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1901. Nr. 169.

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Zum Totenfeste 1901.

(Nachdruck verboten.)

Verglüht nun ist der wilde Wein;

Kahl reckt am Pfarrhof längst die Linde Ihr Astwerk auf; am Wiesenrain Schwankt trüb' ein dürrer Halm im Winde . . Die reichen Beete grau und leer, Die Asternpracht noch jüngst getragen . . . Nicht eine letzte Rose mehr

Grüßt Dich von gold'nen Sommertagen! *

Ein rauher Sturm durchfegt die Flur; Kalt kriecht der Nebel um die Schollen. Die müden Augen schließt Natur Und träumt vom Lenz, dem blütenvollen: Da graut ein Tag im Nebelflor, Wo späte Düfte uns umfächeln. Und aus des Kirchhofs Gitterthor In Wehmut süße Rosen lächeln!

Das ist der Sonntag leidumloht. An dem wir zu den Hügeln wallen. In denen nach der letzten Not Erlösung wird den Pilgern allen! Laßt denn das Weh, das jäh erwacht, Die Glut der schlechtvernarbten Wunden, In Eures Friedens tiefer Nacht Von unfern Blumen Euch bekunden! . .

Und fehlt auch manchem Hügel noch!

Ein Kranz voll zarter Blumensterne:

Ein still Gedenken grüßt ihn doch!

So viele schlummern in der Ferne, Auf fremder Flur, in Klipp' und Kluft, Wo schrill des Todes Sicheln klangen; Wer legt den Kranz auf ihre Gruft? Und sind in Liebe bod). umfangen! . .

Der Tag verglüht... im Dämmerglanz Noch einmal leuchten Rosen, Nelken Und Lilien auf. . . und Kranz um Kranz, Eh' sie im Frost der Nacht verwelken; Doch lange noch ringt manches Herz Im bittern Kampf mit Gram und Kummer, Bis spät ein Traum es sternenwärts Entführt im heißersehnten Schlummer!.,,

Alwin Römer,

Auf dcm Friedhof.

Skizze zum Totensonntag von Max Wundtke.

(Nachdruck verboten.)

Verdrossen schob er das Zeitungsblatt zurück und ev- hob sich von dein gedeckten Frühstückstisch, an dem er soeben seinen Kakao genossen hatte. Er sah nach der Uhr, und trat dann an das Fenster. Schon gegen Mittag! Wollte es denn heute gar gar nicht Tag werden? Soweit er blicken konnte. - . ein dicker, grauer Wolkenschleier über den ganzen Himmel hinweg. In den tieferen Regionen flogen einige dunkle Wolkenfetzen, vom Sturme gejagt, vorüber. Drüben im Park neigten sich ächzend die Kronen unter den Windstößen; dürres Laub, braun, gelb und rot, raschelte in wilder Jagd die Kieswege entlang, um den Fuß vereinzelter Spaziergänger. Die Menschen auf der Straße drunten eilten fröstelnd dahim Man konnte nicht recht erfahren: regnete es oder nicht? Jedenfalls war die Luft erfüllt von jener kalten, er- kältenden Feuchtigkeit, die wie ein Mißmut und Unbe­hagen verbreitendes Fluidum durch die wärmsten Kleider und scheinbar auch durch! die Poren der Haut bis ins Innere des Körpers dringt. c L o

Er trat von dem Fenster zurück, und ließ das Auge wie hilfesuchend durch, das Zimmer schweifen. Da blieb es auf dem Schreibtisch haften. In dicker, roter Schrift leuchtete es ihm vom Kalender entgegen: Totensonntag!

Mißmutig griff er tvieder nach der Zeitirng.

,Auch das noch!" murrte er halblaut vor sich hin. Nicht genug an diesem jämmerlichen Wetter, daß man sich in einen gottverlassenen Winkel setzen möchte, und heulen. - . nun auch noch das gefühlvolle Drum und Dran dieses Tages! Das ist ja, um

Die Zeitung flog von neuem auf das Kanapee. Er stützte den Kopf in die Hand und sann. Aus den. tiefsten Gründen der Vergangenheit tauchten bte Geoanten empor; sie bekamen Bült und Leben, und schwirrten nun UM ihn her. . . der Ernst des Totensonntags hatte ihn ergriffen wider Willen.

Emil Osten war von den Fünfzigern mcht mehr weit entfernt. Ein scharf geschnittenes Gesicht, dem mall es ansah, daß es viel erlebt hatte, mit stark ergrautem Schnurrbart uub verwitterten, zerknitterten Zugen, die ewig unzufrieden und verdrossen erschienen, ^vas war nicht immer so gewesen! Der Leichtsinn war früher mcht zum geringsten sein Teil. Hatte ihm doch das Schicksal alles geboten, um das Leben angenehm zu sinden. Und ganz zuletzt, vor etwa sechs Jahren, da hatte es ihm zum Ueberfluß noch eine Erbschaft in den Schoß geworfen, die es ihm gestattete völlig unabhängig zu leben, und auf jeglichen Erwerb verzichten zu können. . Da war er hinausgezogen in die weite Welt, hatte bald hier, bald dort; gelebt, immer mehr Geld und immer mehr Muhen