Ausgabe 
24.2.1901
 
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1901. - Nr. 29.

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Sonntag den 24. Februar. M

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ud sinken wir all' in des Todes Schoß, f< Ich will nicht klagen der Menschen Los. g,

Ihr seht die Spanne flüchtigen Lebens, Ich sehe den Wandel ewigen Webens.

Ihr seht den Rauch im Winde verweh'n, Ich sehe im Regen ihn niedergehn'n.

Ihr seht das Blatt nur welken vom Baume, Ich ahne die junge Knospe im Traume.

Ihr seht nur die Geister, ich sehe den Geist, Der unvergänglich zum Lichte weist.

Er waltet von Anbeginne zu Ende, Daß sich die große Erlösung vollende.

Drum, sinken die Menschen in Todes Schoß, Ich will nicht klagen der Menschheit Los.

Karl Henckell.

(Nachdruck verboten.)

Die Seekönigin.

Seeroman von Clark Rüssel.

(Fortsetzung.)

Ich mochte ungefähr eine und eine halbe Stunde ge­schlafen haben, als ich einen häßlichen, alpähnlichen Traum hatte. Ich träumte, 'ich wäre zu Hause in Neweastle und iäße mit meinem Vater in dem alten Wohnzimmer, als plötzlich auf eine nur in Träumen mögliche Art das ganze Zimmer in hellen Flammen stand. Wir versuchten hinaus­zukommen; die Thür war verschlossen. Tas Feuer ergriff schon meines Vaters Kleider, und in herzzerreißenden Tönen bat er mich, das Fenster zu öffnen, da seine Hände verbrannt seien. Aber ich konnte mich nicht von der Stelle rühren. Die Flammen umloderten mich, der Rauch, wurde immer btder, und ich war schon dem Ersticken nahe da er» toaä)te ich, und zwar in Schweiß gebadet, und noch voller schrecken von dem gräßlichen Alpdrücken.

Die Lampe brannte aber was war das? Das Licht schimmerte nur trübe wie durch einen Schleier, als ob die tore- Ich spürte einen entsetzlichen Geschmack im Munde wie von giftigen Dünsten, und konnte nur mit großer Mühe atmen, so daß das Gefühl des Er» stickens jetzt noch ebenso stark war als wie vorher im Traume. - . aus der Koje und bemerkte, daß es Rauch

sei, was ich für Nebel gehalten hatte. Ein durchdringender Brandgeruch sowohl wie diese unbeschreibbaren, schauder­haften Dunste erfüllten die Kammer.

Richard lag festschlafend in seiner Koje. Er hatte nur Rock und Stiefel ausgezogen, da er sich an Bord überhaupt nur selten völlig entkleidete. Ich ergriff ihn beim Arme und schüttelte ihn. Gewöhnlich hatte er einen sehr leisen Schlaf; auf den ersten Ruf oder die leiseste Berührung Pflegte er sofort völlig wach zu fein.

Jetzt murmelte er nur, obgleich ich ihn heftig schüttelte, hustete, als ob er ersticken wollte, und behielt die Augen geschlossen. Er schien betäubt zu sein. Der Rauch wurde merklich dicker, und ich fühlte, daß ich kaum noch eine Minute in der Kammer würde aushalten können. In wahrer Todesangst schüttelte ich meinen Mann, und kreischte ihm in die Ohren, daß die Bark in Flammen stände. Da öffnete er die Augen, und blickte zuerst etwas verwirrt um sich; dann aber überflog sein Gesicht der Ausdruck tödlichen Schreckens.

Barmherziger Himmel, Jessie!" schrie er, indem er sich abmühte, Atem zu schöpfen,was ist das?"

Er sprang aus dem Bette und riß die Thüre auf. Die Kajüte war ebenso voll von dem gräßlichen, nebelartigen Dämpfen wie unsere Kammer; glücklicherweise war der Dunst wenigstens nicht dicker als bei uns; sonst würde er uns, als wir die Thür öffneten, unfehlbar erstickt haben.

Wo sind Deine Kleider?" schrie Richard.Nimm schnell zusammen, was Du irgend erreichen kannst!" Während ich mein Kleid von der Wand riß, und Unter­kleider 2C. zusammenraffte, zog er die Stiefel an, nahm den Rock über den Arm, ergriff mich bei der Hand, und rannte mit mir der Kajütentreppe zu.

Es waren nur wenige Schritte, und doch ioäre ich fast ohnmächtig geworden, als ich meinen Fuß auf die Treppe setzte. Richard half mir hinauf. Da stand ich in der köst­lichen frischen Luft. Die Wohlthat jenes ersten Atemzuges nach den tödlichen Dämpfen, denen ich entronnen war, läßt sich nicht mit Worten beschreiben.

Es war dunkel, aber doch eine herrliche schöne Nacht. Es wehte etwas Wind; allerdings nur ein ganz schwaches Lüftchen. An Deck war alles totenstill. Der schwarze Umriß des Steuerrades hob sich von dem sternbedeckten Horizont ab aber es stand kein Mann daran. Auch vorne war keine Spur von einem lebenden Wesen zu entdecken, und als ich nach oben blickte, bemerkte ich, daß die Vorraaen back gebraßt waren. Das Schiff lag beigedreht, obgleich unter vollen Segeln, von dem Groß-Royal bis zum Gaffeltopfegel.

Aus allen Teilen der Bark aber, von den Lukensillen, den Mastkragen, sogar ans den Schiffsseiten und anderen Orten, die ich für undurchdringlich gehalten hätte, stiegen dünne, fpiralsörmige Rauchstreifen auf. Sie brachen mit einer gewissen zögernden Bewegung hervor wie der von einem Mistbeet aufsteigende Dampf. Man konnte beim Licht der Sterne den Rauch deutlich erkennen.

Richard stand an der Kapp und schaute sich um. Ich