Ausgabe 
24.12.1901
 
Einzelbild herunterladen

itnb es schnell wieder verdichtet zum schönsten Krystall. Bonden hochragenden Fichtenhäuptern, den breitgegliederten Tannen und Lärchen, den weitverzweigten, blätterlosen Buchen, Eschen und Linden, bis herab zum krausen Busch und Büschchen glitzerte, strahlte und funkelte es. Helläugig schaute die Sonne um alle Ecken; aber machen ließ sich nichts. Nur ein Augenblickchen verweilen dort auf jenem Moosfleckchen, und den langhingestreckten Kinderkörper ein wenig erwärmen oder ermuntern, wenn der gefährliche Schlaf ihn in seine Arme nehmen wolle.

Mieke Elberfeldt schlief nicht. Mit weitgeöffneten Augen starrte sie in die Ferne, auf eine sanft ansteigende Er­höhung, auf der sie eben Wunderbares geschaut. Kein Zweifel verwirrte die Kiudesseele: Der lrebe Gott hatte einen Engel gesandt schneeweiß, mit wehenden Flügeln und lichten, glänzenden Locken. Dort hatte er gestanden, umflim'mert," umstrahlt wenige Minuten nur. Mieke rieb die thränenoen Blauaugen. Also sic betetnt em warmes Klcrd, vielleicht auch Schuhe. Es war wahr, was bte blinde Großmutter gesagt harte: Du mußt den heben Gott bitten, der schickt setzt (eine Engel durch die ganze Welt, damit sie nachsehen, wo's fehlt. Und wie hatte sie gebetet! Inbrünstig, mit all den schönen Worten, die sie in der Schule gelernt beit blonden Krauskopf fest auf die kalte Erde gedrückt innig, herzliche vertraulich, mit znm klaren Himmelsblau aufgeklärtem Gesichtchen:Datüt man, leiw Gott! ick will vck ümmer orrig sin un mi früst so bull."

Langsam richtete sie sich auf. Rieb die mageren Beinchen, in den dünnen, schlottrigen Strümpfen, bis sie wieder geschmeidiger wurden, pustete in die blauen, krummen Händchen, und schlich still ins Dorf zurück.

Ju der dunstigen Stube des Großbauern Harms lärmten die vier Kinder. Sie waren aufgeregt; es war dock,Heiligabend" und gar nicht mehr lange hin. Sobald es dunkel wurde, würde der Weihnachtsbaum herein- getrageu werden, Mutter die Geschenke ausbreiten, und der Weihnachtsmann, der sie gebracht, husch husch mit seinem leeren Sack aus der Pforte schlüpfen.

Wieder und wieder teilten sie sich das mit, unter Lachen, Balgen und Tuscheln.

Mieke kroch nahe an den breiten, backsteinernen Ofen. Eine große, heilige Freude war in ihr. Sie würde au4y etwas bekommen in diesem Jahre: eilt Kleid. Und dann noch die Backpflaumen von Großmutter. Weiter hatte sie nichts; sie war doch im Armenhause; aber die hob sie ihr immer auf. Wenn sie das warme Kleid erst an hätte, würde sie hingehen, und es ihr zeigen, und Großmutter würde immer darüber hinstreicheln und sich freuen. Wie es wohl aussah! Aber jemand fragen, das ging nicht. Nein, nein. Ganz allein wissen, ganz allein. O, wie war das schön. Ja, wenn Vater oder Mutter gelebt hätten dann! Aber sorumgehen" tut Dorf bei allen fremden Leuten, das war schlimm.

Endlich! habe ich den Wildfang. Nun schnell! wir müssen doch noch den Julklapp Packen für Papa und Mama. Wo warst Tu eigentlich? Gar nicht hübsch, mir so fort­zulaufen."

Elsa v. Berken rannte an dem Kinderfräulein vor­über.Lassen Sie mich, ich will nach Mama!" Das weiße Mäntelchen mit dem wehenden Kragen und weißen Schwan­besatz war ab geschleudert, Mützchen tutir Muff folgten in demselben Tempo, und fort war die Helle, kleine Gestalt, die Treppe in die Höhe.

Mamachen! Tu mußt mir schnell mein rotes Flanell­kleid geben! Ich war im Walde Fräulein weggelanfen da lag Mieke Elberfeldt lang an der Erde und weinte. Tu! Mamachen! sie zitterte so; ich glaube sie fror. Ich hätte sie gefragt, aber ich schämte mich so; ich hatte so viel au. Ta lies ich, was ich! lausen konnte. Aber als ich oben auf dem Fichtenberg, Tu weißt doch ! stand, war sie noch immer da."

Mieke Elberfeldt?"

Ja die! die gar kein Haus hat, unb keine Mama, unb kein Spielzeug unb nichts. Nicht einmal eine Puppe! Mamsell hat es mir erzählt, unb auch gesagt, ich solle was ablegen, glaube ich"

Frau von Berken beugt sich duukelrot zu ihrem Töchterchen herab.Mein Herzchen, Mieke soll ein Kleid haben, nicht bas rote, aber ein schönes warmes. Komm, wir wollen eins aussuchen, und Stine kann es noch schnell wärmer unterfüttern."

Marie Elberfeldt hat vor langer, langer Zeit einen Schneider geheiratet, und heißt jetzt Frau Bütow, im ganzen Torf glattweg Sniederbütowsch. Sie hat Freud und Leid getragen, gelebt wie ihre Standesgenossen, gearbeitet und gebetet. Sie ist mit eingetreten in die Epoche des Denkens, Grübelns und Zweifelns, die auch dem Dorf ihren Stempel anfdrückte, und sie schüttelt das weiße Haupt, wenn des Gebetes Kraft belächelt, das Minder verspottet wird.

O, sie weiß es besser. Wer hat die arme frierende Waise bekleidet und gespeist? Gütige Menschenhände wohl, aber wer legte es ihnen ins Herz!

Ein Enkelchen auf dem Schoß, das andere an ihrem Knie so erzählt sie von jenem Christabend. Unb immer wieber muß sie den lauschenden Kleinen berichtenwies war." Wie Frau Pastor ihr das weiche, warme Kleid auf den Arm legte, sie küßte und ihr sagte:Mieke! dies' schickt Dir der liebe Gott. Bleib immer brav, und bete fleißig, dann kommt das Christkind jedes Jahr zu Dir."

Unb s i e sollte es nicht wissen!

Velhagen & Klasings Monatshefte.

Das Weihuachtshest von Belhagen & Kla­sings Monatsheften (XVI. Jahrgang, Heft 4) trägt dem bevorstehenden Feste in gewohnter Weise Rechnung. Außer einem in Faksimile wiedergegebenen Eingangsgedicht von Joseph Laufs:Weihnacht" und zahlreichen lyrischen Gedichten, bringt es eine allerliebste Skizze von Charlotte Niese:Fritschs und eine Novelle von Sou Andreas Saloms:Im Zwischenland", in der die Verfasserin vonMa" wieder ein Kabinettstück feinster Seelenmalerei bietet. Unter den illustrierten Artikeln steht an erster Stelle: Blumen-und Palmenkultur an der Riviera' von W. Hörstel. An zweiter:Aus alten Puppen­stube n" von Georg Lehnert. An dritter:DasFrauen- ideal in der Kunst der Renaissance" von Ed. Heyck. Ein Aufsatz:Die Afghanische Frage" von A. Franz behandelt eine interessante Tagesfrage. Dte Illustrierte Rundschau" am Schluß des Heftes tst diesmal besonders reich, und das Gleiche gilt von dem übrigen Bildschmuck des Heftes. Sehr willkommen wtrd es den Lesern sein, daß der so sesselnde Roman von Ida Boh-Ed:D a s A B C d e s L e b e n s" auch im Wethnachts- heft fortgesetzt worden ist. Man hätte das Ausbleiben der Fortsetzung gewiß schmerzlich entbehrt.

GsmeiirirÄtzigss.

Humor im Wirtschaftsbuch. Ein Wirtschafts­buch ist oft recht langweilig, weil sich Zahl an Zalst reiht, und nichts die Eintönigkeit unterbricht. Und doch darf man es nicht leugnen, daß das Wirtschaftsbuch vtel mehr verwendet werden würde, wenn -es nicht sotrocken wäre. In Nr. 9 derPraktischen Ratschläge für Haus und Hof", einem Nebenblatt des Erfurter Führers tm Obst­und Gartenbau, gießt Frau Rittergutsbesitzer Behrend- Arnan Proben aus ihrem Wirtschaftsbuch,, dte durch ihren Humor und die Beigefügten lustigen Bildchen prächtig wirken, und das Wirtschaftsbuch zu einem lustigen Büchlein machen. Da es gewiß viele Hausfrauen gießt, dte sich dafür interessieren, besonders zu Weihnachten, weil solch Buch auch ein hübsches Weihnachtsgeschenk darstellt, so raten wir unseren Lesern, sich an das Geschäftsamt des Erfurter Führers zu wenden, sie erhalten von dort, als unser Abonnent, diese Nummer kostenfrei zugesandt.

Auslösung der Schachaufgabe in vor. Nr.r

W. Kc8, Da2, Sf5, Lc4, Bd2, f4, g5, h5.

Schw. Ke4, Tf2, Lh2, Be2, f3.

1. Da2a4, Kf4: 2. Ld3 elD. 2. Lfl +

1. . . ., Lf4: 2. Dc2 +. 1. . . K: S, 2. Le6 +. 1. . . n beliebig. 2. Lb5 +. ,

Redaktion: E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.