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aufgewendet, um dem Leben einen neuen Geschniack abzugewinnen, bis ihn endlich der Ekel vor sich und seinem schalen Treiben bewog, die Jagd nach Genuß völlig cin- zustelleu. Als er draußen nichts mehr fand, das ihn reizen konnte, begann er nach innen zu schauen, und fand wenig Erfreuliches. Stimmen schrieen da auf, die er bislang in Vergnügungen übertäubt hatte; sonst war eine gähnende Leere in seinem Innern. Er fing an zu frösteln, und sich einsam zu fühlen, und dieses Gefühl war umso schwerer, da er in die Jahre gekommen war, wo die Bangigkeit der Einsanikeit und eines öden, freudlosen Winters sich über die Seele legt, !vo das Herz schreit nach Wärme, und nach dem Sonnenschein fürsorgender Liebe. Was hatte er früher danach gefragt?! Jetzt, da er sich danach sehnte, war es einsam nm ihn geworden. Hatte er nicht alle die guten, treuen Herzen mit seiner Selbstsucht von sich gestoßen? Nun war er ein einsamer, kränklicher, verbitterter Mann, der keine Freude haben konnte an seinem Reichtum.
Der zu früh Gealterte trat von neuem aus Fenster. Wie die trockenen Blätter dort drüben die Parkwege entlang jagten! Das war auch alles einmal jung, saftstrotzend, lebensfrisch, und jetzt . • . .? War es mit seinen Freuden, mit seinen Genüssen anders bestellt? —
Müde und trübe flog ein Lächeln um seinen Mund. Eine süße, eine köstliche Zeit stieg in ihm empor. Bor 16, 17 Jahren vielleicht . . . das stille Liebesglück mit seiner „kleinen Maus"! Klara hieß sic; aber ihren Namen hatte er kaum einmal gebraucht. Dort, drüben im Prak .... wie oft sind sie nicht dort gewandelt an lauen Sommerabenden, in leuzlicheu Vollmoudnächten, hatten einander ewige Treue geschworen und herzinnige Liebe, und einander in die verklärten Augen geschaut, und Lippe auf Lippe gedriickt in begeistertem Welt- und Selbst- Bergessen. Die Gunst des anderen Geschlechts hatte er überreichlich erfahren, vorher und nachher; aber noch aus keiner Liebe, weder früher noch später, war ihm ein so reines, köstliches Glück geflossen. Warum hatte er auch sie verraten, seine kleine Maus, die ihn bis zur Abgötterei geliebt hatte, verraten wie alle andern? Ja, warum? Er sann darüber nacb. Irgend ein großes Lebensziel, Grundsätze, eine höhere Idee hatte er nicht besessen, daß er sie vielleicht deshalb aus innerer Not- wemdigkeit hätte opfern müssen. Also aus reiner Laune? Weil ihm zu wohl war? Waruni hatte er sie geopfert? Diese Frage pflanzte sich drohend und quälend mitten in die Sturmflut feiner Gedanken, und diese Gedanken stauten sich an diesem flammenden Fragezeichen, krochen an ihm einpor, und kreisten herum, und fanden doch keine Antwort darauf.
Nun war sie tot, und das Glück, nach dem er sich jetzt so sehnte, unwiederbringlich dahin. Sie hatte die Trennung von ihm nicht viel länger als ein Jahr überlebt. Aber die Nachricht von ihrem Tode hatte ihn damals kaum mit einem flüchtigen Bedauern erfüllt . .. weiß der Himmel, wie es kam . . . vielleicht war das schwermütige Totenfestwetter daran schuld. . . heute drückte ihn der Gedanke an den frühen Tod seiner kleinen Mans fast zu Boden. Aber ihn fröstelte, der Herbst war da, und er sehnte sich nach einem traulichen Feuer; ihm ward emsam, dem Alternden öffneten sich die Thüreu nicht mehr so bereitwillig wie der werbenden Jugend, und er sehnte sich nach Liebe unb zärtlicher Fürsorge. Alles das hätte er haben können, und er hätte so glücklich sein können, wie nur irgend einer; aber da trat er das Glück zu Boden, stürmte darüber hin, und glaubte, daß es immer blühen ivürde für ihn. Er kannte doch die Weiber, und hätte auch das Weib „Glück" kennen müssen. Er hatte es verschmäht, und hätte seine Rache fürchten sollen. Nun war die Rache da! Aufgestanden war er von reitf) besetzter Tafel; nun er hungrig geworden war vom ziellosen Jagen — ach, wenn es doch von einer Lebensarbeit gewesen wäre! — und er sich niedersetzen wollte, hatte der Tod reinen Tisch gemacht.
®ie trübseligen grauen Schatten reckten sich immer hoher um ihn her. Ihm war's, als müsse er ersticken- Er tnußte Lust haben, andere Eindrücke. Zerstreuung. Da hinten jm Osten wurde das Gewölk ein wenig lichter, vlaßgelbe Streifen kamen znm Vorschein. Geh' ein wenig spazreren, sagte er sich, das bringt das Blut in Bewegung,
giebr andere Gedanken und macht Appetit für das Mittagessen. ---- '
Draußen umbrandete ihn ein gewaltiger Strom von Menschen. Fast altes strebte der einen Richtung zu. Willenlos ließ er sich führen, hierher und dahni lreß er seine Blicke beim Geyen schweifen, hoffend, die quälenden Gedanken würden ihn verlassen; aber sie gingen nicht, sie waren treuer als er.
Verkaufsstellen unb fliegende Händler mit Blumen erinnerten ihn daran, daß er in der Nähe des Friedhofes war. Unbewußt und fast gegen seine Absicht ging er weiter.
Ta stand er auf dem Ruheplatz der Toten! Ein Meer von Gräbern vor ihm! Aber nichts von jenem düsteren, verzweifelten Eindruck, den er so sehr fürchtete! Festlich geputzte Menschen, Stimmengewirr, prangende Blumen auf und zwischcu deu Hügel« ... Osten atmete ordentlich aus. Es lag Stimmung über dem Bilde, wenn auch das Schwarz der Drauergewünber vorherrschte.
Lange stand er und sann. Ganz eigen vourde ihm zu Mut. Zwar waren es noch dieselben Gedanken, die ihn beschäftigten, aber die verbitterte, anklägerische Stimmung von vorhin war einer weicheren gewichen. Hier auf diesem Kirchhof mußte sie ja liegen, seine süße, kleine Maus von damals! Ob jemand lvar, der ihr Grab pflegte? Schwerlich! Sic halte ja niemand, stand ganz allein auf der Welt, hatte niemand als ihn, den einen, und dieser eine hatte sie verraten! Unb ber Wunsch stieg in ihm auf, ben Hügel einmal zu sehen, ber eine kurze Spanne Glück umschloß.
Er trat bei bei» Friedhofswärter ein; ein kleines Trinkgeld verschaffte ihm balb Auskunft....
.....Das also wär ihr Grab; halb eingesunken, von entblätterten Cpyeuranken umgeben. Am Kopfende stand ein kleines Gerauiümstöckcheu, das, so verwahrlost es auch lvar, dennoch eine letzte Blütendolde leuchtend rot in die trübe Luft des Spätherbstes hinausreckte. Etwas lvie Scham wollte in seinem Herzen emporsteigen, ja noch mehr, es that ihm Weh, inen« er sich auch nicht völlig klar darüber war. Einer augenblicklichen Eingebung folgend, lief er zum Eingang, kehrte, beide Arme mit Blumen beladen, zurück und legte diese auf dem Grabe nieder. Unb dabei wurde sein Auge feucht im zärtlichen Gedenken, nun. da er seiner jetzigen leeren Einsamkeit gedachte, und er mußte schnell mit dem Handrücken über die Lider fahren, sonst hätte er ja der Welt das unerhörte Schauspiel seiner Thränen gegeben! Freilich, es hätte sich niemand darum gekümmert.
Er trat ein wenig zurück und setzte sich auf eine Bank, die bei einem entfernteren Grabe stand. So saß er und sann und vergaß die Gegenwart über der Vergangenheit.
Ein ärmlich aber sehr sauber gekleidetes Mädchen von etwa fünfzehn Jahren trat an das Grab. Fast erschrocken schauten die großen Augen aus dem blassen, Vertrauen erweckenden Gesichtchen, als sie den reichen. Blumenschmuck gewahrten. Aengstlich blickte die Kleine sich um; aber sie sah niemand, ben sie im Verbucht haben konnte, und da auch der Mann da drüben auf der Bauk scheinbar nicht die geringste Notiz von ihr nahm, legte sie ihre Gaben, ein Blumenstöckchen und einen Jmmortellenkranz, auf das Grab und sank dann daneben aus die Knie.
Des Mannes Augen waren starr und weit geworden-, als sähen sie mehr an dem Mädchen, als andere Äugen ge- seheri haben würden. Wie ward ihm denn? Dieses weiche, brennende Braun des widerspenstigen Lvckenhaares, dieses große, feingeschnittene Auge . . war das nicht alles . . .
Emil Osten fuhr zusammen. Ein herzbrechendes Sch,luchf- zen klang von dem Mädchen herüber. Dieses Schluchzen drang an seine Seele, wie noch nie ber Kummer eines Menschen ihn ergriffen hatte. Das war aber auch mehr als ber Schmerz über ben Verlust eines Teuren, den bereits eine stattliche Reihe von Jahren gemildert hatte; das war der wilde, verzweiflungsvolle Schmerz einer so eben geschlagenen Wunde.
Ohne zu wissen, wie es kam, stand der Einsame plötzlich bei dem Mädchen. Erschrocken schaute sie mit den großen, thräuenüberströmten Augen zu ihm einpor.
„Diese Tote. . begann er mit stockender Stimme, „die dort unten schläft... sie war . . Deine Mutter?"
Sie nickte stumm und bestätigte damit nur, was ihm längst schon zur vollen Gewißheit geworden wär. Tie Aehn- lichkeit mit ihr und mit — rhm war unverkennbar. Das.


