sieges und Ruhmes zurückbringen werde. Mein zum zweiten Male drückte ihn die Macht seiner Gegner zu Boden. Wiederum mußte er den Boden Frank­reichs verlassen. Vor seinem Abschied suchte er das Grab Josephinens auf, und pflückte sich einige Veilchen. Als er in der Verbannung auf St. Helena sein Leben geendet hatte, fand man in einer goldenen Kapsel, die er auf der Brust trug, eine Haarlocke seines Sohnes, des Königs von Rom, und zwei vertrocknete Veilchen.

Unter den preußischen Herrschern war es Friedrich Wilhelm III., der dem Veilchen besonders zugethau war. Mit Veilchen umkränzte er das Bild seiner verstorbenen Gemahlin Luise, und ein solches geschmücktes Bild stand vor ihm auf dem Schreibtische als er Schinkel den Entwurf für das eiserne Kreuz übergab, das die Helden des Be­freiungskrieges zieren sollte. Ebenso liebte Kaiser Wilhelm I. die Veilchen außerordentlich. Jeden Morgen, wenn ihm das Frühstück gebracht wurde, war der Teller, selbst mitten im Winter mit Veilchen umkränzt. Und an seinem Geburts­tage prangten zu den Gaben aus Nah und Fern neben den im Warmhaus gezogenen Kornblumen auf dem Ge­burtstagstisch Veilchen in verschwenderischer Fülle. Wie der Vater, so hatte auch der Sohn, Kaiser Friedrich III., ah dem Veilchen ein hohes Wohlgefallen. Als er in Fried- richskron mit dem Tode rang, da strömten ihm von allen Seiten Veilchensträuße zu, als liebevolle Trostspenden, und doch auch! zugleich als letzte Scheidegrüße.

Neben dem wundervollen Blau ist es der süße Duft, der uns am Veilchen so entzückt. Und doch gehört dieser Duft dem Veilchen nicht ausschließlich an; denn ganz ähnlich! dem Veilchenduft ist derjenige gewisser Schoten-- gewächse, wie der Levkojen, des Goldlacks, den der Volks­mund bekanntlich auchVeigl" nennt, und der Nacht­viole. Außerdem entsenden auch die Frühlingsknotenblume, die im Herbst blühende gefranzte Enzian, die grün blühende Seidelbaste, die blaue Seerose des Nils und die tierfangende Sarrazenie aus ihren Blüten einen ausgezeichneten Veilchenduft.

Trotz ber Vervollkommnung der Chemie ist es bisher noch nicht gelungen, die Essenz, die den Duft ausströmt, unmittelbar aus den Blüten darzustellen. Man muß daher zur Gewinnung des Parfüms einen Umweg einschlagen. In ein Gestell werden abwechselnd Bleche mit frischen Veil­chen und mit Drahtgeflecht überzogene Rahmen, die mit dünnen Paraffinstreifen belegt sind, eingesetzt. In einiger Zeit hat das Paraffin den Veilchenduft angenommen, nicht aber den laubartigen Geruch der den Veilchenblüten noch eigen ist. Diese Veilchenpomade wird dann mit Weingeist behandelt, so daß nun der Duft in diesen übergeht, und so der Veilchenextrakt gewonnen wird. Der echte Veilchen­extrakt steht hoch im Preise. Aus diesem Grunde hat man sich auch nach Ersatzstoffen umgesehen. Zur Gewinnung veilchenartiger Gerüche verwendet man Jasmin, Mimose, Kassia und die Wurzelknollen der Schwertlilie. Aus den letzteren wird ein als Iran bezeichneter Extrakt hergestellt, der mit dem echten Veilchenextrakt eine täuschende Aehn- lichkeit besitzt. Die große Mehrzahl der billigeren Veilchen­parfüms besitzt keine Spur von wirklichem Veilchenduft, sondern es waltet hier nur, wie auch sonst so vielfach, der schöne Schein vor.

Kesundsteitspffege.

Wie stillt man Nasenbluten? Zur Beant­wortung dieser Frage wird derNat.-Ztg." von ärztlicher Seite geschrieben: Das beste und einfachste Mittel, welches jederzeit überall in Hülle und Fülle vorhanden ist, bildet die frische, möglichst kalte Luft, recht tief und schnell durch die Nase eingeatmet, einige Zeit in der Lunge zurückhalten (Atemhaltung), dann rasch durch den Mund ausgesloß - Ties wird 20- bis 30mal wiederholt. Solche Atemhaltui n stellt in dem ungeheuer erweiterten Sungeninnern eine von Säugpumpe her, deren Wirkung sich mit der ein: > riesigen Schröpfkopfes vergleichen läßt, welcher das ; dorthin zieht und dadurch die Adern der Nase und des Kopfes ziemlich blutleer macht. Diese Lungensaugkraft ift so gewaltig, daß man die von ihr angeregte Blutströmung bis hinunter in die Füße verfolgen kann! Auch hält der mächtig durch die Nas» eingezogene Luftstrom das Blut eine