Ausgabe 
24.11.1901
 
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innere Auge war scharf. . . dieses weinende, kaum den Kinderschuhen entwachsene Mädchen war sein Kind.

Du hast sie doch kaum noch gekannt, und warst gewiß sehr ost hier... warum dieses heftige Weinen?"

Ich muß morgen fort und nehme Abschied von Mutt­chen. Ich werde wohl nicht mehr hierher zurückkommen; gab sie schluchzend zur Antwort.

Tu hast sie sehr geliebt, mein Kind", sagte er mit be­wegter et-imme;nicht wahr? Und ich habe sie auch. . . sehr gut gekannt, und sie war meinem Herzen teurer wie kein zweiter Mensch glaubst Ar mir das. Kleine?"

Ja; mein Muttchen hat feder gern gehabt."

Erzähle mir. . . warum mußt Du fort von hier, für immer?"

Tie guten Leute, die mich nach Muttchens Tode zu sich genvmmen haben, sind arme Leute. Sie haben alles an mir gethan, was sie konnten. Nun bin ich eingesegnet und muß fort, in Dienst, zu fremden Leuten, die mich nicht kennen und mich nicht lieb haben, und muß nun mein totes Muttchen zurücklassen. . ." sie warf aufschluchzend den Kopf auf das Grab uttb ließ den ungestüm -empordrängenden Thränen freien Lauf.

Der Mann stand da und kämpfte einen schweren Kampf. Ein Gedanke war in ihm eniporgestiegen, den er fürs erste noch gar nicht recht zu erfassen vermochte. Tort wurde das Mädchen -- sein Kino in die rauhe Welt hinausgestoßen, hier sehnte er sich nach Leben, Sorgfalt, Liebe. Damals hatte er schweres Leid über das Weib gebracht, das ihn liebte:. . . konnte er heute nicht an ihrem Kinde etwas davon wieder gut machen, indem er ihm eine Heimat gab? Ja, so sollte es sein. Das würde seinen späten Tagen einen Inhalt geben, und so würde er doch- noch gesegnet werden für den-Herbst und Winter seines Lebens! Liebe säen, um Liebe zu ernten ... er hatte die Gerechtigkeit des Schicksals begreifen gelernt?"

Wie heißest Du, Kleine?"

Emilie Grote."

Emilie! Er dachte an seinen Namen und wußte nun, daß ihn ihre Mutter geliebt hatte bis zuletzt.

Hat Deine Mutier niemals zu Dir von Deinem Baier gesprochen?" kam es bangend von seinen Lippen.

O ja, sehr oft!" Rein und frei waren des Mädchens Äugen auf ihn gerichtet.

Und wo war er denn?"

In die weite Welt mußte er gehen", sagte Muttchen immer! Ich sollte ihn nur recht lieb haben; er wird gewiß noch einnml wieder kommen."

Eine Zentnerlast siel von seiner Brust.

Tas sagte sie? Und darauf:Und siehst Du, Emilie, er i st wiedergekommen. . ."

Tas Mädchen war aufgesprungen.

Sie Tn? Mein Vater?"

Ja, Emilie! Du sollst nicht in die Welt hinaus zu dem fremden Leuten. Bei mir sollst Tn bleiben und mich lieb haben. Willst Dn das thun, Eniilie, meine Tochter?"

Und sie ergriff stürmisch die Rechte, die er ihr ent­gegenhielt, mit beiden Händen, drückte sie, neigte ihr Antlitz darüber nnb weinte stillselig vor sich hin.

Sie wußte doch nun, wo sie hingehörte, unb auch ihm war zu Mute, als hätte er jetzt, mit einem Mal, eine Heimat gefunden._________________________________

(Nachdruck verboten.)

Gesprengte Fesseln.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Auch der Stadtrat war gerade heute sehr wenig auf­gelegt, den heiter lächelnden Festteilnehmer zu machen. Aber er zögerte trotzdem keinen Augenblick, die Mahnung seines Töchterchens zu befolgen; denn niemals hatte er so eifrig wie in den letzten Wochen jede Gelegenheit ergriffen, sich öffentlich zu zeigen, und durch eine strahlende Miene wie durch gewinnende Liebenswürdigkeit die Welt von der Wolkenlosigkeit seines Lebenshimmels zu überzeugen. Er wußte, daß seit langer Zeit allerlei Gerüchte über seine zerrütteten Verhältnisse umliefen, und toemt er sich auch nicht der Hoffnung hingab sie durch sein Auftreten völlig zum Schweigen zu bringen, so konnte er doch wenigstens verhindern, daß sie sehr zur Unzeit neue Nahrung erhielten.

Während er mit Frau und Tochter nach dem ziemlich weit von seiner Wohnung entfernten Festlokal fuhr, bliest er verstimmt und schweigsam ; aber in dem Augenblicke, da er die Stadträtin am Arm führend den glänzend erhellten Saal betrat, war er völlig verwandelt. Heiter blickten seine noch immer jugendlich lebhaften Augen umher, ein gütiges; Lächeln war auf seinen Lippen, und er wurde nicht müde, nach rechts und nach links auf das verbindlichste die Grüße feiner zahllosen Bekannten zu erwidern.

Herbert und Felicia waren schon vor ihnen eingetroffen. Es Ivar das erste Mal, daß der Assessor sich an einem! öffentlichen Orte mit seiner Base zeigte, nnd die Schönheit der Amerikanerin, die auch die meistbewunderten unter den einheimischen Sternen völlig verdunkelte, erregte allgemeines Aufsehen und Erstaunen. In ihrem kostbaren weißen Kleide und in der funkelnden Pracht ihres nach deutschen Be-, griffen für ein junges Mädchen viel zu wertvollen Juwclen-- schmuckes glich Felicia in der Thal mehr einer Märchen- Prinzessin als der Tochter eines schlicht bürgerlichen Mannes, und es konnte nicht fehlen daß man sich bald nach ihrem Erscheinen überall im Saale die fabelhaftesten Tinge von ihren unermeßlichen Reichtümern zuraunie. Auch hier fand man es höchst befremdlich, daß ihr offenbar von der Meister­hand eines genialen Toilettenkünstlers gefertigtes Kleid die: herrlich geformten weißen Schultern freiließ, während ihre Arme bis zu den Handgelenken bedeckt waren. Aber man nahm es für die Offenbarung einer ganz neuen, bisher nicht nach M. gedrungenen Mode, und es trug schließlich nur dazu bei, die Bewunderung für ihre ungewöhnliche' unbi blendende Erscheinung zu erhöhen.

Daß die Verlobung des Assessors mit der Tochter des städtischen Rendanten Lindemann rückgängig gemacht worden fei, war natürlich längst ein öffentliches Geheimnis. Ludwig Ignatius selbst hatte nach Kräften dafür gesorgt, es bekannt werden zu lassen. Und nicht die Klugen und die Scharfsichtigen allein, die jederzeit das Gras wachsen hören, sondern auch die Harmlosen und Einfältigen glaubten nun mit einem Male die Erklärung für das bis dahin auf die verschiedenste Art gedeutete Ereignis gefunben zu haben. Man begriff, baß neben ber Schönheit unb bem ver­führerischen Reiz einer solchen Rivalin Margarete Linde- rnauns zarte Lieblichkeit nicht hatte bestehen können, und zumal bie weiblichen Beurteiler fanden das Verhalten des Assessors vollkommen erklärlich.

Herbert ahnte nichts von den für ihn so schmeichelhaften Vermutungen, die unter den Personen seiner Bekanntschaft ausgetanscht wurden, während er mit Felicia die ganze Länge des Saales durchschreiten mußte, um zu ihren in einer der ersten Reihen gelegenen Plätzen zu gelangen. Aber er bemerkte allerdings, in wie hohem Maße seins schöne Begleiterin ein Gegenstand der allgemeinen Auf­merksamkeit war, er hörte die halblauten Ausrufungen ber Bewunderung unb bas von entzückten ober neibischen Blicken begleitete Gewisper ber Damen unb Herren, an benen sie vorübergingen. Wenn ihm schon vorhin Felicias anfsallenbe Toilette unb ihr überreicher Schmuck eine Em- psinbung lebhaften Unbehagens verursacht hatten, so be­reute er es jetzt gerabezu, ben Bitten seiner Schwester nach- gegeben zu haben. Unb noch vor Beginn bes Konzertes sobalb seine inzwischen eingetroffenen Angehörigen sich zu ihnen gesellt hatten benutzte er einen Augenblick, in welchem bie beiben jungen Mädchen eifrig miteinander plauderten, um sie zu verlassen und sich ganz in den Hintergrund des Saales zurückzuziehen.

Bon den einzelnen Nummern des Programms hätte er nachher kaum Rechenschaft geben können; denn wie immer, wenn sie nicht durch augestrengte Arbeit abgelenkt wurden, waren gar bald alle seine Gedanken wieder bei Margarete, deren holdes Bild seine Seele heute noch ebenso er­füllte wie in den Zeiten seines unwiderbringlich bahin- aeschwunbenen Liebesglückes. Wohl kämpfte er Tag und Nacht mit Daransetzung seiner vollen Willenskraft gegen diese Schwäche, die er bei sich selbst unmännlich und un­würdig nannte. Aber seine energischen Vorsätze halsen ihm ebensowenig wie die immer aufs neue heraufbeschworene Erinnerung an die erlittene tätliche Kränkung. Er konnte Margarete wohl grollen, aber er konnte darum doch nicht aufhören, an sie zu denken unb sie zu lieben.

Das namentlich von dem jüngeren weiblichen Publikum mit immer beutlicheren Anzeichen ber Ungebnlb begleitete Konzert war enblich vorüber, unb bamit erst nahm das