Ausgabe 
24.2.1901
 
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-unseres Volkes über ihren Kollegen gedacht und geschrieben haben.

So erschien vor Jahren ein Aufsatz Johannes Trojans, in dem es heißt:

Durch den ungeheuren Erfolg Fritz Reuters ist ein -anderer plattdeutscher Dichter, der es verdient, nicht nach, sondern neben Reuter genannt zu werden, ganz in den Hintergrund gedrängt worden. Es ist John Brinckman. Der bescheidene Mann erkannte es selbst wohl, wie gefähr­lich ihm Reuters Lorbeeren waren und ergab sich in sein Schicksal. Nicht ganz hat es ihm an Anerkennung und Schätzung gefehlt, und Klaus Groth hat zu verschiedenen Malen mit Wärme für ihn das Wort genommen; aber die Anerkennung breitete sich nicht weit aus, und die Empfehlung blieb wirkungslos. Freilich wurde Brinck- mans Hauptwerk, die ErzählungKasper Ohm un ick", die im ersten Druck gegen das Ende der fünziger Jahre erschien, im Jahre 1876 zum dritten Male aufgelegt; dennoch ist dieses Werk in weiteren Kreisen so gut wie unbekannt geblieben. Und was sind auch drei Auflagen in zwanzig Jahren? Neber zwanzig Auflagen hat in einem JahrRembrandt als Erzieher" erlebt, und Tausende haben sich daran wirr gelesen.

Und doch istKasper Ohm un ick" ein Buch, das seinen Verfasser zu einem der beliebtesten und gelesensten Dichter hätte machen müssen, soweit niederdeutsche Mundart ver­standen wird. Und wenn jetzt auch Kritik und Publikum ihm gerecht werden sollten: der Verfasser kann sich dessen nicht mehr freuen. Er ist tot seit langen Jahren. . . . John Brinckman war ein Rostocker Kind. In Rostock hat er das Gymnasium absolviert und dann studiert, zuerst die Rechte, dann, als er sah, daß die Jurisprudenzdie Rechte" nicht toor, neuere Sprachen und Litteratur. Auch darin hat er vermutlich das Richtige nicht gefunden; denn unzweifelhaft war er als Dichter geboren, und dazu berufen. Doch das ist ein Beruf, für den sich keiner gern offen entscheidet, weil er nicht zu denehrlichen" Berufsarten zählt. Brinckman trieb sich dann eine Zeit lang in der Welt herum. Zuerst ging er nach England, dann war er sieben Jahre in New Aork als Sekretär im "Bureau der brasilianischen Gesandtschaft. Das Klimafieber trieb ihn nach der Heimat zurück. Seit 1846 ist er wieder in Mecklenburg, und gewinnt anfänglich seinen Unterhalt als Hauslehrer, dann errichtet er in Goldberg eine Privatschule und Pensionsanstalt. Glück scheint er dabei nicht gehabt zu haben. 1849 wurde er an die Realschule zu Güstrow als Lehrer der neueren Sprachen berufen, und dort ist er im Alter von dreiundfünfzig Jahren gestorben.

Die GeschichteKasper Ohm un ick" ist ein Meisterwerk. Von Anfang bis Ende ist sie von dem köstlichsten Humor durchdrungen. Man kommt aus der behaglichen Stimmung nicht heraus, so lange man das Buch in Händen hat. Es liegt eine Art von ausgleichender Gerechtigkeit darin, daß ein Mensch, der stets mit Not und Sorgen zu kämpfen hat, etwas so von Heiterkeit Strahlendes, etwas so herzerfreuen­des schafft. Ausgleichende Gerechtigkeit liegt darin, wenn das Wort wahr ist und unzweifelhaft ist es wahr daß Geben seliger ist, denn Nehmen. Die Personen, von denen das Buch handelt, in erster ReiheKasper Ohm" oderKaptein Pött" selbst, sind nach dem Leben gezeichnet mit der Sicherheit, die nur echter Kunst eigen ist. Alles ist echt daran. Dabei ist das Buch vollständig frei von Sentimentalität, und darin ist Brinckman sogar Fritz Reuterüber", wie Onkel Bräsig sagt. Uebrigens fehlt es Brinckmans Werk nicht an dem, was auf Herz und Gemüt wirkt. Der letzte Teil der Erzählung ist sogar sehr wirkungsvoll in dieser Beziehung. Die kunstvolle Anlage des Ganzen spricht sich darin aus, daß zum Schluß ein überaus spannendes Abenteuer erzählt wird. Ob das Ge- sehichtchen, es handelt sich um die auf kühne Weise ins Werk gesetzte Befreiung eines Gefangenen, auf Wirklichkeit beruht, weiß ich nicht, es ist so vortrefflich erzählt, daß es in höchstem Grade glaubwürdigerscheint. Offenbar hat Brinckman aus seinen Jugenderinnerungen geschöpft, und rn den alten Andrees, der im Kreise guter Freunde bei Schato Dickem" das Ganze zum Besten giebt, viel von sicy selbst hineingelegt. Die tollen Jugendstreiche, ohne Die ein richtiger Rostocker Junge nicht zu denken war.

nehmen einen großen Raum in der Erzählung ein. Da­zwischen spinnt sich eine kleine Liebesgeschichte ab, die mit wenigen Strichen auf das Anmutigste ausgeführt wird, und mit einer Hochzeit schließt. Auf dieser Hochzeit hält Kasper Ohm", der Onkel des glücklichen Bräutigams An­drees und der Vater der Braut, eine Rede, die ebenso kurz als vortrefflich ist, und mit dieser Rede schließt die Erzählung. Sie könnte keinen wirkungsvolleren Schluß haben.

Möge diese Empfehlung ein Weniges da­zu beitragen, dem köstlichen Buch Leser zu gewinnen. Hat es eine gewisse Zahl von Freunden er st erworben, so werden diese dafür sorgen, daßesweiterverbreitetwird."

Nicht minder anerkennend urteilt einer der Be­rufensten, der nun auch verstorbene Klaus Groth, wenn er in einem Artikel schreibt:

John Brinckman gehört unter die plattdeutschen Schriftsteller ersten Ranges. In seinemVagel Griep" finden sich Lieder und Romanzen voll Reiz und Schönheit, feinKasper Ohm un ick" ist ein Roman von einer Voll­endung, daß man prophezeien darf: man wird ihn lesen, so lange man plattdeutsch ließt, und die Zahl seiner Freunde und Verehrer wird wachsen mit den Jahren.

Es geschieht int Interesse aller Freunde des Platt­deutschen, daß ich nochmals dem vortrefflichenKasper Ohm" ein Wort der Empfehlung mit ans die weitere Reise gebe; denn sobald sie seine Bekanntschaft gesucht haben, wird er sich ihnen selbst empfehlen."

Einer der eifrigsten Vorkämpfer für den Ruhm seines Landsmannes ist aber Heinrich Seidel, der noch in persön­lichem Verkehr mit ihm gestanden hat, und so mögen denn auch einige Worte aus seiner vielbeliebten Feder hier Platz finden:

John Brinckman ist als plattdeutscher Dichter noch lange nicht so bekannt, als er es verdient. Es ist dies um so wunderbarer, als seinKasper Ohm un ick" ein höchst amüsantes Buch ist, und bei jedem Leser, der Sinn hat für humorvolle und charakteristische Darstellung wirklichen und eigenartigen Lebens, ein unvergleichliches Behagen erzeugt. .... Unsere deutsche Litteratur ist merkwürdig arm an humorvollen poesieverklärten Darstellungen der Wirklichkeit. Durch unsere meisten in moderner Zeit spielenden Romane von Bedeutung geht ein tendenziöser Zug, man will irgend etwas beweisen, für irgend eine Sache kämpfen oder eine Idee entwickeln. Unser Volk hungert aber nach Darstell­ungen wirklichen Lebens, das beweist die außerordentliche Verbreitung vonSoll und Haben", das beweist noch mehr der für Deutschland geradezu märchenhafte Erfolg einer noch dazu im Dialekt geschriebenen Geschichte, wie Fritz ReutersStromtid". Um so mehr ist es verwunderlich, daß das diesem Werke vollkommen ebenbürtige Gegenstück Kasper Ohm un ick" saft unbekannt bleiben konnte; denn was dieStromtid" in unübertrefflicher Darstellung meck­lenburgischer ländlicher Verhältnisse bietet, dasselbe leistet Brinckman, indem er uns die Schifferkreise der alten See- und Handelsstadt Rostock mit ihren wunderlichen Originalen, ihrer Freude und ihrem Leid vorführt. Und wenn es durch dieStromtid" weht wie ein Erdgeruch frisch aufgebrochenen Landes und ein Duft nach Heu und reifem Korn, so geht durchKasper Ohm un ick" ein Hauch von frischer Seeluft und ein leiser Hafengeruch nach geteertem Tauwerk.....

Das Buch enthält eine Fülle scharfumrissener Charak­tere, die wirklich leben und sich bewegen, und von denen jeder feine eigene Sprache spricht. Es gehört zu den guten Büchern, aus denen ein frischer Quell von Heiterkeit und Lebenslust strömt. Auch an ergreifenden Stellen ist es nicht arm, besonders in feinem letzten Teile, der in der Franzosenzett spreit. Aber durchaus frei ist es im Gegen­satz zu Reuter von jeder Sentimentalität, alles ist gesund, srisch und urwüchsig. Auch enthalten sämtliche Dialekt­schriften Brinckmans niemals jene nur plattdeutsch ge­schriebenen, aber hochdeutsch gedachten Stellen, die bei Reuter oft ganze Seiten füllen. Brinckman ist stets unbe­schreiblich echt und treu in dem durchaus plattdeutschen Grundcharakter seiner Darstellungen..... Und so rate

ich denn jedem, sich dies gute Buch einzuthun. Sofern