fängnis geworfen haben, war mein Verlobter. Wird Ihnen letzt der Zusammenhang der Ereignisse verständlich?" Nun plötzlich erinnerte sich der Landgerichtsrat, wo er den Mädchennamen dieser angeblichen Frau Müller schon gehört hatte, und an alles, was ihn: von den abenteuerlichen Vorgängen bei der Polterabendfeier im Hause des Kämmerers erzählt worden war. Die Erklärungen, die er bis dahin fiir die unsinnigen Phantasien einer Geisteskranken gehalten, gewannen in seinen Augen nun freilich mit einem Mal ein völlig verändertes Aussehen, und die bis dahin im höflichsten Konversationston geführte Unterhaltung wurde zu einem wirklichen Verhör. Ruhig, bestimmt und ohne jedes Anzeichen einer besonderen Erregung gab Felicia Antwort auf die tut sie gerichteten Fragen. Von jenem Theaterabend in Denver an, da sie die Bekanntschaft ihres nachmaligen Gatten machte, bis zu ihrer Verlobung mit Herbert Ignatius, und.bis zu dem unerwarteten Erscheinen ihres rechtmäßig angetrauten Gemahls verschwieg sie nichts, was ihm für die Mfklärung der Angelegenheit von irgend welcher Bedeutung sein konnte. Und bis in alle Einzelheiten erzählte sie auch die Vorgänge jenes unseligen Abends, da sie nach M. zurückgekehrt war, in der Absicht, Hermann Müller zu sprechen und sein Schweigen zu erflehen.
„Nicht einen Augenblick hatte ich daran gedacht, ihn zn töten", sagte Felicia. „Wie hätte mir auch ein so wahnwitziger Gedanke kommen können, da doch ein Griff seiner Hand genügt hätte, mich wehrlos zu machen, sobald ich ihm Auge in Auge gegenüberstand — und da ich unmöglich hatte voraussehen können, daß unsere Begegnung sich so ganz anders gestalten würde. Ich ivollte ihm nicht auflauern, sondern ich wollte ihn in seiner Wohnung aufsuchen. Nicht um mich für i h n unkenntlich zu machen, hatte ich! die Verkleidung gewählt, die er ja auf den ersten Blick durchschauen mußte, sonderrr um nicht von den Leuten erkannt zu werden, denen ich etwa auf dem Wege zu ihm begegnen würde. Den Revolver aber hatte ich zu mir gesteckt, weil ich fest entschlossen war, mich vor seinen Augen zn töten, wenn er sich weigerte, mein Flehen zu erhören, dtur als die Gattin des Assessors Ignatius wollte ich weiter leben, das stand als unerschütterliche Gewißheit in meiner Seele fest, und daraufhin hatte ich alle meine Vorkehrungen getroffen. Ich wußte, wo sich die Wohnung meines Gatten befand; der Stadtrat Ignatius hatte sie mir kurz vor meinem Polterabend gezeigt!. Aber als ich bis zu den Parkanlagen der neuen Heilstätte gelangt war, kain mein Mut ins Wanken. Ich zitterte vor dem Augenblick, da ick) meinem Mann gegen- uberstehen würde, und mußte häufig stehen bleiben, weil mir das Herz zum Zerspringeu klopfte und weil ich mich zuweilen einer Ohnmacht nahe fühlte. Da — ich war nur noch um ein geringes von dem Hause entfernt — vernahm ich hinter mir den Klang eines näher kommenden Schrittes. . Fast unwillkürlich trat ich! hinter einen Baumstamm, um nicht bemerkt zu werden; denn ich fürchtete, daß man mich fragen wiirde, was ich um diese Stunde in den Anlagen zu schaffen hätte. Der Mann, der wenige Minuten später an mir vor- übcrgiug, schien mich! auch wirklich nicht zu bemerken. Ich aber erkannte ihn sofort und sah, daß es der war, mit dem sich seit Stunden alle meine Gedanken beschäftigten. Er kam mir so nahe, daß ich jede Linie in seinem Gesicht ganz deutlich sehen konnte, und bei dem Anblick dieses ernsten, energischen Antlitzes wurde es mir mit einem Male vollständig klar, daß alle meine Hoffnungen nur wahnwitzige Hirngespinste gewesen waren, daß dieser Mann niemals einwilligen würde, der Mitschuldige eines Verbrechens zu. werden, und wenn ich ihn auch mit den stehendsten Worten, die einem Menschen zu Gebote stehen, auf meinen KnieeN darum gebeten hatte. Mein Schicksal erschien mir plötzlich Unwiderruflich beschlossen und besiegelt. Ich wußte, "daß mir kein anderer Ausweg mehr offen stand als der Dod. Aber zugleich regte sich,'s in meiner Seele wie heißer Lebensdurst und wie ein wildes, unbezähmbares Verlangen nach Glück und Freude. Ich hatte nicht Zeit, abzuwägen und zu überlegen, und ich wäre dazu in meiner damaligen Gemütsverfassung auch wohl nicht im stände gewesen. Blitzartig durchzuckte mich der Gedanke: Warum muß durchaus ich das Opfer sein? Warum nicht ebensowohl er, der als einziges Hindernis zwischen mir und dem Glücke steht? Es! war die plötzliche Eingebung einer Verrückten, das brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen; denn eine That, wie die/ welche ich da begehen wollte, konnte mir doch nimmer-,
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mehr die Pforten des erträumten Paradieses erschließen. Aber ich handelte wie unter einem unwiderstehlichen! Zwange; der Gedanke und seine Ausführung fielen beinahe zusanimen. Denn mein ahnungsloser Gatte hatte sich kaum um einige Schritte von mir entfernt, als ich auch schon die erhobene Waffe gegen ihn abdrückte. Er stieß keinen Schrei aus, nicht einmal einen Laut der Ueberraschung, sondern, er stürzte vornüber zu Boden, wie ein gefällter Baum, und, ich war ganz sicher, daß mein Schuß ihn aus der Stelle, getötet hatte. In jenem Augenblick ftihlte ich keine Reue, sondern nur das Verlangen, mich in Sicherheit zu bringen, und deshalb wandte ich mich, zur Flucht, ohne nur noch einen Blick auf den am Boden Liegenden zu werfen. Aber ich lief nicht allzu schnell, weil ich, Ueberlegung genug hatte, mir zu sagen, daß ich mich dadurch verdächtig machen! würde. Und es war meine Absicht, auf dem Hauptwege des! Parkes zu .bleiben, bis ich wieder in bewohnte Straßen! gelangen würde. Da hörte ich hinter mir eine Stimme, die um Hilfe rief und „Haltet den Mörder!" Das jagte mir einen tätlichen Schrecken in die Glieder, und ohne alle Ueberlegung sprang ich seitwärts zwischen die Baumstämme, um! meinen Weg quer durch Gestrüpp und Strauchwerk zu nehmen. Schon nach, den ersten Schritten blieb der Mantel, der mir als ein ungewohntes Kleidungsstück ohnedies in hohem Maße hinderlich war, irgendwo an den Zweigen! hängen und wurde mir. fast von den Schultern gerissen^ Ich löste die Knöpfe, die ihn über der Brust zusammen-, hielten, und ließ ihn zu Boden gleiten. Dann lief ich weiter und gewann unangefochten eine einsame Seitenstraße. Der Lärm meiner Verfolger, der mich bis dahin noch immer vorwärts gehetzt hatte, verstummte, und ich fühlte mich gerettet."
Erschöpft hielt die Sprechende inne, und lehnte sich in ihren Stuhl zurück. Der Landgerichtsrat glaubte ihr. nach der furchtbaren seelischen Erschütterung, welche dies! rückhaltlose Geständnis für sie bedeutet haben mußte, einig« Ruhe gönnen zu müssen, und er fand es nicht auffällig, daß sie ein paar Sekunden lang ihr Taschentuch! an die! Lippen drückte. Auch das heftige Zittern, das plötzlich ihren! Körper befiel, beunruhigte ihn erst, als es in konvulsivisch«! Zuckungen überging. Boll Besorgnis fragte er, ob sie sich unwohl fühle, aber er erhielt keine Antwort, und in den: Moment, da er aufsprang, um ihr zu Hilfe zu eilen, glitt sie mit einem dumpfen Schmerzenslaut toit ihrem' Stuhl herab zu Boden. Aus dem Taschentuche aber, das! ihre Rechte noch immer mit krampfig zusammengepreßten Fingern umklammert hielt, fiel ein winziges Fläschchen, das dem bestürzten Untersuchungsrichter eine nur zu deutliche Erklärung für die plötzliche Erkrankung der Unglück-, lichen gab. Natürlich setzte er sogleich die elektrische! Klingel in Bewegung, und innerhalb weniger Minuten waren zahlreiche Personen um die bereits Bewußtlose! versammelt. Niemand aber wußte, wie ihr auf eine wirksame Weise zu helfen sei. Man legte ihren von furchtbaren Krämpfen geschüttelten Körper auf eine Bank, und! versuchte sich, in allerlei unwirkfamen Maßnahmen, bis! es endlich gelungen war, einen Arzt zur Stelle zu schaffen.! Der aber sah auf den ersten Blick, daß er viel zn spät kam, und daß menschliche Kunst hier nichts mehr aus-, zurichten vermöge.
„Eine Vergiftung mit Cyankali", sagte er mit einem! Blick voll schmerzlichen Bedauerns auf das noch! im Tode! so schöne Opfer leidenschaftlicher Verirrung. „Hier steht meine Wissenschaft leider an den Grenzen ihrer Macht."
Und mit emem sanften Druck der Hand schloß er die! gebrochenen Augen, die einst in so berückendem Glanzt geleuchtet hatten.
(Schluß folgt.)
„Ihr Weihnachtsimmsch".
Ein lustiges Geschjchtchen von Nataly von EschstrutM (Nachdruck verboten.) (Schluß.)
Egon starrte noch immer wie hypnotisiert auf das! Briefblatt in seiner Hand.
Tassy! Die kleine Tasfy Wenden aus Klausendorf, und! er blinder Thor hatte sie nicht wiedererkannt! Wie sollte! er auch! Das kleine, scheue Knöspchen von damals, art welches er kaum noch eine Erinnerung hatte, und jetzig die lieblichste, wonnigste aller Rosen! — Und was ?! ■ da


