Ausgabe 
24.2.1901
 
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hatte seinen Arni losgelassen, und begann mich mit zitternden Händen anzukleiden, wobei ich bemerkte, daß rch glücklicherweise alles Notwendige mit heraufgebracht hatte, sogar Hut und Schuhe.

Ist niemand an Deck?" schrie Richard, indem er dte Hand an den Mund legte. Seine Stimme schallte mit einem hohlen Klang über das Deck, und wurde in schwachem Echo von dem oben ausgebreiteten Segeltuch zurück­geworfen. Keine Antwort erfolgte.

Herr Short!" schrie er wieder.

9htr das schwache Geräusch der leichten Brise in der Takelage war vernehmbar, und der leise klingende Ton des gegen die Schisfsseite plätschernden Wassers. Wiederum blieb alles still, und niemand zeigte sich.

Richard rannte nach vorne; in kaum einer Minute war er wieder da.

Die Mannschaft hat uns verlassen", rief er.Sie sind mit dem großen Boot von Bord gegangen. Siehst Du die Taljen in den Raanocken? Wie leise die Banditen ihre Arbeit gethan haben!"

Ach, Richard", schrie ich,Herr Heron ist unten ein­geschlossen und muß ersticken."

Ich hatte kaum ausgesprochen, als mein Mann in die Kajütskapp hinabstürzte. Dicker Rauch stieg jetzt empor, und die vorhin erwähnten scheußlichen, giftigen, gasartigen Dämpfe waren noch in bedeutend höherem Grade damit vermischt als zuvor. Ich stand in Todesangst an der Kapp und wartete, daß Richard mit dem Steuermann wieder heraufkommen sollte. Die Qualen jener wenigen, erwartungs­vollen Minuten werde ich nie vergessen. Glücklicher­weise dauerte es nicht lange. Mein Mann kam die Treppe wieder heraufgestürzt; er hielt beide Hände vor den Mund. Kaum war er an Deck, so stürzte er der Länge nach hin. Heftiges Erbrechen folgte. Was mich aber noch mehr ängstigte, war das Blut, mit dem Gesicht und Hände bedeckt waren; die Wirkung der giftigen Gase.

Ich rannte an eines der Wasserfässer, füllte die Plumpe und brachte sie ihm. Das kalte Wasser, mit dem er Mund, Gesicht und Hände reinigte, erfrischte ihn, und er erhob sich wieder.

Hast Du den Steuerinann gefunden?" fragte ich.

Er ist fort mit den anderen", antwortete er.Seine Thür steht weit offen. Die Kammer ist voll Rauch, und ich mußte mich hineintappen, um in seine Koje zu fühlen. Er ist fort", wiederholte er. Weiter sagte er nichts dar­über. Jetzt trat er an das eine der Quarterboote, und besah e5 genau. Er hatte seine Fassung wiedererlangt, und sprach ganz ruhig.

Sie sind wenigstens so menschlich gewesen, uns zwei Boote zu lassen", meinte er,vielleicht haben sie auch gehofft, daß der giftige Rauch uns die Mühe ersparen würde, ein Boot überzusetzen. Gott sei Dank! wir haben keine Eile. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Ladung in Flammen steht; höchst wahrscheinlich stecken Steuerleute und Matrosen dahinter. Daß sie es in der Absicht gethan haben, uns zu töten, oder mir wenigstens einen schweren Nachteil in meinem Berufe zu bereiten, davon bin ich ebenso fest überzeugt, wie davon, daß ich hier an Deck stehe, wenn ich auch nur aus der Art und Weise, wie die Banditen sich weggestohlen haben, darauf schließen kann. Jeß, mein Kind, wir müssen sehen, daß wir unser Leben retten. Laß uns kaltblütig bleiben, und aufiGottes Barmherzigkeit vertrauen. Geh etwas weiter von der Kapp fort, diesem Rauch aus dem Wege. Ich werde im Augenblick wieder hier sein."

Er stürzte nach vorne und verschwand. Nach ungesähr drei Minuten kam er zurück. Er trug ein Bündel in der Hand, das er achtern in das eine Book warf. Zugleich nahm er ein kleines Fäßchen aus dem Buge des Bootes, trug es an eins der Wasserfässer und füllte es mit der Plumpe. Dann brachte er sowohl Fäßchen wie Plumpe wieder in das Boot.

Ich schaute ihm müßig zu; ich wußte nicht wre und was ich ihm helfen könnte. Selbst jetzt war mir bas Furcht­bare unserer Lage noch nicht klar. Es schien mir immer noch wie ein Traum, eine Fortsetzung des Alps, der mich vorhin bedrückt hatte.

Als Richard das Fäßchen mit frischem Wasser ordentlich feftgestaut hatte, sprang er in das Boot und untersuchte es nochmals auf das gründlichste. Er glaubte offenbar.

den Leuten selbst einen so teuflischen Plan zutrauen zu können, daß sie die Boote vielleicht durchlöchert und in Fallen für uns verwandelt hätten. Dann rief er mich und bat mich, ihm zu helfen, wenn er das Boot ins Wasser ierte. Ich brauchte hierzu keine besonderen Weisungen. Wie ms gemacht wurde, wußte ich ganz genau. Als Richard klar war,' nahm ich mit dem Taljenläufer einen Turn unter einem Coffeynagel und fierte vorsichtig mit ihm zugleich weg. Als das Boot im Wasser lag, stieg mein Mann an der einen Talje hinab und hakte die Blöcke aus. Dann holte er das Boot bis an die Großrüsten und machte es dort mit der Fangleine fest. Darauf kam er an Deck. Als er vor­der Schanzkleidung herabsprang, stolperte er und fiel leicht auf die Hände. Sofort sprang er aus und rief:Jeß, das Deck ist so heiß wie ein Backofen. Du mußt in das Boot und zwar sofort. Das Schiff ist voller Feuer. Die Ladung muß in hellen Flammen stehen, um eine solche Hitze ztl erzeugen. Es kann jeden Augenblick eine Explosion erfolgen."

Mit diesen Worten sprang er auf die Schanzkleidung, zog mich hinauf, ließ mich in die Rüsten und aus den Rüsten in das Boot hinab. Einen Augenblick zauderte er noch, als er vorne int Boote stand und die eine Hand an dem Schlag bet Fangleine hatte. Er schien zu überlegen, ob er bleiben ober an Deck gehen solle ba ergoß sich ein grünlicher Lichtschein über bie vorderen Segel. Er kam und verschwand so schnell, baß ich es für einen Blitz hielt, bis ein Blick auf bett wolkenlosen Himmel mich überzeugte, baß es ein durch trgenb eine Oeffnung bes Decks aufschießender Flammenstrahl 'gewesen sein müsse. Der Rauch wurde an verschiedenen Stellen des Schiffes dichter und dunkler, und mein Mann erklärte, indem er die Hand an die Schiffsseite legte, daß diese womöglich noch heißer sei als das Deck.

Das plötzliche Emporschießen der Flamme und die zu­nehmende Hitze bestimmten ihn, sich zu entscheiden. Er warf die Fangleine los, ergriff einen Riemen und schob das Boot ab. Dantt kam er nach achtern und wrickte das Boot bis zu einer Entfernung von ungefähr fünfzig Faden von der Bark, wo er es treiben ließ, um das brennende Schiff zu beobachten.

(Fortsetzung folgt.)

Eine Dankesschuld des deutschen Volkes.

Es ist in Deutschland nichts Neues, daß ein Künstler, Komponist ober Dichter ohne Anerkennung zu Grabe geht, und erst nach seinem Tode zu Ruhm und Ansehen gelangt. Oft genug haben wir solche Künstlertragöbien erlebt, uno gerabe in biefen Tagen erleben wir es toteber, tote einem unserer genialsten Lieberkomponisten, bent Oesterreicher Hugo Wolff, Ruhm unb materieller Erfolg blüht, tote ihm von hoher Stelle selbst eine Leibrente ausgesetzt toirb, aber erst, nachbem er durch die gemeine Not des Lebens unheilbarem Wahnsinn verfallen ist. Eine grausige Jrome des Schicksals!

Aehnlich geht es einem unserer bedeutendsten Humo­risten und Dialektdichter, dem prächtigen John Brinckman. In bedrängten Verhältnissen, sich aufreibend für bett Lebensunterhalt einer zahlreichen Familie ist er vor vielen Jahren, ben Zeitgenossen unbekannt, in einer Mecklen­burgischen Lanbstabt gestorben. Erst lange nach seinem Tobe wurde ihm die verdiente Anerkennung, indem ernste Männer wie Klaus Groth, Heinrich Seidel, Johannes Trojan und manche andere immer von neuem auf den hohen. litterarischen Wert seiner Schöpfungen hinwiesen, und dem deutschen Volke vorstellten, was sür einen Schatz an Humor und Gemüt es an John Brinckmans Werken besitze.

Da gegenwärtig die erste Gesamtausgabe von John Brinckmans plattdetttschen Schriften tn Wilhelm Werthers Verlag zu Berlin erscheint, (4 Bde. Preis Mk. 4, für das geheftete, Mk. 5, für ba* gebunbene Exemplar), wollen wir die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, erneut auf Brinckmans litterartsche Bebcuiung hinzuweisen, bantit bas deutsche Volk wenigsteu- durch eine nachträgliche Anerkennung der Dankesschuld ge- gerecht werden kann, die man dem lebenden Dichter vor­enthalten hat.

Wir glauben dies nicht besser thun zu können, al* wenn wir hier zusammenstellen, was anerkannte Dichter