Ausgabe 
24.11.1901
 
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hl-schcn UnivcrsUäls-Brich- und Stcindrnckerci (Pietsch Erben) in Gießen.

Redaktion: E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brü

Mas dn treibst, erwäg' es fein; Wird der Trieb kein edler sein, Faßt Vergeltung dich behende: Mensch, halt ein, bedenk' das Ende!

eigentliche Fest seinen Anfang. Die ]

füll in den Nebenräumen, o ut der bet Wohlthatigkeits- veranstaltungen üblichen Weise allerlei Erfrischungsstatten ; und Verkaufsstände hergerichtet waren und Dutzenoe von fleißigen Händen waren unterdessen geschäftig bemüht, dre Stühle AU entfernen, mit den improvisterten Konzertsaal in einen Ballsaal zurück zu verwandeln.

Herbert machte zwar einen Versuch, wieder zu feinen Angehörigen zu gelangen, aber als er sah, daß sein Vater und Felicia den Mittelpunkt eines dicht gedrängten Leises von bekannten und unbekannten Persönlichkeiten bildeten, erachtete er seine Ritterdienste für überflüssig und blteb in der Entfernung. Hätte ihn nicht die einmal übernommene Kavalierpslicht daran gehindert, so wäre er am liebsten gleich nach Hause gegangen. Aber er sagte sich, daß ihm Felicia eine solche Unhöflichkeit Niemals verzechen wurde, und er hatte gewiß keinen Anlaß, sie zu beleidigen.

Daß er ivührend der nächsten halben Stunde mindestens ein Dutzend mal von allen möglichen Personen seines Be­kanntenkreises angeredet wurde, und daß es stets mehr oder weniger indiskrete Fragen nach Felicia waren, deren Be- antwortung man von ihm verlangte, konnte ihn wahrlich nicht in bessere Stimmung versetzen. Und er war sehr zufrieden, endlich in einem der kleinen Nebengemächer em abgelegenes Plätzchen gefunden zu haben, wohin sich nur in längeren Zwischenräumen ein vereinzelter Festteilnehmer oder ein ganz mit sich selbst beschäftigtes, lustwandelnde» Pärchen verirrte. f ,.

Da blieb er denn auch, als aus dem Tanzsaale die munteren Klänge einer Polka herübertönten. Felicia hatte in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft gelegentlich einmal geäußert, daß sie eine leidenschaftliche Tänzerin sei, und wenigstens zu diesen ersten Tanz hätte er sie nach Brauch und Sitte eigentlich auffordern müssen. Aber sie hatte hier schon so viele Bewunderer gefunden, daß er ganz sicher war, es würde ihr nicht an Tänzern fehlen, und der rechte Augenblick zu einer Aufforderung war nun ja ohne­dies schon versäumt. .,

Seit mehreren Minuten bereits hatte niemand mehr seinen stillen Zufluchtsort betreten. Da rauschte es hinter ihm wie von Frauengewändern, und er spürte den zarten Duft eines feinen Parfüms, der ihn unwillkürlich an Felicia erinnerte. Er blickte aus und sah sie zu seiner lleberraschung wirklich vor sich stehen, heiteren Antlitzes und mit einem, wie es ihm scheinen wollte, etwas befangenen Lächeln aus foett Sil)i)cn.

,Hierher also haben Sie sich geflüchtet!" sagte sie freundlich.Dann ist es freilich kein Wunder, daß ich Sie schon seit einer geraumen Weile vergeblich suche." _

Herbert war natürlich sogleich von seinem Divan auf- gefprungen, und er fühlte sich jetzt durch die Erkenntnis seines unritterlichen Benehmens aufrichtig beschämt. .

Sie haben mich gesucht? Verzeihen Sie mir, Felicia, daß ich Sie dazu genötigt habe. Aber ich glaubte Sie drüben unter den Tanzenden und dachte nicht einen Augen­blick daran, daß Sie mich vermissen könnten."

,,O, ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Sie wissen, daß mir nichts so sehr verhaßt ist als die Empfindung, irgend jemand durch die Rücksicht auf mich einen Zwang aufzuerlegen. Ich fürchtete nur, daß Sie vielleicht durch! ein Unwohlsein genötigt worden wären, das Fest zu ver­lassen. Und nun, da ich darüber beruhigt bin, will ich Sie nicht länger stören."

Aber er duldete nicht, daß sie ihn verließ. ,

Wie mögen Sie von einer Störung sprechen! Dars ich noch jetzt um einen Tanz bitten, Felicia, obwohl ich sehr gut weiß, daß ich ihn nicht verdient habe?"

Mit demselben liebenswürdig befangenen Lächeln, das er eigentlich heute zum ersten Mal auf ihrem Antlitze sah, schüttelte sie den Kopf.

Es geschieht nicht deshalb, daß ich neut sage, Herbert aber ich habe während der letzten zehn Minuten da drinnen so viele abschlägige Antworten gegeben, daß ich nicht den Mut habe, alle diese artigen Kavaliere zu be­leidigen, indem ich jetzt mit Ihnen tanze. Bin ich Ihnen wirklich nicht zur Last, so lassen Sie uns statt dessen lieber ein wenig plaudern. Es ist hier so angenehm ruhig und |O wohlthuend kühl."

Ohne seine Antwort abzuwarten, hatte sie auf dem kleinen Sopha Platz genommen, und eine einladende Beweg­

ung ihres Fächers forderte ihn aus, sich neben sie zu setzen. Wenn sie dem Assessor schon durch ihr verändertes Be­nehmen während der letzten Wochen um vieles sympathischer geworden war, so fühlte er sich durch die ungezwungene und anmutige Herzlichkeit ihres augenblicklichen Verhaltens besonders wohlthätig berührt, und es klang darum sehr aufrichtig, als er erwiderte:

Ich freue mich der Gunst, die Sie mir erweisen wollen, aber ich fürchte fast, daß Sie mir damit ein Opfer bringen.".

Ein Opfer inwiefern?"

Nun, Sie sind doch hierher gekommen, um sich vergnügen. Und es würde Ihnen da drüben nicht an Huldig­ungen fehlen. Ich habe die triftigsten Gründe, mich davon überzeugt zu halten."

Und den Verzicht auf diese sogenannten Huldigungen! nennen Sie ein Opfer? Sie halten mich also für ein recht eitles und thörichtes Geschöpf nicht wahr?"

Ich würde nichts Tadelnswertes darin finden, wenn Sie Ihnen Vergnügen machten. Ihre Jugend wäre dafür Rechtfertigung und Erklärung genug." .

Aber Sie wissen doch, daß ich gar nicht mehr so jung Bin. Vielleicht gehört die Zeit, da mir diese Nichtigkeiten Freude machen konnten, ebenso wie bei Ihnen langst der Vergangenheit an." , ,,, ,,

Er ließ seinen Blick über ihre herrliche Gestalt hm- qleiten und schüttelte den Kops. ,

Der Vergleich ist schlecht gewählt, liebe Felicia! Denn : es kann sich bei Ihnen doch, tut äußersten Fall um einen! gewissen augenblicklichen Ueberdruß, nicht um jene freud­lose nud unheilbare Ernüchterung handeln, die durch schmerzliche Erfahrungen gezeitigt wird "

Weshalb sind Sie dessen so sicher? Vielleicht toeil idji für gewöhnlich nicht den Kopf hängen lasse und mit den Mienen einer Märtyrerin umhergehe ? Oder weil ich mich heute geschmückt habe wie die anderen, denen es darum zu ' thuu ist, leere Schmeicheleien zu höre» und wohlfeile Er­oberungen zu machen?" . ,

Er zögerte mit der Antwort;, denn tm Klang threr Stimme war etwas gewesen, das ihn hinderte, ihre Frage zu bejahen, wie er es unbedenklich noch vor wenigen Mt-. Stuten' gethait haben würde. Ihre sonst so klaren und leuchtenden Augen schienen mit einem Mal wie verschleiert, und das raschere Atmen ihrer Brust verriet ihm, daß er, oyiie es zu wollen, an eine wunde Stelle ihrer Seele gerührte habe-n toemt etwas Ungeschicktes gesagt habe" aber ich hielt Sie bisher allerdings für em bei> wöhntes Schoßkind des Glücks. Und noch setzt kann ich kaum daran glauben, daß irgend jemand tm stände gewesen sei, Ihnen ein Herzeleid zuzufügen." .

Sie mußten ihr Gespräch unterbrechen; denn tn heiterem Geplauder traten zwei junge Paare über die Schwelle ihres Zufluchtwinkels und ließen sich in geringer Entfernung von ihnen nieder.. Die noch sehr jugendlichen Damen waren vom Tanz erhitzt und in jener glücklichen Stimmung, welche die ganze Welt in entern roftg Bett Schimmer sieht. Sie lachten über jede scherzhaft ge­meinte Aeußernng ihrer Kavaliere, warfen, einander ver­stohlen schelmische Blicke zu und steckten hier und da die niedlichen Köpfchen zusammen, um flüsternd und kichernd irgend welche geheimnisvollen Bemerkungen auszutau,cfjen. In ihrer unschuldigen Ausgelassenheit gewahrten fie era Überaus anmutiges Bild frischer, warm pulsierender Lebens­freude, und wie er.zu ihnen hinübersah, ging durch Herberts Brust eine Regung schmerzlich bitteren Bedauerns, daß dies alles schon so weit, so unendlich weit hinter ihm lag.

Er war gleich Felicia völlig verstummt; denn bei der Enge des Raumes hätten sie kein Wort sprechen können, das nicht auch von den anderen deutlich gehört worden wäre, und es schien, daß keines von ihnen sich entschließen konnte in diesem Augenblick irgend eine gleichgiltige, für fremde Ohren berechnete Bemerkung zu machen.

(Fortsetzung folgt.)