Ausgabe 
24.1.1901
 
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Zehntes Kapitel.

M,ein Mannfährt".

Unsere Flitterwochen brachten wir in London zu. Mein Mann hatte sich verpflichtet, an einem bestimmten Termin das Kömmando eines Schiffes zu übernehmen, daher standen uns nur zehn Tage zur Verfügung. Wir hatten zweimal in einer Woche Londoner Nebel, dazu kam unser Mangel an Lokalkenntnis, so daß ich herzlich wenig von London zu sehen bekam. Oft brauchten wir Stunden, um irgend einen Ort ausfindig zu machen, und wenn wir ihn gesunden hatten, stellte es sich zuweilen heraus, daß es gar nicht der Mühe wert war.

Natürlich besuchten wir die Westminsterabtei, den Tower, die Kathedrale von St. Paul, das britische Museum, lauter Orte, von denen die Leute aus der Provinz gewöhnlich mehr wissen als die Londoner. Bei einer Unterhaltung, die Richard eines Tages mit einem Londoner Herrn hatte, stellte sich heraus, daß der Betreffende alle Sehenswürdig­keiten der Hauptstadt, die mein Mann erwähnte, nur vom Hörensagen kannte.

Unsere zehn Tage waren um, und wir kehrten nach Newcastle zurück. Ich verließ London durchaus nicht ungern wahrscheinlich würde ich mich irgendwo anders mit meinem Manne ebenso gut oder vielleicht noch besser unter­halten haben aber ich freute mich auch nicht gerade be­sonders darauf, nach Neweastle zurückzukommen. Der Blick auf die Außenwelt hatte mich nicht befriedigt, sondern nur begierig gemacht, mehr davon zu sehen, und wenn ich New­castle in^Gedanken mit London verglich, schien die alte, hübsche Stadt zusammenzuschrumpfen. Nach den meilen­langen Häuserreihen der Hauptstadt kam sie mir nur noch vzie ein anständiges Dorf vor.

Der Vater empfing uns sehr herzlich. Wir kamen des Abends an. Ein gutes Abendbrot stand für uns bereit, im Schlafzimmer brannte ein helles Feuer, kurz, alles war mit echt hausfrauenartiger Umsicht angeordnet.

Jedesmal, wenn ich das Zimmer verließ und wieder hereinkam, herzte und küßte mich Vater wie bei meiner Ankunft. Seine Herzlichkeit und gute Laune war in der That ansteckend. Während der ganzen Heimreise war ich niedergeschlagen gewesen; denn jetzt, wo unsere kurzen Mtterwochen vorbei waren, fiel mir der Gedanke schwer aufs Herz, daß in wenigen Tagen mein Mann Abschied nehmen mußte. Der frohe und freudige Empfang meines Vaters übte indessen auch seinen Einfluß auf meine Stimm­ung aus und machte mich wieder hoffnungsfreudiger. Schon sein Anblick, das rote, strahlende Gesicht, die guten Augen, das gewinnende Lächeln war so gut wie Medizin für mein trauriges Gemüt.

Wir saßen noch spät beisammen und entwürfen Pläne für die Zukunft. Vorläufig sollte ich jedenfalls noch bei meinem Vater wohnen bleiben.

Du brauchst weder jetzt noch künftig", erklärte der Vater meinem Manne,davon reden, für Deine Frau eine Wohnung zu mieten. Alles, was ich besitze, gehört Jessie, und was Jessie hat, Euch beiden, lieber kurz ober lang werde ich wohl ausziehen müssen; denn man spricht davon, daß die Stadtverwaltung sich mit neuen Bauplänen beschäf­tigt. Solange ich jedoch keine Kündigung erhalte, betrachten wir dieses alte Dach als unsere Heimat und bleiben darunter. Wenn die Zeit kommt, wo ich hier vertrieben werde, dann werde ich sehen, ob mir die Idee, nach Shields zu ziehen, mit der ich mich schon lange herumgetragen habe, noch gefällt."

Wenn es nicht Ihretwegen wäre, Kapitän, könnte Jeß mit mir zur See gehen", meinte Richard.Aber so schwer auch der Abschied ist, ich lasse sie doch mit leichterem Herzen zurück, als ich sie mit auf See nehmen würde. Die See ist doch keine passende Heimat für eine Frau."

Nun, das will ich nicht sagen", antwortete Vater kopf­schüttelnd.Die See paßt wohl auch für Frauen, aber sehr wenig Frauen passen für die See. Jeß ist eine Ausnahme. Sie ist eine kleine Teerpütze in Unterröcken. Ziehe ihr ein Paar Hosen an, und ich stehe dafür, daß sie ein Großroyal mit jedem Leichtmatrosen um die Wette fest macht und ordentlich hafenmäßig dazu. Das ist also nicht der Grund. Aw kann sie aber nicht auf einmal so weggeben. All­mählich, nach und nach muß ich mich erst daran gewöhnen.

Wenn Du nach Hause kommst, mußt Du öfters Ausflüge mit ihr unternehmen. Ihr geht dann auf einen Tag hierhin, auf eine Woche dorthin, und so werde ich allmählich lernen, mich ohne sie zu behelfen. Dann kannst Du sie auch mit auf See nehmen."

Jessie, mein Lieb", sagte Richard,sobald ich das Kom­mando über ein richtiges Schiff erhalte, kommst Du mit. Aber so eine Art von Kahnschifferfrau will ich nicht ans Dir machen, und viel was anderes würde die Sache nicht sein, wenn ich Dich auf irgend einem alten Geordie unterbringen wollte, dessen Ruderpinne bis in die Kajütskapp hineinreicht und der bis aus einen Zoll vom Schandeckel im Wasser liegt."

Gut, Richard; der Vater weiß, daß ich ihn liebe, und Du weißt, daß ich Dich liebe. Ich will Euch beiden gehorchen; aber dann müssen auch meine Wünsche berücksichtigt werden. Ich bleibe vorläufig zu Hause, jedoch nur unter der Voraus­setzung, daß ich später mit Dir zur See gehe und zwar so lange, bis Du aufhörst, zu fahren."

Er küßte mich und fragte mich flüsternd, ob ich denn nicht glaube, daß es ihm tausendmal lieber sei, wenn ich ihn jetzt gleich begleiten könnte. Dann erinnerte er mich daran, _ daß wir beide dem Vater versprochen hätten, ich würde ihn vorläufig nicht verlassen. Außerdem erklärte er: Selbst wenn Vater damit einverstanden wäre, daß Du mich begleitetest, auf derPhantasie" das war der Name seines Schiffes befindet sich doch kein einigermaßen für Dich geeignetes Logis, wenn sie auch in ihrer Art ganz gut ist."

Ich konnte natürlich durch seine Weigerung ,mich mit­zunehmen, nicht enttäuscht sein, da ich ja, wenigstens für das erste Jahr unserer Verheiratung, nicht daraus gerechnet hatte, ihn auf See zu begleiten. Und doch hätte ich nicht geglaubt, wie unendlich viel schwerer mir der Abschied von meinem Manne fallen würde, als einstmals der von meinem Bräutigam. Ich lag die ganze Nacht hindurch wach und weinte bis zum frühen Morgen, während er friedlich an meiner Seite schlummerte. Als ich im Lichte des anbrechen­den Tages sein Gesicht betrachtete, beherrschte mich der bittere Gedanke an die nahe Trennung in solchem Grade, daß ich mir wie ein treuloses Weib vorkam. Ich hätte taub für des Vaters und Richards Wünsche in Betreff meines Zurück­bleibens sein müssen; wo mein Mann auch hinging, ich hätte ihn begleiten sollen. Das schien mir die einzig richtige Art zu sein, wie man die bei der Trauung abgelegten Ge­lübde aufzufassen habe.

Der Tag kam heran, wo Richard mich umarmte und mir Lebewohl sagte. Den Abschied will ich übergehen. Richard segelte nach dem Golf von Mexiko, und viele Wochen mußten vorübergehen, ehe wir uns Wiedersehen konnten.

So manche Frau wird verstehen, was ich fühlte, als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte und ich nun dastand und seinen verhallenden Schritten lauschte, als er mit dem Vater die Straße hinabging. Selten nur kommen andere Frauen in eine solche Lage wie die von Seeleuten oder Soldaten. Am häufigsten trifft es die Seemannsfrauen; das gilt für die Kajüte wie fürs Volkslogis; denn nur noch selten hört man jetzt, daß ein Kapitän seine Frau mit zur See nimmt. Hunderte von Schiffern und Steuerleuten würden es nur zu gerne thun, aber die Reeder sind gegen diese Sitte, die einst fast allgemein war. Die Gründe, ' die sie dafür haben mögen, scheinen etwas unklar; denn sicherlich wird doch dem Führer durch die Anwesenheit seines Weibes die Sicherheit des Schiffes ans Herz gelegt, und er erfüllt infolge dessen um so umsichtiger seine Dienstpflichten.

Als mein Mann fort war, begann mein altes Leben wieder; ich half dem Mädchen, besorgte das Haus und that so viel ich konnte für des Vaters Bequemlichkeit. Meine Heirat kam mir wie ein Traum vor. Manchmal, wenn ich allein in dem alten Wohnzinimer saß und an die Vergangen­heit dachte, konnte ich kaum glauben, daß die Hochzeit in der St. Nikolauskirche und das Frühstück in denDrei indischen Königen" wirklich stattgefunden habe, daß die Reden dort wirklich gehalten worden wären, urtb daß auch unser Ausflug nach London nicht bloß auf Einbildung beruhe. Selbst mein Trauring kam mir zuweilen märchenhaft vor.

(Fortsetzung folgt.)