Nr. 185.
1901
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er Charakter ist ein Fels, an welchem gestrandete Schiffe landen
und anstnrmende scheitern.
Kant.
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
Am Nachmittage des nämlichen Tages erschien in der Wohnung des Rendanten Lindemann ein Dienstmann, der einen dickleibigen, mehrfach versiegelten Brief übergab und sich dann mit auffallender Hast entfernte, ohne erst eine Frage nach der Person seines Auftraggebers abzuwarten. Margarethe hielt sich nicht für berechtigt, die Siegel zu erbrechen, umsomehr, als ihr die Handschrift der mit lateinischen Buchstaben geschriebenen Adresse vollständig unbekannt war. Aber als ihr Vater hustend und keuchend heimkehrte, kaum noch im stände war, sich auf den Füßen zu halten, überreichte sie ihm sogleich den geheimnisvollen Brief, den auch er kopfschüttelnd von allen Seiten betrachtete, ehe er sich entschloß, ihn mit zitternden Händen zu öffnen. Er enthielt ein in weißes Papier eingeschlagenes, nochmals versiegeltes Päckchen und einen Zettel, auf dem in flüch- trgen Schriftzeichen zu lesen stand:
„Jemand, der an Ihnen und an Ihrer Tochter eine schwere Schuld zu sühnen hat, sendet Ihnen die anliegende: Summe mit dem Wunsche, daß es Ihnen mit ihrer Hilfe ö^lngen^möge, sich aus allen Sorgen und Bedrängnissen zu
Das war alles. In dem Päckchen aber befanden sich hunderttausend Mark in Kassensscheinen, genau die Summe, die der Stadtrat Ignatius an diesem Morgen der auf seinen Ruf nach M. zurückgekehrten Felicia als den von dem Rendanten unterschlagenen und innerhalb weniger Tage zu ersetzenden Betrag bezeichnet hatte.
„Eine Dame wünscht in dringender Angelegenheit den Herrn Landgerichtsrat zu sprechen. Sie sagt, es handle sich Um eine wichtige Mitteilung in Sachen des Mordversuchs gegen den Doktor Hermann Müller."
Natürlich ließ der Untersuchungsrichter Schröder darauf- Htn dre Gemeldete sofort in sein Amtszimmer führen und forschte mit kaum verhehlter Spannung in den Zügen des jetzt unverschleierten, marmorbleichen Antlitzes, aus dem zwei wunderschöne dunkle Augen mit sestem, aber eigentümlich starrem Blick den seintgen begegneten.
„Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen, mein Fräulein? Me glauben, mir in Sacken des Doktor Müller eine wichtige Mitteilung machen zu können?"
„Ja."
„Wollen Sie dann zunächst die Güte haben, mir Ihren Namen zu nennen?"
„Ich heiße Felicia Müller, geborene Rubarth."
„So sind Sie vielleicht eine Verwandte des Doktors?^ „Ich bin feine Frau."
„Wie? Ist es möglich? Ich wußte bisher gar nicht, daß er verheiratet sei."
„Das glaube ich wohl. Aber es hat damit nichtsdestoweniger seine Richtigkeit. Ich wurde vor einigen Jahren zu Ouray im Staate Colorado mit ihm getraut. Er wird es Ihnen_ auf eine Anfrage ohne weiteres bestätigen."
„Nun wohl! Und was wünschen Sie mir zu sagen?"
„Ich wollte Ihnen sagen, daß Sie einen Unschuldigen festgenommen haben. Der Assessor Ignatius ist an dem Attentat auf den Doktor Müller so wenig beteiligt, wie Sie selbst."
„Und woher kommt Ihnen diese Gewißheit? Wie wollen Sie Ihre Behauptung beweisen?"
„Damit, daß ich Ihnen den Mörder oder vielmehr die Mörderin nenne."
„Eine Mörderin? Das wäre ja eine ganz neue Lesart. Bisher schien es doch außer allem Zweifel, daß der Attentäter ein Mann gewesen sei."
„Man hatte eben eine als Mann verkleidete Frau für einen Mann gehalten. Die Dunkelheit macht den Irrtum leicht genug erklärlich."
Der Landgerichtsrat war sehr weit davon entfernt, die Aussage dieser merkwürdigen Zeugin ernsthaft zu nehmen. Ihr sonderbarer Blick und der eigentümlich monotone Klang ihrer Rede bestärkten ihn immer mehr in der Vermutung, eine Geisteskranke vor sich zu haben, ein Verdacht, der ihm zuerst gekomnren war, als sie sich für die Frau des Doktor Müller ausgegeben hatte. Aber es war immerhin seine Pflicht, sich volle Gewißheit darüber zu verschaffen.
„Das wäre allerdings nicht unmöglich", sagte er. „Wer also ist die verkleidete Frau gewesen?"
„Ich."
„Sie?! Sie klagen sich selbst an, den Mordversuch unternommen zu haben. Und gegen Ihren eigenen Gatten?" „Ja."
„Aus welchen Beweggründen aber haben Sie es gethan?"
„Haben Sie Zeit genug, Herr Untersuchungsrichter, eine lange Geschichte anzuhören?"
„Für Angelegenheiten, die in den Bereich meiner dicnst-- lichen Pflichten fallen, habe ich immer Zeit; obgleich es mir allerdings sehr erwünscht wäre, wenn Sie wenigstens die Hauptsache gleich vorneweg nehmen wollten."
„Ich werde es versuchen. Also ich habe den Doktor töten wollen, weil ich im Begriff stand, mich wieder zu, verheiraten, als er hierher kam, und weil ich nicht wollte, daß irgend jemand etwas von meiner ersten Ehe erfuhr.. Der Mann, den sie unter dem Verdacht des Mordes ins Ge-


