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weher Schmerz, daß er ihr leid that. Sie suchte einzulenken.
„Sei doch verständig und ruhig, Eitel Fritz. Es mag ja sein, daß tdji etwas unvorsichtig dem verliebten Geck gegenüber gewesen bin — mein Gott, es machte mir Spaß und brachte etwas Wwechselung in diese entsetzliche Langeweile hier .. . weiter nichts. Ist denn das der Rede wert? Was habe ich denn Großes verbrochen? Du schickst den Menswen fort, und damit ist die Sache abgethan."
Ihre frivole Auffassung erregte ihn nur noch mehr.
„Tu glaubst wirklich,? — lind der Hohn der Menschen, wenn sie die plötzliche Entlassung des Mannes sehen, der noch gestern abend die Gäste meines Hauses bewillkommnete?"
„Nun gut, so laß uns selbst fortgehen", versetzte sie ungeduldig. „Die Langeweile tötet einen hier beinah. Laß uns nach Berlin oder noch besser — nach der Riviera. Sei gut. Eitel Fritz — Du sollst auch mit mir zufrieden sein . . . nur diese schreckliche Langeweile bringt mich auf solche thörichten Gedanken. Erinnere Dich unserer Hochzeitsreise nach der Riviera und Rom — war es nicht herrlich? —"
Sie legte schmeichelnd den Arni um seine Schulter, und blickte ihn mit verführerischem, schelmischem Lächeln an. Aber der Zauber ihres Blickes war für ihn erloschen, hatte er doch zu oft sehen müssen, daß sie mit diesem selben Blick anderen Männern den Sinn verwirrte. Er streifte mit einer leichten, abwehrenden Bewegung ihren Arm von seiner Schulter.
„Damals glaubte ich noch, wir würden uns verstehen lernen", sprach er ernst, „ich hoffte, wir würden uns in einander einleben, und die Liebe, welche uns zusammengeführt, würde in unseren Herzen immer tiefere Wurzeln fchlagen. Mein Glaube ist zerstört, meine Hoffnungen sind getäuscht. . ."
„War es meine Schuld?" fragte sie kurz und scharf.
„Ja", entgegnete er ruhig; denn er hatte seine volle Fassung wiedergewonneu. „Ja, es war Deine Schuld! Dir war das Leben stets nur ein Spiel, ein Fest, und die Menschen nur dazu geschaffen, itnt Dir Unterhaltung zu gewähren.. Ich, will mich nicht besser machen, als ich bin — auch ich lebte eine zeitlang leichtherzig und leicht- srnnrg dahin, auch ich glaubte, die Arbeit, die ernste Pflichterfüllung sei eine Last, der man aus dem Wege gehen müsse. Auch für mich war das Leben eine zeitlang nrcyts als Genuß uud äußerer Glanz. Aber ich habe einen tieferen Einblick in das Leben gewonnen, ich habe erkannt, daß das Leben leer und öde ist, ohne ernste Arbeit, ohne strenge Pflichterfüllung. Und deshalb entschloß ich mich, yrer zu bleiben und zu arbeiten, und deshalb werden wir auch jetzt nicht fortgehen, sondern in ernster Erfüllung unserer Pflichten gut zu machen suchen, was wir beide verfehlt."
. Das alte spöttische Lächeln lag wieder auf ihrem Antlitz bet dreien Worten ihres Gatten.
„Wer hat Dich diese schönen Worte gelehrt?" fragte sre ironisch!. ' a
„Spotte nicht, Irma", entgegnete er fest, „irr dieser Stunde , nicht, wo, es klar zwischen uns werden soll. Ich brete Drr noch, einnial die Hand zürn Frieden. Was ge- chehen rst, soll vergangen und vergessen sein — auch Deine Verirrung — nur laß von Teurem thörichten Leichtsinn ab, sucpe mich in meiner Arbeit zrr unterstützen, nimm Anteil — wahres, warmes Interesse — an meiner Arbeit, und schaffe "A-vc selbst einen Wirkungskreis ernster Arbeit. Dann wird der Frieden wieder in unser Haus einkehren, wir werden beide vergessen, was hinter uns liegt, wir werden unsere Fehler einander verzeihen, die Liebe und das Glück werden wieder in unsere Herzen einkehren, und nach Jahren wrrd uns die Zeit unseres Leichtsinns als ein wüster Traum erscheinen, über den wir dann lächeln werben. Hier meine r ' Srntn — ich meine es ehrlich! und aufrichtig — Tu soilst Dich nie mehr über mich zu beklagen haben, wenn Tu auf meine Wünsche eingehst. .
Sie blickte eine Weile sinnend vor sich nieder. Stieg vor ihrem,,seelischen Auge ein schönes Bild heiteren Friedens, liülen Glückes uiid gemeinsamer Arbeit empor, wie sie es drüben in Jesewitz bei Arno und Ruscha gesehen hatte?
Wte glänzende Bild des großeii, welüi Mo tischen Lebens mit seinen hundert und aberhundert Ge-°
Nüssen, Anregungen, Abwechselungen und Aufregungen vor ihr auf?
Langsam erhob sie das Auge, und blickte ihn unsicher an.
„Ich könnte vielleicht ans Deinen Vorschlag eingehen", sagte sie dann, „wenn ich überzeugt von der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit Deiner Worte wäre . . ."
„Irma, Du zweifelst? In dieser Stunde, wo Du als Verzeihung Bittende vor mir stehen solltest — wo ich Dir dm Hand zur Versöhnung, zum Friedcil reiche — wo ich alles vergessen will, was zwischen uns vorgesallen?"
Ihr Stolz, ihr Trotz erwachten wieder in ihrem Herzen. Tie Rolle einer Verzeihung Erbittenden sagte ihrer trotzigen, hochmütigen Seele nicht zu; was er ihr vorwarf, das hatte er in weit höherem Maße begangen.
, „Ja", entgegnete sie, „ich zweifle an Deiner Aufrichtigkeit; denn nicht das Interesse an der Arbeit, an Deinem Besitz, nicht der Ueberdruß an unsereni früheren Leben haben Dich hier festgehalten, sondern ein höchst persönliches! Interesse, das mit dieser strengen Pflichterfüllung, die Tu von mir forderst, durchaus im Gegensatz steht.. .
„Irma . . .? Ich verstehe Dich nicht?"
„Tu wirst mich verstehen, wenn ich Dir sage, daß ich Dich vorn ersten Tage unseres Hierseins cttt durchschaut habe, wenn ich Dir sage, daß ich Deinen ganzen Roman mit Else Brcymann kenne. . ."
Eine leichte Blässe überzog seine Wangen, und er wich etwas von ihr zurück. Sie bemerkte sein Erschrecken und ein triumphierendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht,
„Irma, Du weißt nicht, was Du sprichst."
„Ah, sehr wohl, mein Bester", entgegnete sie spöttisch
„Ich! weiß, daß Else Brcymann Deine Jugendgeliebte ist, ich weiß, daß Du sie bereits am Tage nach unserem Eintreffen wieder gesehen hast, und daß dieses Wiedersehen den Entschluß in Dir entstehen ließ, hier — in ihrer Nähe zu bleiben, und ich habe Dich oft genug mit iHv zusammen gesehen. Und jetzt antworte mir — jetzt leugne, wenn Du es vermagst!"
„Ich werde die Wahrheit nicht verleugnen", sagte er, und seine Stimme bebte vor innerer tiefer Erregung. ,„Ja, es ist wahr, Else Brehmann und ich wir liebten uns! einst, und wenn die Verhältnisse es gestattet, so würde sie jetzt an Deiner Stelle stehen. Aber um Deinetwillen! habe ich ihr entsagt — bin ich ihr treulos geworden. . 'S
Irma lachte höhnisch auf.
„Um meinetwillen?! — Bleiben wir bei der Wahrheit: um meines Geldes willen."
„Irma — bei Gott, es ist nicht wahr! Ich liebte Dich damals — nicht um Deines Geldes willen, sondern um Teiner selbst willen .. ."
Sie zuckte die Schultern, und wandte sich ab:
„Redensarten", sagte sie, „Tein Verkehr mit Deiner Geliebten beweist es. .
„Sprich nicht in solchem Don von Else!" fuhr er auf. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen — unser Verkehr war rein und harmlos — die Verleumdung selbst kann keinen Fleck an dem Leben und Denken Elses finden."
„Verschone mich mit solchen gesalbten Worten. Verschone mich aber auch mit albernen Anklagen und gefühlvollen Redensarten. Nicht ich habe Dich hintergangen, sondern; Tu — Du hast mich betrogen und belogen, und nicht Du hast Rechenschaft zu fordern, sondern ich — ich ganz allein!"•
„Tas ist zu viel!" stieß er heftig hervor. Ein rasender Schmerz krampfte sein Herz zusammen, daß ihm das Blut in Stirn und Wangen stieg. Ja, die Liebe zu Else war wieder in ihm erwacht — er hatte erkannt, daß er M ihrer Seite das Glück, den Frieden gefunden haben würde, nach dem er alle die Jahre vergeblich gerungen, aber niemals war ihm der Gedanke einer sündigen, verbrecherischen Liebe gekommen! Er hatte diese Liebe tief in sein Herz verschlossen — ein heiliges, reines Vermächtnis seiner glücklichen Jugendzeit — er hatte, als er erkannte, daß auch Else ihn noch liebte, seine Besuche auf Jägerhof eingestellt, hatte Else wochenlang nicht gesehen, nur immer in flüchtiger Begegnung — er hatte alles vermieden, um auch! nur den leisesten Schein des Unrechtes auf sie zu werfen,
Und jetzt mußte er hören, daß die elendeste Verleumdung sich doch an dieses reine Verhältnis heranwagte', daß man Else dennoch mit Schmutz bewarf?
Ter Zorn übermannte ihn. Mit festem Griff erfaßte er Irinas Handgelenk.


